Seit 09:05 Uhr Im Gespräch

Dienstag, 20.08.2019
 
Seit 09:05 Uhr Im Gespräch

Sein und Streit | Beitrag vom 09.06.2019

Bernhard Schlink und Tobias Rosefeldt auf der phil.cologneWo liegen die Grenzen der Moral?

Moderation: Simone Miller

Beitrag hören Podcast abonnieren
Beim Gespräch auf der PhilCologne diskutierten Bernhard Schlink und Tobias Rosefeldt über "Die Geschichte von Gut und Böse" bzw. Anfang und Ende der Moral. (Ast, Jürgen / phil.cologne (Montage DLFKultur))
Bernhard Schlink und Tobias Rosefeldt auf der phil.cologne: Individuelle Moral hat Grenzen, sagen beide. (Ast, Jürgen / phil.cologne (Montage DLFKultur))

Klima retten, Hunger bekämpfen, Gewalt beenden – was sich in der Theorie von selbst versteht, lösen wir in der Praxis nicht ein. Als Einzelne können wir wenig ändern – es brauche rechtliche Standards, meinen Bernhard Schlink und Tobias Rosefeldt.

Die Kluft zwischen moralischem Anspruch und der gelebten Realität wird derzeit besonders durch die Klimaproteste deutlich: Es liegt in der Verantwortung der heute Erwachsenen, ihren Kindeskindern einen bewohnbaren  Planeten zu hinterlassen – tatsächlich aber steuern wir sehenden Auges auf eine irreversible Klimakrise zu, ohne dass nennenswerte Schritte zu ihrer Vermeidung in Sicht wären.

Wie lässt sich das ändern? Müssen wir einfach individuell nachhaltiger konsumieren, auf Plastiktüten verzichten und aufs Fahrrad steigen? Wie weit reicht die moralische Verpflichtung des Einzelnen? Darüber diskutierten auf dem Kölner Philosophiefestival phil.cologne der Schriftsteller Bernhard Schlink und der Berliner Philosoph Tobias Rosefeldt.

Moralische Probleme brauchen kollektive Antworten

"Es gibt einen starken Wunsch danach, im eigenen Handeln, etwa durch den Verzicht auf eine bestimmte Plastiktüte oder eine bestimmte Handlung irgendwas an diesem Großphänomen zu ändern", so Rosefeldt. "Aber das Problem, auch bei solchen Klimafragen, ist ja immer, dass die einzelne individuelle Handlung quasi per Garantie keine Auswirkungen haben wird."

Stattdessen bedürfe es kollektiver Akteure, um moralische Pflichten verbindlich zu machen oder zumindest ihre Erfüllung zu vereinfachen. Auch jenseits globaler Probleme, wann immer wir mit moralischen Fragen konfrontiert sind, die als Einzelperson nicht lösbar sind – und mitunter in unausweichliche Widersprüche führen, etwa bei der Schulwahl.

Bin ich meinem Kind verpflichtet oder der sozialen Gerechtigkeit?

Dürfen wohlhabendere Eltern ihr Kind durch die halbe Stadt kutschieren oder in eine Privatschule schicken, wenn die staatliche Schule nebenan zu wünschen übrig lässt? Ein Dilemma, das Eltern auf sich gestellt nicht lösen können, so Rosefeldt:

"Man kennt Eltern, die in Berlin in Stadtteilen wohnen, in denen sie aus guten Gründen ihre Kinder nur noch auf private Schulen schicken wollen. Die haben aber politisch ganz liberale und am Gemeinwohl orientierte Ansichten. Und das zeigt, dass sie individuell überfordert sind, diesen zwei Ansprüchen, die an sie gestellt werden, gerecht zu werden. Man möchte seine Kinder nicht auf eine schlechte Schule schicken, auch wenn man dadurch irgendetwas für die Gemeinschaft leistet. Gleichzeitig ist es eine fatale Entwicklung, wenn der Wunsch nach guter Erziehung für die Kinder dazu führt, dass massive soziale Ungerechtigkeit entsteht – und Bildungsungerechtigkeit ist einer der drastischsten Gründe für soziale Ungerechtigkeit."

Für moralische Zwickmühlen gibt es den Staat

Wie lässt sich dieses Dilemma lösen? Für den Rechtsphilosophen Schlink ist klar: "Dafür haben wir den Staat. Ich denke, wir müssen als Gesellschaft mit dem verständlichen Egoismus von Menschen leben und natürlich ist es verständlich, dass die Eltern ihr Kind auf die möglichst gute Schule schicken wollen. Und ich würde da nicht von ihnen das Opfer verlangen, sondern ich würde vom Gemeinwesen eine Regulierung verlangen, die da keine Zweiklassenwelt entstehen lässt."

Auch Rosefeldt sieht hier eine Grenze der individuellen moralischen Verpflichtung: "Da gibt es einen moralischen Konflikt und den werde ich als einzelne Person nicht lösen. Der Staat ist dazu da, diese Arten von Konflikten miteinander zu vermitteln und in ein Gleichgewicht zu setzen. Was der Staat tun muss, ist massiv in Bildung zu investieren, so dass man seine Kinder mit großer Freude und völlig guten Gewissens auf staatliche Schulen schicken kann."

Bernhard Schlink und Tobias Rosefeldt im Gespräch mit Simone Miller über Geschichte und Grenzen der Moral. (Ast, Jürgen / phil.cologne)Bernhard Schlink und Tobias Rosefeldt im Gespräch mit Simone Miller über Geschichte und Grenzen der Moral. (Ast, Jürgen / phil.cologne)

Ob Klima oder Bildung: Grundsätzlich sehen beide die Notwendigkeit, moralische Standards institutionell zu verankern, statt allein auf Freiwilligkeit zu setzen. Dabei gebe es die nötigen Institutionen zum großen Teil bereits – etwa die EU oder die internationale Klimakonferenz –, aber die Institutionen täten zu wenig, so Schlink:

"Für das moralische Verhalten gegenüber Kindern und Schule haben wir den Staat. Und bei moralischem Verhalten in größeren Zusammenhängen haben wir eben diese größeren Institutionen. Und wie unser Staat nicht tut, was er für die Bildung tun könnte, tun die größeren Institutionen nicht, was sie für die Lösung der größeren Probleme tun könnten."

Um das zu ändern, bräuchte es, nach Ansicht Rosefeldts, "auf Seiten der Bevölkerung, die hinter den Teilnehmern an solchen Institutionen steht, einen stark artikulierten Willen". In den freitäglichen Klimaprotesten sieht er den Ausdruck eines solchen Willens. Schlink allerdings ist skeptisch gegenüber der Langlebigkeit solcher Bewegungen und betont, "dass alle Bewegungen auf der Straße, die nicht institutionelle Gestalt gewinnen, rasch wieder vorbei sind. Und deswegen bin ich nicht so optimistisch."

Die Verwirklichung von Moral – eine Sisyphosaufgabe

Vor diesem Hintergrund sieht Schlink die große Herausforderung der Gegenwart darin, nicht zu kapitulieren:

"Das Tatsächliche hat ja etwas Enttäuschendes – wir wünschen uns viel mehr. Wir wünschen uns eine moralische Welt, die in den Institutionen dieser Welt ihre feste Grundlage hat. Das haben wir nicht und das kriegen wir nicht. Aber ich denke, das Wichtigste ist in unserer Welt, nicht zu resignieren – es ist ein bisschen eine Sisyphosaufgabe, die Moral zur Geltung zu bringen. Und diesen Stein müssen wir den Berg immer wieder hochrollen."

Die politische Willensbildung funktioniert

Demgegenüber ist Rosefeldt optimistischer und erkennt in den Reaktionen auf die junge Klimabewegung ein Indiz dafür, "dass unsere politische Ordnung in dem Fall doch großartig funktioniert". Die Debatte um das Rezo-Video zur Europawahl habe gezeigt, dass eine Verunglimpfung der jungen Aktivisten nicht funktioniere:

"Wenn ihr das tut, dann kriegt ihr in der Gruppe der Unter-Dreißigjährigen plötzlich nur noch zehn Prozent. Und ich glaube, dass die Parteien das merken werden. Und dass das, so langsam und vermittelt wie das in einer Demokratie immer passiert, dass sich auch die Politik ändert."

Weitere Themen dieses Gesprächs:
Woher kommt eigentlich die Moral und wie hat sie sich entwickelt: Lässt sie sich womöglich allein evolutionär erklären? Und worauf gründet sich moralische Verantwortung? Schulden wir Fremden genauso viel wie unseren Nächsten? Sind wir nur für die Folgen unseres Handelns verantwortlich? Oder müssen wir auch für dessen Bedingungen Verantwortung übernehmen – etwa den unbewussten Faktoren, die unsere Weltwahrnehmung prägen?

Literaturhinweis:

Bernhard Schlink: "Erkundungen zu Geschichte, Moral, Recht und Glauben"

Diogenes Verlag, Zürich, 2015
288 Seiten, 20.99 Euro

Mehr zum Thema

Moral - "Dem Humanismus neu zum Sieg verhelfen"
(Deutschlandfunk, Tag für Tag, 27.05.2019)

Die zerfressene Moral des Westens - Das unbefriedigte Übermaß an Hunger
(Deutschlandfunk Kultur, Sein und Streit, 17.06.2018)

Philipp Hübl über „Die aufgeregte Gesellschaft“ - Bestimmen Gefühle unsere Weltanschauung?
(Deutschlandfunk Kultur, Sein und Streit, 24.03.2019)

Religionen

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur