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Fazit / Archiv | Beitrag vom 19.12.2018

Betrug beim "Spiegel""Ein Fall, der das Unternehmen prägen wird"

Jan-Philipp Möller im Gespräch mit Britta Bürger

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Blick von unten auf die oberen Stockwerke des Gebäude des Spiegel-Verlags in Hamburg, oben mit der Aufschrift "Der Spiegel".  (imago/CHROMORANGE)
Unter Druck: Der Spiegel-Verlag in Hamburg. (imago/CHROMORANGE)

Der "Spiegel" legt einen Betrugsfall von unfassbarem Ausmaß offen. Claas Relotius soll viele seiner Geschichten erfunden haben. Der "Spiegel"-Mitarbeiter Jan-Philipp Möller sagt: "Was der Diesel-Skandal für die Automobilindustrie ist, ist Relotius für den Spiegel."

Bevor der "Spiegel" den Fall Claas Relotius öffentlich machte, wurden die Mitarbeiter zu einer dringenden Sitzung zusammengerufen und über den Fall informiert. "Das Wort Fassungslosigkeit trifft die Stimmung ganz gut. Jeder schien zu wissen, dass dieses Ereignis das Zeug hat, die Unternehmensgeschichte zu prägen", berichtet Jan-Philipp Möller. Der Journalist arbeitet neben seiner Tätigkeit für öffentlich-rechtliche Sender auch als freier Autor für das Hamburger Nachrichtenmagazin.

Märchen statt Journalismus

Claas Relotius, 33 Jahre alt und mit Journalistenpreisen überhäuft, soll bis zu 55 Geschichten umfangreich manipuliert und gefälscht haben. "Zitate, Orte, Szenen, vermeintliche Menschen aus Fleisch und Blut. Fake", schreibt das Nachrichtenmagazin. "Der Spiegel beschönigt nichts und bietet gerade größtmögliche Transparenz in der Aufklärung und in der Kommunikation - und das meines Erachtens überaus selbstkritisch", so Möller im Deutschlandfunk Kultur.

Kürzlich erst hatte Relotius den Deutschen Reporterpreis erhalten. Die Jury lobte ihn als Kollegen, der seine Quellen stets offen lege. "Im Nachhinein ist das auch ein Armutszeugnis für diejenigen, die mit der Kontrolle und Überprüfung in diesem Gremium betraut waren", gibt Möller zu. Allerdings: Journalistische Arbeit beruhe vor allem auf Vertrauen: "Nicht jedes Wort kann verifiziert werden."

Auch die Gesellschaft muss Medien wie dem "Spiegel" vertrauen können. "Diese Geschehnisse tragen natürlich gar nicht dazu bei, das angespannte Verhältnis zwischen Medien und Gesellschaft zu heilen", sagte Möller.

Aufklärung und Transparenz

Der "Spiegel" hält seinen Wertekodex hoch, rühmt sich gern seiner Qualitätssicherung. Dafür hat das Haus extra die Abteilung "Dokumentation" eingerichtet. "Die Dokumentation ist eine einmalige Abteilung, in der über 65 Redakteure alle Fakten penibel verifizieren", erklärt Möller. "Als Reporter bin ich verpflichtet, alles offen zu legen, das sind zum Beispiel Briefe, E-Mails, Akten." Offensichtlich konnte Relotius diese Kontrollinstanz aber täuschen.

Sicherlich wachse mit der Zeit auch die Hemmschwelle, einen preisgekrönten Reporter kritisch zu hinterfragen, glaubt Jan-Philipp Möller. Aufgeflogen ist der Skandal durch die Skepsis und Recherche eines Co-Autors von Claas Relotius, der sich am Ende traute, seine Bedenken zu äußern und Geschichten zu überprüfen, obwohl ihm die "Spiegel"-Chefredaktion erst nicht glaubte.

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