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Interview | Beitrag vom 30.07.2018

Berüchtigte Deponie in Ghana"Eigentlich ist der Export von Elektroschrott verboten"

Rüdiger Kühl im Gespräch mit Dieter Kassel

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Männer arbeiten am Stadtrand von Accra auf einer Müllhalde aus Elektroschrott.  (picture alliance / dpa)
Männer arbeiten am Stadtrand von Accra auf einer Müllhalde aus Elektroschrott. (picture alliance / dpa)

Es fehlt an Kontrolleuren. Daher wisse niemand, wie viele alte Elektrogeräte über den Hamburger Hafen nach Afrika gelangen, sagt Rüdiger Kühl von der United Nations University Bonn. Über die afrikanischen Märkte gelange der Ausschuss auf die berüchtigte Deponie in Accra.

Dieter Kassel: In dieser Woche kommt ein Dokumentarfilm in die deutschen Kinos, der Menschen zeigt, die in Accra in Ghana rund um eine riesige Elektroschrott-Müllhalde hausen und davon leben. Wovon sie konkret leben, das riecht man regelrecht, finde ich, wenn man den Film sieht, obwohl das natürlich technisch nicht geht, denn was da im Grunde genommen von diesen Menschen gemacht wird, ist, sie zünden diesen Müll an, um Plastik von wertvollen Metallen zu trennen. Und wie das funktioniert, das beschreibt in diesem Film auch einer der Männer.

O-Ton / Film: "Man sagt, das Feuer sei ein Monster. Für mich ist es eine gute Sache. Es trennt die Metalle vom Plastik. Das Feuer schafft immer etwas Neues. Frisches Kupfer. Und ich weiß, wie man es kontrolliert, wie man das Monster zähmt."

Falls das etwas merkwürdig von der Stimme für Sie klang in diesem Film "Welcome to Sodom", werden die Menschen, die man dort sieht, wenn sie sprechen, synchronisiert. Wir haben also jetzt die Synchronstimme dieses jungen Afrikaners gehört, und man hat da schon fast eine Vorstellung von dieser Müllhalde. Eine viel konkretere, weil er sie selber auch schon mit eigenen Augen gesehen hat, hat natürlich Rüdiger Kühr. Er ist Leiter des Programms für nachhaltige Kreisläufe an der Universität der Vereinten Nationen in Bonn. Einen schönen guten Morgen!

Rüdiger Kühr: Guten Morgen!

Kassel: Als Sie damals da waren, welchen Eindruck hatten Sie denn von der, ich zitiere jetzt mal diesen jungen Mann, von der Zähmung dieses Monsters?

Kühr: Also es ergibt sich der gleiche Eindruck, wie Sie ihn gerade geschildert haben. Je mehr man sich dieser Müllhalde wirklich nähert, desto mehr dringt einem dieser Geruch in die Nase, und das ist auch das, was mich bis heute noch irgendwo begleitet. Wenn ich Bilder aus Agbogbloshie sehe, aus Accra, von dieser Müllhalde, erinnere ich mich sehr stark wieder an Gerüche, ich bin da vielleicht auch ein sehr geruchaffiner Mensch irgendwo. Hinzu kommen natürlich die vielen verschiedenen Bilder, die dieser Film in einer sehr eindrucksvollen Art und Weise wirklich wiedergibt, aber die Bilder muss man auch in einen gewissen Kontext setzen, um ein Verständnis dafür zu haben, was hier wirklich passiert, warum es passiert und wo vielleicht auch Lösungsmöglichkeiten sind.

"Sehr viel vom Gebrauchtwarenmarkt aus Ghana"

Kassel: Was ich mich ja bei dieser Riesenmüllhalde – man kann sie in diesem Film sehen, es gab auch schon Fernsehdokumentationen darüber, man findet im Internet Bilder –, was mich wundert, ist, dass es sie in dieser Form überhaupt noch gibt. Es gibt ja immer Nachschub, wo kommt denn der ganze Elektroschrott da her?

Kühr: Dieser ganze Elektroschrott, der da herkommt, kommt vornehmlich zunächst mal aus dem lokalen Markt in Ghana. Wir haben den Eindruck immer wieder, auch aufgrund bestimmter Berichte, die in der Vergangenheit stattgefunden haben, dass es vornehmlich direkt aus Europa, aus den USA oder aus Japan dort angelandet würde. Dem ist nicht der Fall, das haben viele verschiedene Studien, unter anderem auch mit Interpol und anderen Akteuren, mittlerweile bewiesen, sondern es kommt sehr viel von dem Gebrauchtwarenmarkt aus Ghana, was dann peu à peu auf dieser Müllhalde als solches landet.

Warum kommt es nicht aus Europa, warum kommt es nicht aus den USA oder Japan? Das hängt damit zusammen, dass hier eigentlich der Export von Elektroschrott verboten ist. Das einzige Einfallstor, was man in diesem Zusammenhang hat, ist, dass man Ware, die hier nicht mehr benutzt wird, als wiederverwertbar deklariert, also nicht als Elektroschrott, und somit findet das dann den Weg nach Ghana und wird zum Teil auch wiederverwertet. Aber hier sind die Quoten dessen, was tatsächlich wiederverwertbar ist oder wofür überhaupt auch ein Markt als solches existiert, relativ gering.

Das heißt, von zehn Fernsehern, den alten Röhrenfernsehern, die wir vielleicht aus Hamburg dann nach Accra verschiffen, sind vielleicht auch nur drei tauglich und zwei werden tatsächlich auch nur gekauft. Und der Rest wird dann über verschiedene Schritte in Agbogbloshie angelandet und dort ausgeweidet auf primitivste Art und Weise.

Hamburg: Florierendes Export-Import-Business

Kassel: Aber wenn diese Quote so gering ist, ich meine, warum passiert das überhaupt, wer verdient denn daran eigentlich dann noch Geld?

Kühr: Es verdienen hier schon die Broker daran Geld. Wenn wir uns also mal verschiedene Straßen beispielsweise in Hamburg angucken – unter anderem ist die Billstraße sehr bekannt dafür, wo es ein florierendes Export-Import-Business gibt –, hier verdient man wenige Euro an jedem Bildschirm, der exportiert wird. Und es macht auch durchaus Sinn, wirklich über einen solchen Export von Gebrauchtgütern nachzudenken und das nicht gänzlich zu unterbinden – das einfach vor dem Hintergrund, dass die Produktion jedweder elektrischer und elektronischer Geräte sehr ressourcenlastig ist. Hier gehen also sehr viele Wertstoffe einerseits rein, es werden aber auch sehr viel fossile Brennstoffe, Wasser und so weiter dafür benötigt, sodass es also durchaus Sinn macht angesichts der geringen Lebenszeit, die diese Geräte in unseren Gefilden fristen, über eine Verlängerung der Lebenszeit nachzudenken und sie einer zweiten oder dritten Nutzung zuzuführen und gleichzeitig damit auch den Akteuren in Ghana, aber auch in vielen anderen Ländern – weil Ghana ist hier nur ein Beispiel – eine Möglichkeit zu geben, an unseren technischen Fortschritten zu partizipieren.

Kassel: Das klingt jetzt alles natürlich positiv. Nun haben Sie aber selber ja vorher schon beschrieben, dass es nicht wirklich funktioniert. Ich meine, wenn wir im Grunde genommen wissen, von, Sie haben ja Zahlen genannt, zehn Fernsehern, und das gilt sicherlich für viele andere Produkte in vergleichbarem Ausmaß – Mobiltelefone, alte Computer und, und, und –, die wir da hinschicken, werden die meisten in kürzester Zeit dann vor Ort doch zu Elektroschrott. Wie kann man denn das verhindern? Brauchen wir da mehr Kontrolle und Auswahl in Deutschland oder brauchen wir Fachleute vor Ort in Afrika?

Kühr: Sowohl als auch. Es funktioniert auf sowohl deutscher oder europäischer Seite nur mangelhaft als auch auf afrikanischer Seite, und man muss sich auch hier über andere Systeme tatsächlich Gedanken machen. Beginnen wir mal bei dem exportierenden Land wie beispielsweise Hamburg und den Verhältnissen im Hamburger Hafen. Hier gibt es noch nicht mal anderthalb Personen – das ist jetzt der statistische Wert –, die sich mit dem Export von Elektroschrott maßgeblich von der Behörde für Umwelt auseinandersetzen. Dass das nicht effektiv dann laufen kann angesichts der zahlreichen Container, die tagtäglich auch Hamburg mit solchen Waren verlassen, das liegt irgendwo auf der Hand. Oder wenn wir uns den Fall von Bayern angucken, wo zum Teil die Produkte über die Grenze dann gebracht werden, auch gen Osteuropa, hier gibt es auch nicht einmal eine Hand voll von Akteuren, die sich damit auseinandersetzen können. Somit können die Kontrollen nicht effektiv sein.

Wenn wir uns dann beim Import in Ghana, Nigeria oder wo auch immer mal mit der Situation auseinandersetzen, so spielt natürlich hier Korruption, hier spielen monetäre Interessen und so weiter eine große Rolle, sodass die Geräte hier angelandet werden. Und obwohl diese Länder auch internationale Vereinbarungen unterzeichnet haben, wie beispielsweise die Basel Convention, wird hier nach wie vor Elektroschrott angelandet, auch wenn das anders umgesetzt werden soll. Hier mangelt es also auch an der Umsetzung als solches.

Sind unsere Verwertungssysteme effektiv?

Kassel: Aber die Umsetzung scheint ja manchmal auch in Deutschland ein Problem zu sein. Sie haben das sicherlich mitbekommen, die Deutsche Umwelthilfe hat ja neulich erst beklagt, dass auch die Rücknahmeverpflichtung von Altelektrogeräten in Deutschland teilweise nicht durchgesetzt wird. Es ist genau festgelegt, ab welcher Firmengröße Händler zurücknehmen müssen, und bei Stichproben soll rausgekommen sein, dass viele einem aber vor Ort erzählen, nee, das ist so nicht, das nehmen wir nicht zurück. Das heißt, es fängt doch bei uns schon an, dass es gesetzliche Regelungen ja eigentlich gibt, die theoretisch ganz vernünftig sind, aber sie werden nicht umgesetzt.

Kühr: Sie werden nicht umgesetzt, und dem Konsumenten ist auch gar nicht bewusst in letzter Konsequenz, dass er hier nach Möglichkeit Druck auf Hersteller und Kommunen ausüben sollte und auch in gewisser Art und Weise handeln sollte. Ich nehme immer gern das Beispiel der Vielzahl der Mülltonnen vor unserem Haus. Dort wird dann Biomasse gesammelt, dort wird Verpackungsmüll gesammelt, in der Nähe habe ich einen Glascontainer stehen und eine Papiertonne und so weiter, aber wenn es um tatsächliche Wertstoffe geht, sprich den Elektroschrott als solches, so muss ich diese Geräte umständlich entweder zum Händler oder zu einem Recyclingcenter zurückbringen oder, wenn ich sie bei Amazon oder eBay gekauft habe, dann auch noch tatsächlich verpacken und wieder mit DHL oder einem anderen Kurierdienst verschicken.

Da müssen wir uns Gedanken über unsere ausgedehnten Bringsysteme machen, ob die in diesem Zusammenhang tatsächlich effektiv sind, oder ob wir hier nicht zu anderen Systemen übergehen. Und andere Systeme, an denen wir arbeiten und die wir auch weiter beforschen möchten, sind zum Beispiel Systeme der Dematerialisierung. Das heißt in letzter Konsequenz, dass Sie nicht mehr den Computer oder das Mobiltelefon als solches kaufen, sondern sie kaufen den Service, den dieses Gerät Ihnen liefert, ein. Im Besitz bleibt es aber beim Hersteller als solches, und der hat dann natürlich ein ganz anderes Interesse an einer Rückführung, an einem Design, was auch eine maximale Wiederverwertung von Wertstoffen, von Komponenten und so weiter impliziert. Das ist aber ein neues Wirtschaftssystem dann, wo es sicherlich auch psychologische Grenzen gibt, aber vielleicht müssen unsere Überlegungen mehr in diese Richtung gehen.

Kassel: Es gibt viele Möglichkeiten, um am Ende unter anderem auch diesen großen Elektroschrott-Müllberg in Accra in Ghana abzubauen, den Berg, den man sehen kann zusammen mit den Menschen, die drumherum leben, in dem neuen Film "Welcome to Sodom", der in dieser Woche in die Kinos kommt. Über Elektroschrott und wie er durch die Welt wandert, haben wir mit Rüdiger Kühl geredet, dem Leiter des Programms für nachhaltige Kreisläufe an der Universität der Vereinten Nationen in Bonn. Herr Kühl, vielen Dank für das Gespräch!

Kühr: Danke Ihnen, Herr Kassel!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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