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Tacheles / Archiv | Beitrag vom 06.12.2014

Bernd Fabritius"Ich denke, dass ich einen neuen Anfang anstoßen kann"

Neuer Vertriebenen-Präsident will Dialog ohne Feinbilder mit Polen

Moderation: Patrick Garber

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(picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)
Der Präsident des Bundes der Vertriebenen, Bernd Fabritius (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)

Der neue Präsident des Bundes der Vertriebenen, Bernd Fabritius, hat den Beginn "eines längst überfälligen Dialogs" mit Polen als sein vorrangiges Ziel bezeichnet. Als in Polen "nicht als Feindbild vorbelastete Person" könne er einen neuen Anfang mit dem Nachbarland anstoßen.

Deutschlandradio Kultur: Tacheles reden wir heute mit jemandem, der noch ziemlich neu ist in seinem Amt: Bernd Fabritius ist erst seit vier Wochen Präsident des Bundes der Vertriebenen. Schon etwas länger, nämlich seit einem guten Jahr, gehört Bernd Fabritius dem Deutschen Bundestag an als Abgeordneter der CSU. Trotzdem ist er kein Bayer, sondern Siebenbürger Sachse, denn er entstammt der deutschen Minderheit in Rumänien, wo auch seine Wiege stand. Guten Tag, Herr Fabritius oder wie sagt man auf Siebenbürger Sächsisch?

Bernd Fabritius: En gaden Doch.

Deutschlandradio Kultur: En gaden Doch, eine Sprache, die in Deutschland dann doch irgendwie bekannt klingt, obwohl sie aus einer Landschaft namens Transsilvanien stammt. Dort wurden Sie 1965 geboren, also 20 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. 1984 sind Sie dann mit Ihrer Familie in die Bundesrepublik übergesiedelt. Sie leiten heute die Interessenvertretung der Heimatvertriebenen. - Sehen Sie sich mit dieser Biographie als einen Vertriebenen?

Bernd Fabritius: Selbstverständlich. Ich bin davon überzeugt, dass auch die deutschen Aussiedler und Spätaussiedler, die aufgrund eines über Jahrzehnte hinweg aufgebauten Vertreibungsdrucks, der ethnisch bedingt war und seine Wurzeln eben auch im Zweiten Weltkrieg findet, ihre Heimat verlassen mussten. Jeder, der sich das bildhaft vorstellen möchte, den lade ich ein, den Roman "Atemschaukel" von Herta Müller zu lesen. Herta Müller schildert dort beispielhaft am Schicksal eines Siebenbürger Sachsen, das dem meines eigenen Großvaters 1:1 entspricht, was die deutsche Zivilbevölkerung aufgrund des Zweiten Weltkriegs und im unmittelbaren Anschluss daran erleben musste.

Dieses Schicksal hat natürlich nicht wie bei dem Protagonisten aus Herta Müllers "Atemschaukel" oder bei meinem Großvater mit der Entlassung aus der russischen Zwangsarbeit 1949 geendet, sondern ging weiter mit einer Entrechtung, mit einer Enteignung, mit einem sozialen Ausschluss und mit dem Versuch der Vertreibung aus der eigenen kulturellen Identität. Und dieser Vertreibung sind eben auch die deutschen Aussiedler und Spätaussiedler durch eine Auswanderung in ihr Mutterland, wie wir Deutschland nennen, entwichen. Ja, wir sind Vertriebene.

Deutschlandradio Kultur: Spielt es denn heute unter Vertriebenen überhaupt noch eine Rolle, ob man dieses Schicksal der tatsächlichen gewaltsamen Austreibung am eigenen Leib erfahren hat oder ob man Aussiedler ist?

"Ich gehe sogar einen Schritt weiter"

Bernd Fabritius: Aus meiner Sicht nicht. Insbesondere sehen sich Vertriebene und Aussiedler als gleiche Schicksalsgemeinschaft, als gleiche Opfergruppe. Sie haben ihre Heimat aufgrund und als Folge der Verbrechen des Zweiten Weltkriegs verloren. Und das verbindet, auch wenn der Personenkreis des Bundes der Vertriebenen sich längst nicht mehr nur in diesen erschöpft. In uns sind auch die Personen vertreten und vereint, die weder Vertreibung, noch Aussiedlung am eigenen Leibe erfahren mussten, sondern die Nachgeborenen-Generationen. Und ich spreche damit auch von meinen Nichten und Neffen, die ihrer Heimat nach wie vor verbunden sind, die sich einem großen Kulturstamm zugehörig fühlen und daraus ihre Identität ziehen und sich deswegen im BdV verbunden fühlen.

Und ich gehe sogar einen Schritt weiter. Es geht auch um die Heimatverbliebenen, also die Menschen, die der Vertreibung und dem Aussiedlungsdruck standhalten konnten und heute noch in den Herkunftsgebieten leben. Nehmen wir das vielleicht gerade aktuell bekannteste Beispiel: Klaus Johannis. Er ist ein Landsmann und wurde in Rumänien gerade zum Staatspräsidenten gewählt, zählt aber ganz zweifelsfrei zur gleichen Gemeinschaft wie ich, nämlich der der Siebenbürger Sachsen. Die Siebenbürger Sachsen sehen sich als grenzüberschreitende Gemeinschaft. Und entsprechend kümmern wir uns und entsprechend kümmert sich der BdV auch um die Landsleute in den Herkunftsgebieten.

Deutschlandradio Kultur: Wenn Sie sagen, dass der BdV, der Bund der Vertriebenen, also so ein breites Spektrum von Personen vertritt, wäre es dann nicht an der Zeit den Namen zu ändern, um anzuzeigen, dass es eben auch um die Aussiedler geht, um die Spätaussiedler, um die in den Herkunftsgebieten verbliebenen Minderheiten?

Bernd Fabritius: Man kann selbstverständlich darüber nachdenken. Der BdV, um das Kürzel zu verwenden, ist ein ähnlich etablierter Begriff wie zum Beispiel der VdK für den bekanntesten Sozialverband in Deutschland. Ich könnte mir gut vorstellen, dass der BdV als solcher irgendwann eine ergänzende Bezeichnung oder eine ergänzende Namensbeschreibung wählt, die dem aktuellen Aufgabengebiet Rechnung trägt. Der BdV sieht sich jetzt schon als Verband der Vertriebenen und Aussiedler.

Wobei das sicher nicht eines der vordringlichen Ziele ist. Ich denke, wir wollen zuerst programmatisch das umsetzen, wofür der BdV schon lange steht, und dann gegebenenfalls, wenn der Zeitpunkt dafür gekommen ist, auch die Beschreibung dieses in den Namen einbringen.

Deutschlandradio Kultur: Sie sagten gerade, Sie wollten sich nicht nur um die Heimatvertriebenen, sondern auch um die Heimatverbliebenen kümmern, sprich, die deutschen Minderheiten etwa in Rumänien, wo Sie herstammen, oder in Polen. - Was haben Sie da genau vor?

Dialog in die jeweiligen Gesellschaften

Bernd Fabritius: Da kann ich viele konkrete Beispiele nennen. Ich fange mit dem gerade aktuellsten an. Es geht um die Förderung zum Beispiel des muttersprachlichen Unterrichts für unsere Landsleute in diesen Ländern, weil die eigene Muttersprache aus meiner Betrachtung heraus eines der wesentlichen Teile der eigenen Identität ist. Und die Verankerung in der eigenen Muttersprache als konkreter Beitrag gegen eine Assimilierung und gegen ein Entgleiten aus der eigenen kulturellen Zugehörigkeit ist sehr, sehr wichtig.

Ich habe gerade vor wenigen Wochen deswegen im Europarat im zuständigen Ausschuss eine Berichterstattung dazu angeregt, wie denn die Länder des ehemaligen Ostblocks mit ihren eigenen ethnischen Minderheiten umgehen, dazu zählen selbstverständlich dann auch die dort heute lebenden Deutschen, und wie dort die Anforderungen der Sprachen-Charta des Europarates, die von diesen Ländern ratifiziert worden ist, erfüllt wird. Das ist ein Beispiel.

Aber es geht genauso auch um einen Dialog in die jeweiligen Gesellschaften hinein, in denen zum Teil noch Ressentiments bestehen, Befindlichkeiten und Vorurteile vorhanden sind, die wir auch als BdV aus Deutschland beseitigen können, weil sie mit Sicherheit nicht mehr von der tatsächlichen Befindlichkeit in der Gesellschaft getragen sind.

Deutschlandradio Kultur: Zu diesen Befindlichkeiten gehören allerdings auch Ressentiments gegenüber dem BdV selbst, gegenüber Vertriebenenpolitikern. Gerade in Polen spielt es ja noch eine Rolle, wo Ihre Vorgängerin Erika Steinbach fast so bekannt war wie Angela Merkel, aber sehr unbeliebt. Sie haben angekündigt, besonders das Verhältnis zu Polen zu entkrampfen. - Wie wollen Sie das tun?

Bernd Fabritius:Ganz bestimmt will ich das als vorrangigstes Ziel des BdV tun, und zwar durch Beginn eines längst überfälligen Dialoges, ein Dialog, der in der Vergangenheit leider oft durch ein sehr monothematisches Feindbilddenken in Polen, verbunden mit der Person Erika Steinbach, verhindert worden ist. Ich denke, dass ich als insoweit in Polen nicht als Feindbild vorbelastete Person einen neuen Anfang anstoßen kann. Ich denke, es ist längst an der Zeit, dass auch die heute in Polen lebenden jüngeren Vertreter der heutigen Generation viel eher bereit sind, eine pragmatische und auch kritische Betrachtung der eigenen Geschichte vorzunehmen und damit die Grundlage für einen auf Vertrauen und nicht auf gegenseitige Vorwurfsansprache gründenden Dialog zu ermöglichen.

Deutschlandradio Kultur: Wobei Frau Steinbach ja einiges auch dazu beigetragen hat, dass sie als Feindbild in Polen gesehen wurde. Ich erinnere nur ihre Haltung zur Oder-Neiße-Grenze, die gelinde gesagt mehrdeutig war, oder ihre persönlichen Angriffe gegen den polnischen Regierungsbeauftragten für die deutsch-polnischen Beziehungen, gegen Władysław Bartoszewski, dem sie einen schlechten Charakter attestierte. Wie wollen Sie nach so viel zerbrochenem Porzellan und mit wem wollen Sie da sprechen, um einen neuen Anfang zu machen?

BdV-Vorsitzende Erika Steinbach mit ihrem designierten Nachfolger Bernd Fabritius (dpa/picture alliance/Wolfgang Kumm)Erika Steinbach mit ihrem Nachfolger Bernd Fabritius (dpa/picture alliance/Wolfgang Kumm)

Bernd Fabritius: Ich denke, es ist nicht erforderlich, einzelne konkrete Aussagen, die Erika Steinbach als Abgeordnete des Deutschen Bundestages gesagt hat, heute nachträglich zu bewerten. Auf jeden Fall sind diese Positionen nicht die Grundlage, von der aus ich meine Arbeit in Polen und von der aus das aktuelle Präsidium des BdV seine Arbeit in Polen beginnen möchte. Unser Blick ist rein abstrakt auf die Aufgaben des BdV gerichtet. Und diese sind durchaus europäisch und auf Verständigung ausgerichtet und diese möchte ich mit den politischen Entscheidungsträgern und mit der Zivilgesellschaft in Polen besprechen.

Es wird in Kürze ein Gespräch in Polen geben. Dazu wollen wir zuerst Pressevertreter und Historiker einladen, um zum Beispiel die gute Arbeit, die in der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung begonnen worden ist, fortzusetzen und zu besprechen. Und anschließend möchte ich selbstverständlich mit dem offiziellen Polen, also mit den Vertretern, die in Polen dafür zuständig sind, den Dialog fortsetzen. Ich habe bereits die internationalen Vernetzungsplattformen, auf denen ich unterwegs bin, damit meine ich zum Beispiel den Europarat und die Interparlamentarische Union, dafür genutzt, gerade mit Vertretern des Parlamentes in Polen in einen Kontakt zu kommen. Und diese Kontakte will ich weiter aufbauen.

Darüber hinaus denke ich, dass zum Beispiel die Kulturministerin, die Deutschland sehr gut kennt, die auch weiß, wie man hier denkt, für ein konstruktives und von Ressentiments nicht belastetes Gespräch durchaus empfänglich wäre. Das alles ist Zukunftsaufgabe.

Deutschlandradio Kultur: Herr Fabritius, ein Grund, warum gerade in Polen Vertriebenenpolitiker auch immer mal wieder etwas kritisch beäugt werden, ist die Frage der Entschädigung für enteigneten Besitz in den ehemaligen deutschen Ostgebieten. - Wie ist da Ihre Position?

"Kein Mensch möchte vergangenem Unrecht ein neues Unrecht draufsetzen"

Bernd Fabritius: Es geht im 21. Jahrhundert ganz bestimmt nicht mehr um einen materiellen Ausgleich. Das ist unstrittig in weiten Teilen des Bundes der Vertriebenen. Dieses Signal habe ich auch gleich zu Beginn meiner Amtsübernahme nach Polen gesendet. Darüber hinaus war es nie Ansatz des Bundes der Vertriebenen, irgendwelche Kollektivansprüche zu formulieren oder geltend zu machen.

Ich habe dazu eine sehr pragmatische Betrachtungsweise des Juristen. Ich bin in Deutschland als Jurist sozialisiert, wenn Sie so möchten. Und ich betrachte Eigentum als ein reines Individualrecht. Es ist kein Kollektivrecht, das irgendein Verband für irgendeine Kollektivgruppe geltend machen könnte oder sollte. Ich denke, dass jedes Land innerhalb der Europäischen Union aufgerufen ist, ein eigenes nationales Eigentumsrecht zu fassen, so dass es modernen europäischen Anforderungen entspricht. Dazu gehört auch der Schutz des Eigentums.

Dazu gehört dann auch die Rehabilitierung in den Fällen, in denen es zu staatlicher Eigentumsverletzung gekommen ist, und zwar unter Beachtung von allen Instrumenten, die ein modernes Eigentumsrecht hergibt. Dazu zählt dann auch der Schutz des gutgläubigen Erwerbes. Und schon allein das beantwortet die Frage nach der Begründetheit der Angst von heute in Polen lebenden Menschen, die mit einem Angstszenario dahingehend konfrontiert werden, jetzt kämen die Deutschen und wollten ihre Höfe wiederhaben. Das ist völlig unbegründet und wird in Polen zum Teil von interessierten Kreisen auch populistisch transportiert.

Selbstverständlich wird kein einziger heute in den Höfen der vertriebenen Schlesier wohnende Pole diese Höfe verlassen müssen. Kein Mensch möchte vergangenem Unrecht ein neues Unrecht draufsetzen. Diese Menschen haben sicher gutgläubig ein Eigentum erworben, das auch nach modernem europäischem Eigentumsverständnis geschützt ist und bleiben soll.

Dieses Beispiel haben wir in Rumänien sehr gut ausprobieren und durchexerzieren können. Rumänien hat ein Restitutionsrecht geschaffen, in dem dann eine Restitution in natura erfolgt ist in dem Fall, in dem Staat über dieses Gut noch verfügt hat. In allen anderen Fällen ist selbstverständlich der Eigentumsübergang auf heute dort lebende Rumänen geschützt gewesen. Und der Staat hat eine, wenn es auch nur eine moralische Rehabilitierung gewesen ist, dann doch eine solche beschlossen und damit dazu beigetragen, dass Wunden der Vergangenheit auch bei den Menschen, die sie noch direkt erleben mussten, geschlossen werden könnten.

Auch wenn ich weiß, dass die Ausgangslage in Polen und auch in der Tschechischen Republik jeweils eine andere gewesen ist als in Rumänien, denke ich, dass dort eine vergleichbare Herangehensweise möglich wäre. Ich denke, dass durch eine auch nur moralische Rehabilitierung weder Polen noch die Tschechische Republik etwas Unlösbares machen würden.

Deutschlandradio Kultur: Moralische Rehabilitierung? Was würde das genau bedeuten?

Bernd Fabritius: Ich habe dazu keine Patentlösung parat. Es ist auch nicht Aufgabe des BdV, diese zu formulieren. Heimatpolitik ist eine originäre Aufgabe der von dort Vertriebenen Verbände. Als BdV wollen wir den Dialog Polens mit den von dort vertriebenen Deutschen anstoßen oder den Dialog der Tschechischen Republik mit den Vertretern der Sudetendeutschen, namentlich der Sudetendeutschen Landsmannschaft.

Inhalt dieses Dialoges wäre es dann, unter Berücksichtigung der gegenseitigen Belange eine diesen Belangen entsprechende Lösung zu finden. Ich kann und möchte diese nicht vorwegnehmen.

Deutschlandradio Kultur: Aber gerade, wenn Sie die Tschechische Republik ansprechen, gibt es ja ein Dauer-Streitthema, die Beneš-Dekrete. Die waren nach dem Krieg die rechtliche Grundlage für die Vertreibung und Enteignung der Sudetendeutschen. Die tschechische Regierung sieht nach wie vor keine Veranlassung, diese Dekrete aufzuheben oder zu annullieren. - Wollen Sie in diese Richtung einen neuen Vorstoß versuchen?

Bernd Fabritius: Selbstverständlich. Die tschechische Regierung sollte Anlass dazu sehen sie aufzuheben, weil nach meiner festen Überzeugung der Rechtsschein, den diese Dekrete heute noch setzen, selbst wenn sie in ihrer Anwendung zeitlich abgelaufen sind, einen Schandfleck in der europäischen Rechtssystematik darstellt. Und die Tschechische Republik wäre gut beraten, wenn sie diesen Schandfleck in ihrem eigenen Rechtssystem beseitigen würde.

Ich verstehe überhaupt nicht, warum sich die Tschechische Republik damit so schwer tut, weil es ja nur darum ginge, eigene ungute Positionen der Vergangenheit zu beseitigen. Das wäre nicht ein Zeichen von Schwäche, sondern ein Zeichen von Stärke. Und ich denke, dass die Tschechische Republik das tun sollte. Es wird eine der zentralen Forderungen bleiben.

Deutschlandradio Kultur: Herr Fabritius, in Berlin entsteht gerade ein Dokumentationszentrum zur Vertreibung, das wohl nächstes Jahr eröffnet werden soll. Dieses Projekt hat eine bewegte Vorgeschichte. Und nach einigem Hin und Her wird es nun getragen von einer Bundesstiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung. Sie sind Mitglied des Stiftungsrats. Es gibt außerdem einen Wissenschaftlichen Beirat, in dem auch Historiker aus Polen und Ungarn sitzen, also soweit so gut. Aber: Der Wissenschaftliche Beirat steckt momentan im Clinch mit dem Direktor der Stiftung Flucht Vertreibung Versöhnung, mit Prof. Manfred Kittel. Von Rücktrittsforderungen gegen Herrn Kittel ist die Rede. - Können Sie die nachvollziehen?

Ausrutscher einzelner Berater

Bernd Fabritius: Nein, auf keinen Fall. Wenn Sie die aktuellen Differenzen des Wissenschaftlichen Beraterkreises, der ja mitnichten ein Beirat ist, wie er gerne meist über die Medien verbreiten möchte, sondern er ist ein reiner Beraterkreis, der den Stiftungsrat als einziges Entscheidungsgremium intern wissenschaftlich beraten soll ... , dass nun der Wissenschaftliche Beraterkreis meint, auch in Personalfragen beraten zu müssen, verwundert mich. Das gehört mitnichten zu seinem Aufgabengebiet.

Es ist wohl zu einigen Differenzen einzelner Berater mit der Stiftungsdirektion gekommen, weil dort wegen einer Ausstellung, die der Vorsitzende des Beraterkreises zuerst empfohlen hat und für eine Verwendung dieser Ausstellung die Initiative ergriffen hat, er anschließend der Stiftungsdirektion Vorhaltungen gemacht hat, er sei nicht ausreichend eingebunden und von der von ihm vorgeschlagenen Ausstellung überrascht worden.

Nun, ich denke, dass das einzelne Ausrutscher einzelner Berater sind, die auf eine ordnungsgemäße Wahrnehmung der Aufgabe der Stiftung oder auf das gesamte Stiftungsprojekt, wie die Medien gerne berichten, absolut keinen Einfluss hat.

Deutschlandradio Kultur: Nun wurde diese Ausstellung, von der Sie sprechen, um das mal ein bisschen genauer zu machen, gar nicht selbst von der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung konzipiert, sondern sie wurde fertig übernommen von Ausstellungsmachern aus Griechenland. Und es ging nicht nur um die Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa, sondern um Vertreibung generell im 20. Jahrhundert.

Ich habe mir mal das Originalkonzept angeschaut. Da beginnt das Kapitel Vertreibung der Deutschen mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Vorgeschichte der deutschen Besatzung kommt irgendwie nicht vor. Zu den Gräueln, die dabei passiert sind, auch kein Wort. Die Deutschen erscheinen da durchaus als Opfer. Dieser Teil der Ausstellung wurde dann ja auch nicht gezeigt im Deutschen Historischen Museum. - War es nicht klar, dass so ein Konzept Ärger geben würde - berechtigten Ärger?

Bernd Fabritius: Ich habe mich mit diesem Konzept nicht im Einzelnen befasst, weil es nie Thema des Stiftungsrates gewesen ist. Ich denke, der Einkauf von Leihausstellungen, die dann in Projekten vorübergehend gezeigt werden, gehört zu den laufenden Aufgaben einer Stiftung, die die Stiftungsdirektion durchaus betreuen kann, muss und auch soll.

Selbstverständlich sind hier Fehler passiert. Ich schließe mich der inhaltlichen Kritik an den einzelnen Punkten dieser Ausstellung durchaus an, auch wenn ich es für sehr bemerkenswert und erwähnenswert halte, dass offenkundig ausländische Wissenschaftler anders als Deutsche es nicht immer hundertprozentig und apodiktisch erforderlich halten, das Ei dreimal neu zu erfinden und zu erwähnen, sprich: Die Vertreibung der Deutschen, die selbstverständlich Opfer waren in dieser Position, immer und jedes Mal erneut in einen Kontext zu stellen, der ja klar ist und von niemandem bestritten wird.

Wenn also die griechischen Ausstellungsmacher das in einer abstrakten Betrachtungsweise so nicht gesehen haben, dann hat ihnen vielleicht die nötige Sensibilität, die der deutsche Beraterkreis und insbesondere sein Vorsitzender aber haben müsste, gefehlt. Es wäre Aufgabe des Vorsitzenden des Beraterkreises, der diese Ausstellung, um es jetzt untechnisch zu formulieren, herangebracht und der Stiftung empfohlen hat, darauf hinzuwirken, dass vielleicht die erforderliche Kontextualisierung im Umfeld der Ausstellung erfolgt. Das hätte auch zum Beispiel durch einen Hinweis auf die Topographie des Terrors erfolgen können.

Es ist ja nicht so, wie manchmal die Medien darstellen wollen, dass auch die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung, die das Schicksal der deutschen Heimatvertriebenen als den Schwerpunkt zu verfolgen hat, solitär und alleine in Berlin steht und dann zu einer Verklärung der Gesamtsituation führt, sondern dieses Projekt gliedert sich als Baustein ein in eine gesamte Gedenkstätten-Konzeption der Bundeshauptstadt, in der die Verbrechen der Nazis im Zweiten Weltkrieg und mit dem Zweiten Weltkrieg einen ganz wesentlichen und wichtigen Anteil einnehmen. Es hat halt nur dieser Baustein gefehlt, was nach dem Zweiten Weltkrieg passiert ist, dass es eben anschließend an der deutschen Zivilbevölkerung eine ethnische Säuberung gegeben hat - mit Sicherheit ein Verbrechen. Und die entsprechend ethnisch gesäuberte Zivilbevölkerung ist mit Sicherheit eine Opfergruppe. Ich denke, das darf man auch so nennen.

Und wenn nun eine ausländische Wissenschaftlergruppe die Kontextualisierung nicht mit der Gewissenhaftigkeit vorgenommen hat, wie die in Deutschland zu Recht und auch mit Unterstützung des BdV immer erfolgt, dann ist das ein Fehler, der dem Beraterkreis und der Stiftungsleitung anzukreiden ist. Aber wo man arbeitet, macht man Fehler. Daraus jetzt eine systematische Problematisierung oder gar ein Scheitern des gesamten Projektes herzuschreiben, halte ich für völlig übertrieben.

Deutschlandradio Kultur: Wie geht es jetzt weiter? Wird über die Personalie des Stiftungsdirektors, des Herrn Prof. Kittel, noch geredet? Oder ist das für den Stiftungsrat jetzt abgehakt?

Bernd Fabritius:Der Stiftungsrat wird sich Mitte dieses Monats treffen und über die Personalie des Vorsitzenden des Beraterkreises sprechen. Er wird darüber sprechen, wie es denn zu dieser ganzen Entstehungsgeschichte im Umfeld der Ausstellung ...

Deutschlandradio Kultur: Prof. Troebst.

Bernd Fabritius: ... Prof. Troebst, ja. ... im Umfeld der Ausstellung "Twice a Stranger" kam. Er wird selbstverständlich auch darüber sprechen, welchen Beitrag zu diesem dann zum Glück noch vermiedenen Fehler die Stiftungsleitung hatte. Und man wird sicher hauptsächlich darüber sprechen, wie das Gesamtprojekt mit gutem Erfolg und ohne weitere Kratzer weitergeführt werden kann. Das ist der Punkt, mit dem sich der Stiftungsrat befasst.

Man wird sicher den Beraterkreis noch einmal daran erinnern, warum er eingerichtet worden ist und was seine Aufgaben sind, nämlich den Stiftungsrat intern wissenschaftlich zu beraten. Man wird den Beraterkreis im Stiftungsrat sicher eindringlich darüber informieren, dass zu seinen Aufgabengebieten weder Personalfragen noch die Öffentlichkeitsarbeit der Stiftung gehören und dass ein gedeihliches und zukunftstragendes Zusammenwirken wie in der Vergangenheit gewünscht wird.

Deutschlandradio Kultur: Herr Fabritius, das Thema Flucht und Vertreibung ist wahrlich nicht nur eines der Vergangenheit. Aktuell sind Millionen Menschen weltweit auf der Flucht, werden aus ihrer Heimat vertrieben. Und Deutschland steht vor der Frage, wie mit der wachsenden Zahl von Menschen umgehen, die bei uns Zuflucht suchen, was nicht nur eine politische Frage ist, sondern auch eine gesellschaftliche. Will sich der Bund der Vertriebenen mit seinen Erfahrungen in diese Diskussion einbringen?

Empathie und Solidarität mit den Opfern

Bernd Fabritius: Selbstverständlich. Das tut er auch schon, und zwar mit Nachdruck. Ich denke, dass das eine der wichtigen Aufgaben des Bundes der Vertriebenen jetzt und auch in Zukunft ist, und zwar zum einen daran zu erinnern, dass Vertreibung nie ein zulässiges Mittel der Politik sein darf und schon gar nicht im 21. Jahrhundert. Wir weisen immer darauf hin, dass es gilt, Vertreibungen auch im 21. Jahrhundert mit allen Mitteln zu bekämpfen.

Im Moment kommt es schwerpunktmäßig durch den unglaublichen Terror des so genannten IS zu einer Vertreibungswelle, wie wir sie seit dem Zweiten Weltkrieg zum Glück nicht mehr erleben mussten. Hier ist es gerade Aufgabe auch des BdV darauf hinzuweisen, dass das nicht passieren darf.

Gleichzeitig geht es darum, Empathie und Solidarität mit den Opfern dieser Vertreibung zu zeigen. Die Mitglieder des BdV, die ihre eigene Vertreibung in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg erleben mussten und dann auch die Aufnahme in dem Nachkriegs-Deutschland erlebt haben, wissen aus eigener Erfahrung, wie es ist, wenn man aufgrund ethnischer Zugehörigkeit ohne Individualschuld die Heimat plötzlich verliert, und wie es ist, wenn man in Gegenden ankommt, in denen man nicht gleich mit offenen Armen empfangen wird.

Deswegen ist, glaube ich, der BdV ganz besonders geeignet, hier Empathie zu zeigen. Und wir tun es auch ganz praktisch. Die vielen Beratungsstellen des Bundes der Vertriebenen, die ursprünglich für eine Migrations-Erstberatung eingerichtet worden sind, stehen allen Vertriebenen und Flüchtlingen der heutigen Zeit offen. Und wir wissen auch, dass sie sehr gerne angenommen werden, erstens weil wir über Fremdsprachenkompetenz verfügen, aber auch weil die Flüchtlinge wissen, dass sie dort mit Menschen konfrontiert werden, die Vertreibung am eigenen Leibe erfahren haben und deswegen aufgeschlossen und offen gegenüberstehen.

Ich kann die Liste beliebig weiter fortsetzen. Am besten gefallen mir Beispiele, die ich in Bayern unlängst erlebt habe. Da sind die Tage der Heimat gefeiert worden, die alljährlich von den Heimatvertriebenen in Deutschland gefeiert werden. Verbände in Bayern haben die Tage der Heimat kurzerhand zu Benefizveranstaltungen umgewandelt und die Erträge aktuellen Flüchtlingsprojekten zur Verfügung gestellt, um ein bisschen etwas von der Solidarität zurückzugeben, die wir vor 70 Jahren in Deutschland erfahren haben.

Deutschlandradio Kultur: Wir haben eingangs über einen Landsmann von Ihnen gesprochen, über Klaus Johannis, der seit drei Wochen Präsident der Republik Rumänien ist, Siebenbürger Sachse wie Sie. - Was bedeutet das für die deutsche Minderheit in Rumänien und was für die deutsch-rumänischen Beziehungen, dass ein Mann wie Johannis jetzt Staatspräsident ist?

Bernd Fabritius: Nun, Klaus Johannis ist ein Landsmann, aber er ist ganz bestimmt nicht aufgrund einer ethnischen Komponente zum Staatspräsidenten gewählt worden. Ich denke, die Bedeutung der Wahl Klaus Johannis' zum Präsidenten ist zuerst für Rumänien und dann für Europa ein wichtiges Zeichen, weil damit in Rumänien endlich ein Präsident an die Macht kommt, der frei von Korrumpierbarkeit, frei von Vorwürfen, frei von politischem Netzwerkdenken ist und eine pragmatische Realpolitik an den Tag legen möchte. Er hat bereits die Korruptionsbekämpfung und die Sicherung von demokratischen Standards und die Schaffung eines funktionierenden Justizsystems als ersten und wichtigsten Punkt seiner Amtszeit geschildert.

Deutschlandradio Kultur: Hat er die politische Macht als Staatspräsident, da viel zu bewegen? Unser Bundespräsident könnte ja nur Appelle machen, aber sonst nichts.

Bernd Fabritius: Ja, Sie haben völlig Recht. Der Staatspräsident in Rumänien ist aufgrund seiner verfassungsmäßigen Position ein stärkerer Staatspräsident als der in Deutschland. Er ähnelt fast dem in Frankreich. Ihm obliegt die Außenpolitik. Ihm obliegen die Sicherheitsapparate. Und was bei Klaus Johannis ganz besonders wiegt, er wird von einer unglaublichen Zustimmung der Gesellschaft getragen. Die liegt nach neuesten Umfragen bei 75 Prozent. Das hatte noch kein Staatspräsident in Rumänien. Schlicht, weil ihn die rumänische Gesellschaft als eine Alternative zu der bisherigen Konzeptlosigkeit rumänischer Politik angesehen hat.

Man hat mit Klaus Johannis eine Richtungswahl vorgenommen. Und das ist das Besondere daran. Selbstverständlich, um auf den Eingang Ihrer Frage zurückzukommen, ist es auch ein sehr positives Zeichen für die Deutschen in Rumänien und aus Rumänien, weil das ein Beweis dafür ist, dass sie in der Gesellschaft, in der sie seit 900 Jahren gelebt haben, nach wie vor ein sehr geschätztes Glied sind und mitnichten negativ besetzt sind. Es ist der schlagende Beweis dafür, dass Deutsche in den Ostgebieten keinesfalls revanchistisch-ethnische Gruppen, sondern mitwirkende Glieder einer demokratischen Gesamtgesellschaft sind.

Deutschlandradio Kultur: Klaus Johannis und Sie haben die gleiche Schule in Hermannstadt, auf Rumänisch Sibiu, besucht. Haben Sie heute noch Kontakt?

Bernd Fabritius: Selbstverständlich. Klaus Johannis ist einer meiner engen Freunde. Wir haben uns bereits jeweils vor der eigenen politischen Karriere gut gekannt. Wir haben den politischen Weg jeweils begleitet. Ich war bei Klaus Johannis' Einsetzung als Erster Bürgermeister vor fast 15 Jahren in Hermannstadt und bei allen weiteren anderen. Klaus Johannis war bei der Eröffnung meines Bürgerbüros in München persönlich anwesend. Wir beraten uns telefonisch, bei persönlichen Gesprächen und privat immer dann, wenn es notwendig ist.

Deutschlandradio Kultur: Vielen Dank für das Gespräch.

Mehr zum Thema:

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