Seit 10:05 Uhr Lesart

Dienstag, 15.10.2019
 
Seit 10:05 Uhr Lesart

Interview / Archiv | Beitrag vom 21.02.2017

Berliner Zoos im Kalten KriegElefanten für den Klassenkampf

Jan Mohnhaupt im Gespräch mit Liane von Billerbeck und Hans-Joachim Wiese

Podcast abonnieren
Elefanten im Tierpark Berlin (dpa / picture-alliance / Berliner_Kurier)
Elefanten im Tierpark Berlin (dpa / picture-alliance / Berliner_Kurier)

Die Systemkonkurrenz zwischen BRD und DDR machte vor exotischen Tieren nicht Halt. In Berlin war die Frage: Wer hat mehr Krokodile und Elefanten, der Zoo im Westen oder der Tierpark im Osten? Jan Mohnhaupt hat ein Buch über den absurden Kampf der Zoodirektoren und die "Nachrüstung mit Pandas" geschrieben.

Hans-Joachim Wiese: Woran denkt man beim Thema Kalter Krieg? An das Gleichgewicht des Schreckens, an die Teilung der Welt in Ost und West, an Mauer und Stacheldraht? Sicherlich nicht an Tiere oder an Zoologische Gärten. Aber auch da tobte der Kalte Krieg.

Liane von Billerbeck: Und zwar besonders intensiv, wie könnte es anders sein, in Berlin, genauer gesagt im geteilten Berlin. Da gab es nämlich seit 1958 und gibt es bis heute zwei Zoos, den West-Berliner Zoologischen Garten und den Ost-Berliner Tierpark. Die dienten beileibe nicht nur der Freizeitgestaltung, sondern mit denen wurde richtig Politik gemacht.

Wiese: Jan Mohnhaupt hat darüber ein Buch geschrieben mit dem Titel "Der Zoo der anderen. Als die Stasi ihr Herz für Brillenbären entdeckte und Helmut Schmidt mit Pandas nachrüstete." Heute Vormittag hat er es vorgestellt, und jetzt ist Jan Mohnhaupt hier bei uns im Studio. Hallo, schönen guten Tag!

Jan Mohnhaupt: Danke für die Einladung, hallo!

Wiese: Wie um alles in der Welt, Herr Mohnhaupt, sind Sie auf die Idee gekommen, ein Buch über die beiden Berliner Zoos als Instrumente im Kalten Krieg zu schreiben?

Mohnhaupt: Das rührt daher, dass ich mich schon seit meiner Jugend für Zoos interessiere. Kinder gehen ja alle, glaube ich, gern in den Zoo. Aber wenn das bei den anderen aufhört, da hat es bei mir eigentlich richtig angefangen. Und ich hab mich dann nicht nur für die Tiere, sondern auch für die Geschichte der Tiergärtnerei und die Entstehung und die Haltungsbedingungen, wie die sich entwickelt haben, interessiert, und bin dann später ja Journalist geworden und kam zum Studium nach Berlin und wunderte mich immer, dass es so ein Entweder-Oder hier nur gibt: Entweder man geht in den Zoo oder in den Tierpark. Und man hatte gar nicht das Gefühl, dass die Stadt stolz ist auf beide Zoos, sondern es gab immer so einen Kampf zwischen den beiden und zwischen den Besuchern auch. Und es gab auch nur Bücher über den Zoo oder den Tierpark. Und irgendwann bin ich dann darüber gestolpert, dass die eben auch im Kalten Krieg – ich habe dann erste Ansätze gefunden, wo ich dachte, ach, die müssen ja wirklich auch sich ideologisch bekämpft haben. Und je mehr ich gesucht habe, desto mehr habe ich gefunden, und ich dachte mir dann, das ist doch super für ein Buch.

Liane von Billerbeck: Das heißt, von dem Foto auf dem Zebra als Kind, als Vierjähriger, sind Sie dann zur Geschichte der Berliner Zoos gekommen. Erzählen Sie uns doch mal bitte konkret: Wie hat sich denn der Kalte Krieg im Tierpark Ost und im Zoologischen Garten dargestellt?

Mohnhaupt: Der verlief eigentlich in mehreren Phasen. Am Anfang war es ein direkter Konkurrenzkampf um Besucher. Da waren ja noch die Grenzen offen. Es gab zwar die Sektoren, auch die Ostberliner konnten ja in die Westsektoren reisen. Und da war dann der neugegründete Tierpark auch durchaus eine Gefahr für den Zoo, weil er ihnen Besucher weggenommen hat. Gleich im ersten Jahr hat man das gemerkt durch 85.000 Besucher weniger im Zoo. Dann kam die Mauer, und eigentlich waren dann die Reviere abgesteckt. Es gab feste Besucherzahlen, jeder hatte sein Revier und wilderte nicht mehr im Revier des anderen. Aber dann kam sozusagen die Symbolik dazu, und beide Zoos wurden noch stärker zu Symbolen für ihre jeweilige Stadthälfte, und auch als Aushängeschilder für das jeweilige politische System.

"Gegenzoo" sollte Westkontakte einschränken helfen

Wiese: Den West-Berliner Zoo, damals, als er gegründet wurde, war er ja kein Westberliner, sondern ein Berliner Zoo, den gab es ja schon ewig lange, seit dem 1. August 1844 nämlich, wenn ich mich nicht täusche. War denn da schon die Gründung des Ost-Berliner Tierparks im Jahr 1958 ein politischer Schritt, ein ganz bewusster?

Mohnhaupt: Die Gründung war ja '55, also ist er ja eröffnet worden schon. Das war ein durchaus politischer Schritt. Man wollte im Osten den Besuchern einen Gegenzoo bieten, weil man nicht mehr wollte, dass die in den Britischen Sektor reisen und da am besten noch Westkontakte pflegen, und hat dann ganz gezielt diesen Zoo bauen lassen, den Tierpark in Friedrichsfelde, hat das aber anders verkauft. Es hieß, der Zoo im Westen ist einfach zu klein und erfüllt nicht mehr die Ansprüche, die heute eine moderne Bevölkerung an einen Zoo hat.

von Billerbeck: Der West-Berliner Zoo ist ja auch eingebaut, der ist mitten drin in der Stadt, und der Ostberliner hatte eine Riesenfläche, auf der er sich ausdehnen konnte.

Mohnhaupt: Aber das war eher immer vorgeschoben. Es ging hauptsächlich darum, dass man etwas Eigenes hat, weil das war der einzige Grund, wo man noch sagen konnte, da müssen die Ost-Berliner leider in den Westen fahren, weil das haben wir noch nicht. Und so wurde dann dieser Tierpark gebaut und auch mit Hilfe der Bevölkerung, sonst wäre er ja auch niemals innerhalb von drei Monaten aus dem Boden gestampft worden. So lief es dann, dass dieser Zoo quasi schon eine gezielte politische Aufgabe hatte.

von Billerbeck: Sie haben ja schon so einen Buchtitel, der auf den Film "Das Leben der anderen" deutet. Im Untertitel geht es um die Stasi und Brillenbären. Bitte schön, was hat die Stasi mit Brillenbären und Zoos zu tun?

Mohnhaupt: In der Anfangszeit des Tierparks, also Mitte der 50-er, ist der erste Tierbesatz sozusagen aus Geschenken zusammengesetzt worden. Es gab Partnerstädte, befreundete Zoos und auch volkseigene Betriebe, die jeweils Tiere gespendet haben. Und auch die Staatssicherheit hat sich eingereiht, die wollte da nicht zurückstehen und hat Geld gesammelt unter ihren Beamten, dass die Gelder für Tiere ... und die hatten sich Brillenbären ausgedacht, wahrscheinlich so eine kleine Andeutung, nach dem Motto: Wir haben euch immer noch im Blick.

Wiese: Firma Horch und Guck.

Mohnhaupt: Genau, und haben dann Geld gesammelt und noch in einem offiziellen Schreiben mitgeteilt, es hätte sogar für drei Tiere gereicht, weil die Mitarbeiter glaubten, ein Bär allein würde sich einsam fühlen. Und so kam es dann zu den Brillenbären.

11:5 für den Westen

Wiese: Und dann wurde tatsächlich mit den Tieren Politik gemacht im Kalten Krieg. Wie sah die aus? Ging es da um die Herkunft der Tiere, um ihre Art oder worum genau?

Mohnhaupt: Es ging vor allen Dingen um den Wettkampf der beiden Zoodirektoren. Die haben noch mal dem eine ganz besondere Note gegeben, weil die beiden sich nicht leiden konnten. Heinz-Georg Klös im Westen und Heinrich Dathe im Osten waren sich spinnefeind und haben natürlich versucht, sich gegenseitig zu übertrumpfen, auch mit Tieren. Haben dafür es auch geschafft, die jeweiligen Politiker und Wirtschaftsbosse auf ihre Seite zu ziehen. Es gab beispielsweise eine Anekdote, dass es ihnen beiden wohl wichtig war, mehr Elefanten zu haben als der jeweils andere.

Wiese: Sind ja auch groß und mächtig und beeindruckend.

Mohnhaupt: Genau. Große Tiere für große Tiere. Die grauen Riesen sind auch für die Besucher natürlich mit die wichtigsten Tiere in so einem Zoo. Und die Legende ist halt die, dass Willy Brandt wohl, damaliger Regierender Bürgermeister von Berlin, zu Klös gesagt hat: Also das geht nicht, dass der Tierpark im Osten so viele Elefanten hat, kaufen Sie doch mal zwei. Und Klös, der immer aufs Geld geachtet hat, hat dann gesagt: Bezahlen Sie die auch? Brandt hat zugestimmt, obwohl er da gar keine Befugnisse hatte, das war ja für den Finanzsenator eigentlich, aber er hat es gemacht. Und so ging es hin und her, und Klös erzählte: Am Ende hatte Dathe im Osten fünf und ich elf, und damit war die Schlacht gewonnen. Also, der Duktus des Krieges spielte dann immer mit.

Wiese: Es gab aber auch einen Adler namens Willy Brandt.

Mohnhaupt: Es gab auch einen Adler, genau, der passenderweise am 21. Februar 1962 in den Zoo kam als Staatsgeschenk. Den brachte dann Robert Kennedy, der damalige US-Justizminister mit, der Bruder von John F. Kennedy, und hat das – das war ein ganz klares Symbol – so als Zeichen, die Staatsmacht, die USA hilft der befreundeten West-Berliner Bevölkerung, der Insel im roten Meer, wir breiten unsere Schwingen über euch aus und werden immer zu euch stehen, und brachten dann diesen Adler. Der leider aber schon sehr alt war, litt schon an typischen Alterserscheinungen bei Greifvögeln, dass nämlich der Schnabel verhornt. Die Klauen schlossen nicht mehr richtig, er konnte nicht mehr richtig sitzen, geschweige denn fliegen. Der Tierarzt hat wohl damals auch gesagt: ein ziemlich altes Luder. Der ist nicht alt geworden, hat noch zwei Jahre im Zoo gelebt.

Wiese: Hinter Gittern. Brandt hinter Gittern.

Mohnhaupt: Ja, das Problem war natürlich, er wurde "Willy Brandt" genannt, und das hat natürlich die Ostpresse direkt ausgeschlachtet und hat dann darüber berichtet: Willy Brandt sitzt im Berliner Zoo hinter Gittern und sein Lieblingsessen sind tote Ratten. Das wurde dann – über Wochen zog sich das. Da gab es immer wieder Berichte: Ich war zu Besuch bei Willy Brandt, der sitzt immer noch hinter Gittern und hockt da traurig in seiner Ecke …

Lokalstolz und Kalkül

von Billerbeck: Kann man sich die Berliner Sprüche genau vorstellen zu dem Thema. Ich erinnere mich als Kind, dass als ich im Ostberliner Tierpark war, da gab es ein Bärenschaufenster, so hieß das. Also allein schon dieses Wort sagt doch, dass beide Städte sozusagen mit ihren Zoos oder mit dem Tierpark auch angegeben haben. Wie haben denn die Bevölkerungsteile darauf reagiert? Haben die diesen Klassenkampf mitgemacht, also elf Elefanten, fünf Elefanten?

Mohnhaupt: Nein, nach der Teilung gab es ja für die Ostberliner sowieso nur ihren Tierpark, die hatten dann nicht mehr groß den Blick auf den Zoo.

von Billerbeck: Das ist klar, aber vielleicht ist ihnen das auch gesagt worden, wir haben jetzt die einzigen, oder irgendwie so.

Mohnhaupt: So Sachen standen natürlich auch immer in den Tierparkführern. Beispielsweise haben sich das Berliner Aquarium und der Tierpark Berlin beide darum immer quasi gestritten oder sich gegenseitig erzählt: Wir haben ja die größte Krokodilsammlung, und dann schrieb auch Dathe immer, also das Aquarium hatte die größte und Dathe schrieb dann immer in seinen Tierparkführern: Wir haben die zweitgrößte. Und es wurde dann immer so, es ging um ungefähr 19, 20 Arten, die sie dann jeweils hatten oder so. Die Bevölkerung war, glaube ich, da ging es eher um den Lokalpatriotismus, wir sind stolz auf unseren Zoo, und wir sind stolz auf unseren Tierpark. Dass die beiden Zoodirektoren dann natürlich das immer auch wieder politisch genutzt haben: Mehr Tiere brauchen wir, ich muss mehr Elefanten haben, weil sonst läuft uns der andere Zoo den Rang ab – das war natürlich auch immer ein klares Kalkül, um sozusagen den eigenen Zoo nach vorn zu bringen, weniger sozusagen das ideologische Ziel, sozusagen den Klassenfeind zu besiegen, sondern ganz konkret den eigenen Zoo zu stärken und einfach mehr Tiere zu haben, weil das auch beides wahnsinnige Sammler waren.

Wiese: Und heute, kann man das sagen, gehen die West-Berliner nach wie vor eher in den Zoo und die Ost-Berliner eher in den Tierpark?

Mohnhaupt: Trotz aller Zugezogenen in Berlin haben Zoo und Tierpark, die ja mittlerweile zusammengehören ... Man hat vor fast drei Jahren unter seinen Besuchern eine Umfrage gemacht, und die hat ergeben, dass – man kann diese Karten sehen, sind schöne Schaubilder, da kann man quasi noch die Mauer drauf sehen, weil die hauptsächlich die Leute aus dem Westen und Südwesten von Berlin vor allen Dingen in den Zoo gehen, und aus Ost-Berlin, vor allen Dingen aus den Teilen, so Lichtenberg, in Teilen noch von Köpenick, Treptow ein bisschen noch. Da kommen die Leute dann in den Tierpark, und es ist immer noch, ja, ich glaube, die Mauer in den Köpfen ist nirgendwo noch so präsent wie in der Frage Zoo oder Tierpark. Aber es ist natürlich das große Ziel des jetzigen Zoodirektors, das mal zu ändern.

von Billerbeck: Ist ja ein gemeinsamer Direktor für beide, für Zoo und Tierpark. Aber vielleicht könnte man dazu auch sagen, der Berliner an sich ist ja bequem. Er bewegt sich nur drei Kilometer im Quadrat, und vielleicht hat das weniger mit der Mauer als mit der Berliner Faulheit zu tun.

Mohnhaupt: Das natürlich auch, weil natürlich jeder Kiez irgendwie quasi seine eigene Welt auch wieder ist, und wenn man immer schon in den Zoo gegangen ist, dann geht man auch weiterhin dahin, und wenn man immer im Tierpark war, wird man wahrscheinlich nicht nach 30 Jahren anfangen, jetzt doch mal drüben vorbeizuschauen.

Wiese: Also ich hab es mal vor. Jan Mohnhaupt. Wir sprachen mit ihm über sein neues Buch "Der Zoo der anderen. Als die Stasi ihr Herz für Brillenbären entdeckte und Helmut Schmidt mit Pandas nachrüstete", erschienen im Carl Hanser Verlag. Vielen Dank!

Mohnhaupt: Vielen Dank für die Einladung!

Jan Mohnhaupt: Der Zoo der anderen. Als die Stasi ihr Herz für Brillenbären entdeckte und Helmut Schmidt mit Pandas nachrüstete
Hanser Verlag, München 2017
304 Seiten, 20 Euro

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Mehr zum Thema:

Der Tierpark als Paradies - Wilde Tiere in Berlin
(Deutschlandradio Kultur, Hörspiel, 15.6.2016)

Buenos Aires - Aus Zoo wird Ökopark
(Deutschlandfunk, Informationen am Morgen, 27.8.2016)

Gazastreifen - Der traurigste Zoo der Welt wird geräumt
(Deutschlandradio Kultur, Studio 9, 24.8.2016)

Interview

SPD-Regionalkonferenzen Mehr Slogans als Inhalte
Die Kandidaten für den Parteivorsitz der SPD stehen bei der letzten Regionalkonferenz auf der Bühne und halten übergroße Ballons mit der Aufschrift "#UnsereSPD". Bei der Konferenz geht es um die Nachfolge für die zurückgetretene Parteivorsitzende Nahles. (Lino Mirgeler/dpa/Picture-alliance)

Sechs Kandidatenduos stellen sich den SPD-Mitgliedern zur Wahl für den Parteivorsitz. Der "Spiegel"-Journalist Markus Feldenkirchen lobt den bisherigen Wettstreit als Möglichkeit der Mitwirkung. Dennoch sei das Verfahren zu starr ausgefallen.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur