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Profil / Archiv | Beitrag vom 06.05.2014

Berliner TheatertreffenEin Vagabundenleben für die Kunst

Die Szenografin Mona el Gammal

Von Anke Schaefer

 Im Autobahntunnel der A 71 nahe Oberhof  (picture alliance / dpa / Soeren Stache)
Im Autobahntunnel der A 71 nahe Oberhof (picture alliance / dpa / Soeren Stache)

Eigentlich macht Mona el Gammal Installationen, doch die Theaterwelt bedenkt sie reichlich mit Preisen - auch auf dem Berliner Theatertreffen. Sie selbst führt ein Leben auf Achse.

Video-Stimme: "Hier spricht das Institut für Methode (…) Nutzen Sie die Handdesinfektion, bevor Sie die Wohnräume betreten (…)"

Wer tut, wie ihm geheißen und mit blitzsauberen Händen das Haus mit der Hausnummer Null betritt, der begegnet keinem Schauspieler. Dafür hört er Stimmen, die Anweisungen geben oder ihn im Radio darüber aufklären, was passiert ist.

Video-Stimme: "Eine Auflösung der Verhältnisse und Werte hat stattgefunden, die dann in der Abschaffung der EU endete."

Die Macht hat in dieser Welt hier jetzt das IFM, das Institut für Methode, das nach der Abschaffung der EU eine Supranation bildet und die Menschen restlos überwacht und beherrscht.

El Gammal: "Es ist Überwachung, totale Vereinzelung, ein wahnsinniger Körperkult. Es ist eine Ausbeutung unserer Welt und Natur, es ist aber auch eine Ausbeutung des Menschen, der nur noch gesehen wird als Teil eines Systems, in dem er zu funktionieren hat und wo er sich optimieren muss, aber kein freies Denken mehr akzeptiert ist."

Begehbares Big-Brother-Szenario

Mona el Gammal, eine schmale Frau mit langen, leicht gelockten, blondierten Haaren und einem offenen Lächeln, hat sich dieses begehbare Big-Brother-Szenario letztes Jahr als Diplomarbeit an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe ausgedacht.

"Wenn ich mich mit etwas beschäftige und viel Energie und Lebenszeit und Liebe und Kraft in Projekte stecke, dann hat das immer einen gesellschaftlichen Antrieb."

Geboren ist Mona el Gammal 1986 in Bochum und dort auch aufgewachsen als Tochter einer Psychiaterin und eines Lehrers.

"Ich glaube, uns wurde beigebracht, dass man Ungerechtigkeiten nicht akzeptieren sollte."

Die großen und kleineren Ungerechtigkeiten in unserem Staat, der sich Sozialstaat nennt, machen sie wütend.

"Manchmal finde ich es anstrengend, wütend zu sein. Und andererseits ziehe ich da fast meine gesamte Energie raus, um das zu machen, was ich mache. Ich bin wütend auf diese Welt, auf die Gesellschaft, was hier los ist. Ich finde es immer schwer, das zu akzeptieren, und zwischendurch hat man die Krisen mit Weltschmerz, wie so viele Menschen das einfach so hinnehmen können."

"Eine realistische Vision"

Wer durch das gruselige Szenario im "Haus // Nummer / Null" läuft, soll Zukunft ganz real erleben.

"Wenn wir weiter so machen, wie wir machen und den Mund nicht aufkriegen, dann könnte das eine schlimme, aber realistische Version sein, dessen, wie wir in 30 bis 40 Jahren leben werden. Ich hoffe, dass das, was wir machen, nicht nur für uns relevant ist, sondern auch in einem größeren Kontext."

Und in dieser Hoffnung hat Mona el Gammal mit ihrem Team jetzt in Berlin-Mitte wieder wochenlang auf der Baustelle ihres Hauses gebaut, gehämmert und geschraubt.

"Ich höre sehr viel Musik, wenn ich arbeite. Wenn ich baue, dann höre ich viel poppig-elektronische Musik. Und da hab ich ein Stück mitgebracht von Tias&Waitintom, 'Save Me', und das läuft grad auf der Baustelle ganz viel, und die beiden seh ich auch gern live."

Heute Berlin, morgen Kopenhagen

Solche Musik motiviert also Mona el Gammal – und auch das Kollektiv, mit dem sie arbeitet. Denn so einen 'erzählenden Raum' voller Briefe von Abwesenden, voller Dosennahrung, Medikamente, Möbel oder Stimmen auf dem Anrufbeantworter, den stellt man nicht alleine in die Welt.

"So was will man auch nicht alleine. Ich glaube extrem daran und liebe es, dass man mit anderen Menschen zusammenarbeiten kann und auch etwas Fantastisches dabei herauskommen kann."

Als Mona el Gammal und ihr Team im vergangenen Jahr den Kölner Theaterpreis gewannen, hieß das, sie wurden nicht so sehr als bildende Künstler wahrgenommen, sondern vielmehr als Theaterschaffende. Und jetzt die Einladung zum Stückemarkt – auch wenn "Haus // Nummer / Null" streng genommen ja keine Bühne, sondern eine Installation ist.

Nur 168 Zuschauer wird Mona el Gammal auf dem Berliner Theatertreffen durch ihr Haus schleusen. Danach geht sie nach Kopenhagen, wo sie Bühnen- und Kostümbildnerin für das Performance-Kollektiv Signa ist. Man hätte sie ja gern in ihrer eigenen Wohnung getroffen, um zu erfahren: Was erzählt dieser "Raum" über sie. Doch Mona el Gammal wohnt mal hier, mal da:

"Tatsächlich brauche ich nicht viel zum Leben. Alles was ich habe, passt in einen halben Mercedes Vito. In einen halben kleinen Bus, und das reicht mir auch, und mehr möchte ich auch nicht."

Die andere Hälfte des verfügbaren Platzes in dem Bus gehört ihrem Freund, der auch an "Haus // Nummer / Null" mitarbeitet. Sie führen also ein teamorientiertes, minimalistisches und wütendes Vagabundenleben für die Kunst.

"Wir, das IFM, haben binnen weniger Jahre eine Supranation geschaffen, und seitdem geht es ständig bergauf."

 

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