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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 05.01.2018

Besuch in der Jüdischen Gemeinde KölnWarum Antisemitismus immer unverblümter gezeigt wird

Von Manfred Götzke

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Eine Demonstration zum Jewish Holocaust Memorial Day am 27. April 2017 in Berlin, Deutschland (imago/ZUMA Press)
Rund 20 Prozent der Bevölkerung in Deutschland ist antisemitisch, sagen Studien. (imago/ZUMA Press)

Hasskommentare, Drohungen und rohe Gewalt: Das Antisemitismus-Problem in Deutschland sei nicht neu, sagt Abraham Lehrer, Vorstand der jüdischen Gemeinde Kölns. Aber gerade durch die sozialen Medien werde der Antisemitismus immer offener ausgelebt.

Vor dem jüdischem Gemeindezentrum in Köln-Ehrenfeld parkt ein Polizeimannschaftswagen. Das Zentrum mit Kindergarten Schule und Wohnheim steht unter Polizeischutz, jeden Tag, 24 Stunden lang. Wie fast alle jüdischen Einrichtungen in Deutschland. Ich bin in dem Gemeindehaus mit Abraham Lehrer verabredet. Er ist der stellvertretende Vorsitzende des Zentralrates der Juden und Vorstand der jüdischen Gemeinde Kölns.

Bevor ich in das eigentliche Gebäude kann, muss ich durch eine Sicherheitsschleuse, zwei Quadratmeter zwischen Panzerglastüren. Ein junger Mann Tastet mich hier ab, und untersucht akribisch meine Umhängetasche. Standard, bei jedem Gast des Gemeindezentrums.

Abraham Lehrer kommt in einen Besprechungsraum. Auf dem Tisch stehen Kekse, Kaffee und Sprudel.

"Dass wir ein Antisemitismus-Problem in unserem Land haben, ist wirklich nichts Neues."

Abraham Lehrer meint damit nicht den Antisemitismus von muslimischer Seite. Der 62-Jährige wurde als Sohn von Holocaust-Überlebenden in New York geboren. Schon als kleines Kind siedelte er dann mit seiner Familie nach Köln über. Er hat alle möglichen Arten von Antisemitismus erlebt, schon als Jugendlicher im Wirtschaftswunder-Deutschland. Die meisten Antisemiten, das seien auch heute immer noch die alteingesessenen Deutschen.

20 Prozent der Bevölkerung sind antisemitisch

"Es gab diese Untersuchung mit 20 Prozent Bevölkerungsanteil, die antisemitisch sind. Da hat man gesagt, nein, das kann nicht sein, ist ein Fehler in der Untersuchung, heute weiß man, dass es alles tatsächlich so ist. Unsere Uraltverblendeten, unsere Neonazis haben nichts mit Islam zu tun und sind trotzdem verblendet bis zum geht nicht mehr. Also ich glaube nicht, dass es ein rein muslimisches Thema ist, es gilt für die anderen Gruppen genauso."

Und doch habe sich etwas verändert, seit Deutschland Flüchtlinge aus Syrien, aus dem Irak, aus Afghanistan und Pakistan aufgenommen hat. In fast allen diesen Ländern gilt der Staat Israel als Erzfeind, sagt Lehrer. 

"Wir haben eine Million Flüchtlinge aufgenommen, die fast über die Muttermilch Informationen aufgenommen haben: Juden muss man vernichten, soll man vernichten. Das sind alles Dinge, die das Antisemitismus-Problem verschärfen und verstärken."

Doch es sind längst nicht nur die neu zugewanderten Muslime, unter denen der Antisemitismus grassiert. Nach der Entscheidung des amerikanischen Präsidenten, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen, demonstrierten Anfang Dezember Tausende Menschen vor der amerikanischen Botschaft am Brandenburger Tor. Was als Protest gegen diese Entscheidung angekündigt war, entpuppte sich jedoch als blanker Hass gegen Israel und gegen Juden. Sie verbrannten Israel-Flaggen, skandierten, "die Armee Mohammeds wird zurückkehren". Viele Demonstranten waren türkischstämmige Bürger, in dritter, vierter Generation. Sie schwangen Türkei-Flaggen, zu den Veranstaltern der Demos gehörte die türkische "Milli Görus"-Bewegung, in deren Publikationen regelmäßig antisemitische Aussagen veröffentlicht werden.

"Sie wissen, dass die jüdische Gemeinschaft die islamischen Verbände auffordert, sich deutlicher vom muslimischen Antisemitismus zu distanzieren. Und das fordern wir nach wie vor."

681 antisemitische Straftaten wurden nach Angaben der Bundesregierung im ersten Halbjahr 2017 in Deutschland angezeigt. Vier Prozent mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Ob es sich dabei um Neonazis, Islamisten oder ganz andere Täter handelt, dazu gibt es keine aussagekräftigen Erkenntnisse.

Beschimpfungen sind an der Tagesordnung

"Es gibt zwei Dinge, die uns unsere Gemeindemitglieder berichten, das berühmte ‚Du Jude‘ als Schimpfwort auf dem Schulhof ist auf der Tagesordnung. Es trifft nicht immer jüdische Schüler, denn die wenigsten haben ja Mitschüler, die Juden sind oder sich zum jüdischen Glauben bekennen. Dieses Schimpfwort ist wirklich an der Tagesordnung. Das zweite ist, dass sich Erwachsende aber im Fahrwasser dieser Erwachsenen auch Jugendliche sich getrauen, sich offen antisemitisch zu äußern."

Das habe allerdings weniger mit muslimischen Migranten zu tun, als mit dem Internet, mit den sozialen Medien, sagt Lehrer. Hate-Speech, Hasskriminalität, Gewalt- und Morddrohungen geäußert unter Klarnamen, das alles habe auch den Antisemitismus in Deutschland verändert. Er ist offener, wird unverblümt ausgelebt.

"Wir beobachten schon seit einigen Jahren, dass wir antisemitische Zuschriften nicht mehr anonym bekommen, sondern dass die Menschen das unter eigenem Namen, mit der richtigen Adresse uns zuschicken."

"Würden Sie jüdischen Jugendlichen empfehlen, mit einer Kippa durch Köln-Kalk oder Mühlheim zu gehen?"

"Ich würde nicht sagen Mühlheim, Köln-Kalk oder andere Stadtteile in Köln, aber es ist halt so, wir raten unseren Gemeindemitgliedern, auch den jungen Menschen vor allem: Passt auf, wo ihr hingeht. Wenn ihr irgendwo hingeht, wo es kritisch ist, dann verbergt die Kippa besser unter einer Schirmmütze oder einer anderen Kopfbedeckung. Ich würde sagen: Natürlich gibt es Straßen, Karrees, wo man aufpassen sollte. Wo man besser mit der Kippa nicht hingehen würde."

"Hätte man so eine Empfehlung vor zehn Jahren auch aussprechen müssen?"

"Nein, das ist etwas, das in den letzten zwei drei Jahren extrem zugenommen hat, vor zehn, fünfzehn Jahren war diese Warnung völlig unnötig."

Lehrer selbst hat keine Angst, sich zu seinem jüdischen Glauben offen zu bekennen, doch er hört immer häufiger von jungen Gemeindemitgliedern, die sich nicht mehr trauen, sich als Juden zu "outen", sagt er.

"Ich habe nie bei jeder erstbesten Gelegenheit den Menschen, die ich neu kennengelernt habe, auf die Nase gebunden, ich bin Jude oder ich bin Funktionär, aber wenn es sich ergeben hat, wenn das Thema Religion hoch kam, dann habe ich das gesagt, dass ich mich aktiv in der jüdischen Gemeinschaft engagiere. Natürlich haben auch mich damals Leute – ich hätte beinahe gesagt – mich schräg angeguckt. Aber ein Geheimnis daraus machen, wenn wir schon weit sind, dass das die Tagesordnung, dass das die Regel sein sollte – dann stimmt hier etwas absolut nicht mehr in unserem Land."

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