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Fazit | Beitrag vom 22.10.2020

Beschädigte Kunstwerke in Berlin"Ihrer Vieldeutigkeit wegen wunderbar geeignet für wüsteste Theorien"

Nikolaus Bernau im Gespräch mit Vladimir Balzer

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Medienvertreter fotografieren Spuren der Sachbeschädigungen an einem Sarkophag des Propheten Ahmose im Neuen Museum auf der Berliner Museumsinsel, aufgenommen am 21.10.2020. (picture alliance/Bernd von Jutrczenka/dpa)
Spuren der Sachbeschädigungen - auch an einem Sarkophag des Propheten Ahmose im Neuen Museum auf der Berliner Museumsinsel. (picture alliance/Bernd von Jutrczenka/dpa)

Mehr als 60 Kunstwerke sind Anfang Oktober auf der Berliner Museumsinsel mutwillig beschädigt worden. Zum Ziel dieses Anschlags wurden hier nach Einschätzung des Museumskritikers Nikolaus Bernau Kunstwerke, die mit einer besonderen Aura umgeben sind.

Aus der Perspektive von Verschwörungstheoretikern seien die Anschläge eine ganz interessante Sache, sagt Museumskritiker Nikolaus Bernau. Viele der rund 60 Objekte, die Anfang Oktober in den Museen der Berliner Museumsinsel mit einer öligen Flüssigkeit bespritzt wurden, sind Objekte wie Sarkophage aus dem alten Ägypten und symbolische Gemälde.

Faszination für das Alte Ägypten und die Unterwelt

"Das alte Ägypten wird schon seit dem 18. Jahrhundert immer wieder gleichgesetzt mit Freimaurern, Illuminaten und Geheimbünden. Symbolistische Gemälde aus der Zeit um 1890 aus Belgien sind eben gerade ihrer Vieldeutigkeit wegen wunderbar geeignet, dass man da die wüstesten Theorien spinnen kann. Und genau diese Objekte wurden ja wohl tatsächlich mit diesem Öl bespritzt."

Eine Verbindung zwischen den Sarkophagen und Jahrtausende später entstandenen symbolistischen Gemälden gebe es nicht, so Bernau: "Es gibt nur die Verbindung in den Köpfen derjenigen, die eine Verbindung herstellen wollen." Dies sei "klassisch" eine klare Verschwörungstheorie. "Die Symbolisten waren ausgesprochen begeistert von Ägypten, wie überhaupt ganz Europa ja seit 200 Jahren begeistert ist von Ägypten. Auch deswegen, weil es immer wieder so geheimnisvoll erscheint und so magisch und so unerklärlich, dass man diese Schrift so lange nicht lesen konnte."

Auch dass die Bildersprache so schwierig zu entziffern ist, sei immer faszinierend für die Europäer gewesen. Eine Rolle spielten auch mystisch-mythische Vorstellungen von Leben und Tod: "Der Teufel und die Unterwelt scheinen eine wichtige Rolle zu spielen. Tatsächlich sind es ja Sarkophage gewesen, die angegriffen worden sind - vielleicht auch wegen der Unerklärlichkeit des Todes."

Tatort Museum

Auffällig sei, dass Museen immer wieder die Orte sind, an denen solche Verschwörungsmythen und -ideen aufgehängt würden. "Man erinnere sich bloß an diesen Roman "Illuminati" - der spielt ja ganz wesentlich im Pariser Louvre."

Angriffe auf Museumsobjekte hätte in der Vergangenheit immer verschiedenste Ursachen gehabt: "Es gibt diese ganz emotionalen Sachen, dass sich Leute einfach von Objekten, die in Museen hängen, so angegriffen fühlen und so emotional betroffen sind, dass sie diese zerstören wollen – wie etwa bei einem Rubens Gemälde in der Alten Pinakothek in München 1959."

Aufmerksamkeit erzeugen

Andere wollten einfach berühmt werden und griffen deswegen Kunstwerke an. Aber es gebe auch politische Aktionen, die damit zusammenhängen könnten.

Schützen könnten sich Museen eher nicht. Museumsdirektoren könnten sich aber durchaus an aktuellen, großen Debatte orientieren, sagt Bernau. Denn Menschen, die aus einer emotionalen Befindlichkeit heraus handelten, orientieren sich an dem, was in der Öffentlichkeit debattiert werde.

"Vor rund zwei Jahren gab es die Aktion in der schottischen Nationalgalerie, dass ein Gemälde einer nackten Frau abgehängt wurde. Daraufhin gab es sofort eine Debatte in Berlin, dass man auch den siegreichen Amor von Caravaggio abhängen müsse, weil das ja Pädophilie darstellen würde - was sachlich vollkommen unsinnig ist."

Solche Debatten um Kunstwerke zeigten Verantwortlichen, was für Leute interessant sein könnte, die glaubten, über die Zerstörung oder Beschädigung von Kunstwerken Aufmerksamkeit erregen zu können.

(mle)

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