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Religionen | Beitrag vom 08.12.2019

Berliner Initiative „Church for Future“ Klimaneutral basteln für Weihnachten

Von Imre Balzer

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Ein selbstgebastelter Adventskalender hängt an einer Kordel. (Unsplash/ Markus Spiske)
Müll vermeiden und weihnachtliche Freude schenken, das geht für die "Church for Future" zusammen. (Unsplash/ Markus Spiske)

Weihnachten feiern, aber Müll vermeiden - dieses Ziel hat sich eine Kirchengemeinde in Berlin gesetzt. Während der UN-Klimagipfel in Madrid nach globalen Lösungen sucht, gibt sie Ratschläge für umweltfreundliches Basteln in der Adventszeit.

Möglichst wenig Müll zu erzeugen, das ist das Prinzip, nach dem Heike Schmitt lebt. Dieses Anliegen will die 51-Jährige an diesem Abend im Gemeindesaal der evangelischen Kirchengemeinde Gatow an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihres Workshops weitergeben. "Zero Waste" nennt sich dieser Lebensstil im Englischen. Und das passt ganz gut, denn "Waste" heißt übersetzt nicht nur Müll, sondern auch Verschwendung, wie Schmitt erklärt:

"Das heißt, die bringen nicht ihren ‚Mülleimer‘ runter, die bringen ihren ‚Verschwendungseimer‘, ihren ‚Wastebin‘. Das eben zu reduzieren, möglichst auf null, hat sich diese Bewegung Zero Waste auf die Fahne geschrieben, also: null Müll, null Verschwendung. Die haben fünf Prinzipien, und die habe ich mir heute auf mein T-Shirt geschrieben, mein wieder-bemalbares."

Abfallfrei gegen die Klimakrise

"Verweigern, reduzieren, weiterverwenden, reparieren, recyceln" – so steht es auf Englisch auf ihrem schwarzen T-Shirt. Damit alle die Prinzipien lesen können, schreibt Schmitt sie nochmal an die Tafel. Das bereitgestellte Flipchart schiebt sie beiseite – denn damit würde sie Papier verschwenden. "Abfallfrei durch die Weihnachtszeit" lautet der Titel des Workshops, den Heike Schmitt an diesem Abend leitet.

Gekommen sind ein gutes Duzend Gatowerinnen und Gatower, viele ältere Jahrgänge sind darunter. In den Regalen Gesangbücher, an den Wänden zwei Kreuze mit Jesusfiguren – ein typischer Gemeindesaal. Und doch: Der Abend soll Teil von etwas Größerem sein – der Lösung der Klimakrise. Eingeladen haben der Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Gatow, Mathias Kaiser, und Sabine von Stackelberg, Gemeindemitglied und Klimaaktivistin.

Pfarrer Mathias Kaiser (l) mit seiner Gruppe beim basteln. (Deutschlandradio/ Imre Balzer)Selbstgemachtes Schenken: Pfarrer Mathias Kaiser (l) beim Basteln. (Deutschlandradio/ Imre Balzer)

"Church for Future" heißt die Initiative, die beide zusammen mit weiteren Gemeindemitgliedern ins Leben gerufen haben. Das Ziel: auf die Dringlichkeit der Klimakrise aufmerksam zu machen – innerhalb und außerhalb der Kirche.

Aufgerüttelt durch den Enkel

"Wir wollen in die Kirche hineinwirken, sie aufrütteln, dass wir uns beteiligen müssen bei den Klimastreiks", sagt Pfarrer Mathias Kaiser, "und wir wollen in die Gesellschaft hineinwirken, um deutlich zu machen, dass Kirche eine Aufgabe hat – eben die Schöpfung zu bewahren."

Interesse für das Thema kam bei Kaiser vor allem durch die Proteste gegen die Abholzung des Hambacher Forsts auf. Der Enkel eines Gemeindemitgliedes war dort aktiv, erzählt der 48-Jährige. Im März dieses Jahres gründeten er und seine Mitstreiter das Aktionsbündnis, um damit die "Fridays for Future"-Bewegung zu unterstützen.

Ein wichtiger Impuls kam aus Paris

Teil der "Church for Future"-Initiative ist auch die sogenannte Klimaakademie Berlin, in deren Rahmen der Abfallfrei-Workshop stattfindet. Weitere Veranstaltungen zu klimafreundlichem Leben und Reisen sind im Januar geplant, auch einen Gesangsabend mit dem Motto: "Singing for Future" wird es geben.

"Der Impuls kam daher, dass ich ein Interview gehört habe mit der Pariser Bürgermeisterin", sagt Sabine von Stackelberg. "Die hat große Klimaziele für Paris und hat gesagt, da weiß sie, dass diese Transformation auch einfach von den Bürgern getragen werden muss, man kann das nicht einfach aufoktroyieren, man muss die mitnehmen. Und dann habe ich gedacht: Das können wir auch!"

Nachhaltig schenken

Im Gatower Gemeindesaal muss an diesem Abend niemand mehr mitgenommen werden. Was Klimakrise und Müllvermeidung angeht, sind viele der Teilnehmenden schon lange an Bord – auch in der Weihnachtszeit:

"Was Weihnachten angeht, da machen wir es so, dass wir uns nur Selbstgemachtes schenken. Getrocknete Brennesselsamen oder Zitronensalz oder Zitronenöl oder Thymian-Himbeermarmelade oder Quittenbrot oder solche Sachen. Die kommen sowieso in gebrauchte Gläser, und dann kann man vielleicht noch ein hübsches Stück Stoff oder ein Krepppapier auf den Drehverschluss machen, und dann ist das gut."

Heike Schmitt gibt den Workshop zum ersten Mal, entsprechend improvisiert wirkt einiges noch. Erst vor eineinhalb Jahren wurde sie auf das Problem Plastikmüll aufmerksam. Sie recherchierte viel – und entwickelt eine E-Mail-Serie, mit der sie den Empfängern in elf E-Mails beim abfallfreien Leben helfen will. Ihr Workshop soll dazu anregen, die Verschwendung an Weihnachten zu hinterfragen. Ein besonderer Punkt dabei: das Schenken.

Milchtüte wird Portemonnaie

"Beim Weihnachtsschenken ist es oft so, dass man irgendwie aus einer Verlegenheit, weil man nicht genau weiß, irgendwas kauft, was der andere gar nicht gebrauchen kann", sagt Schmitt, "vieles landet auf dem Müll. Da findet sehr viel Verschwendung statt, die nicht sein müsste und wo man sich auch mal wieder auf den Weihnachtsgedanken konzentrieren könnte."

Deshalb ist der zweite Teil des Workshops praktischer Natur. Aus alten Milchkartons basteln die Teilnehmenden Geldbeutel – ein nachhaltiges Weihnachtsgeschenk. Auch Pfarrer Kaiser macht mit. Aktiv gegen den Klimawandel werden – das ist das Ziel der "Church for Future". Kaiser und von Stackelberg hoffen, dass sie mit ihrer Initiative möglichst viele Menschen erreichen und sich weitere Gemeinden anschließen.

Doch für Mathias Kaiser geht es auch noch um etwas anderes: nicht den Mut zu verlieren: "Heiterkeit. Ich habe tatsächlich wieder Heiterkeit gewonnen, seitdem ich weiß, ich kann was tun."

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