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Buchkritik | Beitrag vom 21.09.2020

Bernd Greiner: „Henry Kissinger. Wächter des Imperiums“Ein Leben für die Macht

Von Jörg Himmelreich

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Zu sehen ist das Cover "Henry Kissinger. Wächter des Imperiums" von Bernd Greiner. (C.H. Beck Verlag / Deutschlandradio)
Bernd Greiner versucht, die Psychologie Herry Kissingers zu ergründen. (C.H. Beck Verlag / Deutschlandradio)

Henry Kissinger ist und bleibt eine der umstrittensten und schillerndsten Figuren der US-amerikanischen Politik im 20. Jahrhundert. Bernd Greiners neue Biografie erklärt nicht nur den Menschen, sondern zeigt auch Parallelen zu den USA heute.

"Na, Henry, wie fühlt man sich so als Kriegsverbrecher?" So ging Peter Jennings, Anchorman des Fernsehsenders ABC, Henry Kissinger 2003 in einer Abendrunde an.

Die Frage macht klar: An Henry Kissinger, an der Bewertung seiner Politik und seiner Person, scheiden sich bis heute die Meinungen zutiefst, in der Öffentlichkeit genauso wie in der Welt der Fachgelehrten. Unbestritten ist, dass er als Sicherheitsberater der Präsidenten Nixon und Ford von 1969 bis 1975 und als Außenminister Fords bis 1977 die amerikanische Außenpolitik so wesentlich mitgeprägt hat wie nur wenige zuvor.

Kissingers Lebensweg muss auch Greiner in seiner Biografie noch einmal darstellen. Er ist einfach zu beeindruckend und schillernd: Der jüdische Flüchtling aus Fürth macht mit seiner Lesewut und seinem Ehrgeiz eine steile Karriere in Harvard, damals dem intellektuellen Nachwuchspool jeder US-Regierung, um sich dann ab 1960 jedem Präsidentschaftskandidaten, ob Demokrat oder Republikaner, anzudienen, bis Nixon ihn schließlich aufnimmt.

Machtmanipulator und Weltendeuter

Dies ist vielfach beschrieben worden. Was die Kissinger-Biografie Greiners auszeichnet, ist, Kissingers Psychologie trefflich zu ergründen, die er in seinen unzähligen Büchern, Artikeln und öffentliche Statements immer versucht zu verschleiern.

"Er wollte in die Geschichte eingehen, mit allen Mitteln und um fast jeden Preis. Er führte ein Leben für die Macht", so Greiner. Im persönlichem Umgang ist er von betörendem Witz und Charme genauso aber auch misstrauisch, ehrsüchtig, wechselhaft wie ein Chamäleon, kurzum: ein schleimiger Höfling, "der lügt, wie andere Leute atmen", so einer seiner zahllosen Kritiker.

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Sehr gelungen ist das Schlusskapitel. Es betrachtet Kissinger, den Weltendeuter, als medialen Dauergast. Noch nicht einmal Helmut Schmidt publizierte als Pensionär dermaßen viel und andauernd in eigener Sache wie Kissinger. Schon allein seine Memoiren über seine achtjährige Amtszeit umfassen mehr als 3000 Seiten, ganz nach Churchills Devise: "Die Geschichte wird es gut mit mir meinen, weil ich vorhabe, sie selbst zu schreiben."

"Super-K", wie er bewundert und bespöttelt wird, kämpft wie besessen mit allen Mitteln um sein Bild in der Geschichte: Kissinger, die wahre, im Hintergrund alle Strippen der Weltpolitik ziehende, gar nicht so graue Eminenz.

Sein Pech: Auch Nixon, nicht weniger misstrauisch als sein häufiges Gegenüber im Oval Office, hat 3500 Stunden ihrer Gespräche heimlich aufgenommen. Anhand dieses Quellenschatzes entlarvt Greiner die Selbststilisierungen Kissingers in den Memoiren immer wieder: Kissingers angeblich selbst initiierte außenpolitische Öffnung der USA 1972 nach China? Sie erfolgte im Auftrag Nixons.

Aber nicht nur diese Kultur der gegenseitigen geheimdienstlichen Überwachung und persönlichen Verleumdung, die Kissinger hemmungslos betreibt, ist eine Parallele zum heutigen Regierungsstil im Weißen Haus. Auch die innere Verfasstheit der USA und ihre Rolle in der Welt von damals weist eine verblüffende Aktualität aus. Das Vietnam-Trauma spaltete die US-Gesellschaft damals ähnlich tief, wie sie es heute ist. Daraus folgte genauso wie heute ein "America first".

Flirts mit Deutschland - und Ingeborg Bachmann

Und schließlich: Kissinger baute seit 1957 durch regelmäßige Deutschlandbesuche ein enges Netzwerk zur bundesdeutschen politischen und intellektuellen Elite aus, einseitige Flirtversuche mit Ingeborg Bachmann eingeschlossen.

In Bonn wurde er als Weltendeuter hofiert. Nur Brandts Ost- und Entspannungspolitik ab 1969 gegenüber der Sowjetunion im Kalten Krieg war ihm so suspekt wie der deutsche Kanzler selbst. Denn für Kissinger hatte Deutschland nur eine strategische Machtfunktion für die USA, diejenige der Eindämmung des Einflusses der Sowjetunion in Europa. Wichtig, aber auch nicht mehr. China war, wie heute, wichtiger.

Greiners Kissinger-Biografie ist hoch aktuell, weil sie zeigt, welch lange zuvor schon etablierten Wesenszüge US-amerikanischer Politik bis heute unter Präsident Trump fortwirken. Man mag sie mit vielen guten Gründen verurteilen. Noch sind die Bundesrepublik und Europa jedoch vom US-amerikanischen Sicherheitsschirm abhängig. Wer daher jenseits berechtigter moralischer Empörung die Unwägbarkeiten und Techniken der Washingtoner Politik von heute erkennen und einschätzen will, der kommt um diese Biografie nicht herum.

Bernd Greiner: "Henry Kissinger. Wächter des Imperiums. Eine Biografie"
C. H. Beck Verlag, München 2020
480 Seiten, 28 Euro

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