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Studio 9 | Beitrag vom 01.11.2016

Besuch in einem Berliner Frauenhaus"Ich muss mich nicht schämen"

Von Susanne Arlt

Eine Frau sitzt im Frauenhaus auf einem Bett, hier in Herne in Nordrhein-Westfalen. (picture alliance / dpa / Maja Hitij)
Eine Frau sitzt im Frauenhaus auf einem Bett, hier in Herne in Nordrhein-Westfalen. (picture alliance / dpa / Maja Hitij)

Im vergangenen Jahr registrierte die Berliner Polizei knapp 14.500 Fälle von häuslicher Gewalt. In 70 Prozent der Fälle waren Frauen die Opfer. Unsere Reporterin hat in einem Berliner Frauenhaus Natascha getroffen, die mit ihrem kleinen Sohn vor dem gewalttätigen Freund flüchtete.

Das Haus liegt gut geschützt. Inmitten einer Wohnsiedlung, irgendwo in Berlin. Eine Kamera am Eingang registriert jeden Besucher. Ein hohes Stahltor versperrt den direkten Zugang.

Hinter dem Tor fegen vier Frauen das herabgefallene Laub zusammen, stopfen es in einen Korb. Sie unterhalten sich in gebrochenem Deutsch, stammen aus den unterschiedlichsten Ländern. Aus Syrien, Vietnam, Russland – sie teilen dasselbe Schicksal. Jahrelang wurden sie misshandelt, geschlagen, gedemütigt. Die meisten von ihren Ehemännern oder Freunden. So wie Natascha.

"Das war nicht jeden Tag, also das war unregelmäßig, aber das war Schlagen und auch psychisch, also das war sehr schwer. Ich durfte nichts machen, er war auch sehr eifersüchtig und das war dieser Grund, warum …"

Natascha hebt die Hände, sucht nach Worten, die erklären, warum sie ihren Freund erst nach zwei Jahren verlassen hat. Das gemeinsame Kind, die gemeinsame Wohnung, die Hoffnung, er werde sich schon ändern.

"Bei meiner Familie sagt man immer, dass Kind braucht Mama und Papa. Und ich wollte immer, dass mein Kind beide hat: Mama und Papa. Ich habe immer gesagt 'Okay, nächstes Mal wird es besser', ich habe das immer geglaubt. Das ist sehr schwer."

Im Streit stellte sich der Sohn vor sie

So schwer, dass sie trotz der Schläge und Demütigungen bei ihm blieb. Erst als ihr kleiner Sohn sich während eines Streits schützend vor seine Mutter stellte, wurde ihr klar: Sie müssen ihn verlassen, sofort. Als er abends aus dem Haus zum Schichtdienst ging, wählte Natascha die Nummer der BIG-Hotline, eine Berliner Notrufzentrale für Frauen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind.

"Das war ja schon nachts, wo ich losgegangen bin mit meinem Sohn. Ich habe alles, was eigentlich er braucht eingepackt, weil, ich habe gar nicht über mich nachgedacht. Also sein Lieblingsspielzeug, seine Lieblingsdecke, alles was er so braucht habe ich mitgenommen. Und dann war ich in so einer Anlaufstelle drei Tage und habe gewartet, wo ein Platz im Frauenhaus frei wird."

Natascha, die in Wirklichkeit anders heißt, schaut ihrem kleinen Sohn beim Spielen zu. Auf dem großen Spielplatz amüsiert sich Kolja prächtig mit seinen neuen Freunden. Das bringt schließlich auch die Mutter zum Lachen. Seit ein paar Wochen lebt sie mit ihm jetzt in dem Frauenhaus. Das Leben hier sei sicher, aber nicht immer leicht, sagt sie. Sie hat keinen Job, keinen Kontakt mehr zu Freundinnen von früher. Dafür hat sie hier neue Freundschaften geschlossen. Mit Frauen, die ihre Situation kennen, die sie darum besser verstehen.    

"Ich muss mich nicht schämen, dass ich in so einer Situation war. Und das ist ja auch gut, dass wir darüber reden können, die Frauen, die unterstützen auch sehr. Wir kochen auch zusammen, wir lachen auch ganz viel und das ist schön. Von dieser Seite ist das schön, dass wir nicht alleine sind, aber von der anderen Seite fehlt das Zuhause."

Die vielen Gespräche tun gut

Ihr neues, provisorisches Zuhause liegt im ersten Stock. Der Blick nach draußen geht auf Bäume, einen Park. Der Raum misst knapp acht Quadratmeter. Platz für zwei Betten, einen Tisch und einen Waschtisch. Dusche und WC muss sich Natascha mit fünf anderen Frauen auf dem Flur teilen. An den vier Wänden hängen Fotos von der Familie, alten Schulfreunden. Und drei bunte Bilder von Kolja. Mit seinem Vater habe sie keinen Kontakt mehr, sagt sie, nur noch mit seinen Eltern. Sie hat nichts dagegen, wenn er sein Kind sehen möchte. Schließlich haben sie beide das Sorgerecht. Aber nie wieder will sie mit ihm unter einem Dach wohnen.

"Die ersten drei Wochen habe ich sehr Angst gehabt. Also richtig Angst gehabt. Und jetzt, ich habe nicht so viel Angst, weil ich fühle mich jetzt hier nach diesen Wochen, wo ich hier bin, sicher."

Nicht nur der geschützte Ort bietet Sicherheit, auch die vielen Gespräche mit den Sozialarbeiterinnen, den Erzieherinnen, der Psychologin und natürlich den 23 anderen Frauen, mit denen sie hier lebt.

"Also ich fühle mich auch schon ein bisschen stärker und besser als Frau, also ich fühle mich als Frau jetzt wieder. Also ich weiß schon jetzt, dass ich irgendwie ein Mensch bin und habe meine eigenen Rechte und ich habe jetzt keine Angst mehr."

Natascha schmiedet wieder Pläne. Sie will mit ihrem Sohn in eine eigene Wohnung ziehen, sich einen Job suchen. Auf eigenen Füßen stehen.

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