Berliner Buchhandlung Kisch & Co.

    Abschied mit Haltung – und ein neuer Mietvertrag

    05:45 Minuten
    Ein Demonstrant hat sich einen zum Haus umgestalteten Pappkarton auf die Schultern und über seinen Kopf gesetzt. Der Pappkarton stellt das Haus dar, in dem sich die Räume von Kisch & Co. bislang befanden
    Nur unter Protest wurden an diesem Dienstagmorgen die Räume der Buchhandlung "Kisch & Co." in Berlin-Kreuzberg an den Gerichtsvollzieher übergeben. © imago / Matthias Reichelt
    Von Ernst-Ludwig von Aster · 24.08.2021
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    Nach 23 Jahren musste die Buchhandlung "Kisch & Co." in Berlin-Kreuzberg ihr Ladenlokal verlassen. Alle Proteste hatten nichts genutzt. Doch im letzten Moment bot der Immobilienkonzern Deutsche Wohnen neue Räume im Kiez an.
    Berlin-Kreuzberg, Buchhandlung Kisch & Co, Freitagnachmittag. Ein Kunde bahnt sich den Weg zum kleinen Kassentresen: "Einmal 'Zu Welt kommen' von Svenja Flaßpöhler." – "Mal sehen, mal sehen, ob das noch da ist, ist alles ein bisschen durcheinander."
    Tischlerin Conny balanciert auf einer Leiter, demontiert die hohen Wandregale. Thorsten Willenbrock scannt die verbliebenen Exemplare: "Die ist weg, wer weiß, wo die in dem Chaos gelandet ist, jaja."
    Keine Svenja Flaßpöhler in Sicht. Willenbrock zuckt mit den Schultern. Seit 25 Jahren verkauft er hier Bücher. In vier Tagen wird zwangsgeräumt. Der alteingesessene Buchladen passt einer Luxemburger Immobiliengesellschaft nicht ins Geschäftskonzept.
    "Wäre das denn möglich, das zu morgen zu bestellen?", fragt der Kunde. – "Ja, das klappt." Willenbrock bestellt das Buch. Mit dem Kopf ist er ganz woanders.

    Die Geschichte der Oranienstraße 25

    "Wir haben immer die Öffentlichkeit gesucht mit unserem Anliegen", sagt Willenbrock, "und wir wollen deutlich machen, dass wir verschwinden müssen. Und da kann jeder dran teilhaben…"
    Gemeint damit: teilhaben an der Hausgeschichte der Oranienstraße 25, einem Immobilien-Deal zwischen Milliardenerben, einem astronomischen Hauspreis von mehr als 35 Millionen Euro, kaum nachvollziehbaren Firmenkonstruktionen, unmoralischen Vertragsangeboten, einer Verdreifachung der Miete.
    Willenbrock greift zum Tabakbeutel, geht vor die Tür, blickt auf die Oranienstraße. Absperrgitter stehen bereit, Parkverbotsschilder am Straßenrand: "Das hängt damit zusammen, dass die dem Gerichtsvollzieher den Zugang hier zusichern wollen."
    Mehr als 22.000 Menschen haben für den Verbleib des Ladens unterschrieben, Kunden und Anwohner demonstriert, Musiker und Schriftsteller gesungen und gelesen, Politiker an die Luxemburger Fondsgesellschaft appelliert – ohne Erfolg.
    "Wir haben von denen gar nichts gehört, wir hatten nur mit den Anwälten zu tun, einfach nix, null Bewegung."
    Am Ende kam die Räumungsklage. Schlüsselübergabe an den Gerichtsvollzieher ist Dienstagmorgen um 8.15 Uhr.

    Der Tag vor der Schlüsselübergabe

    Montagnachmittag, noch gut 18 Stunden. Noch stehen mehr als 100 Kisten im Buchladen. Willenbrock blickt auf die Uhr, nickt seiner Kollegin Ulla zu. Sie haben einen Termin, mit dem sie nicht mehr gerechnet hatten. Nur ein paar Häuser weiter.
    Jean-Pierre Gix von der Deutschen Wohnen wartet schon. Dem Immobilienkonzern gehören viele Gewerbeflächen hier im Kiez. Er hat dem Buchhändler ein Angebot gemacht. Ein ehemaliges Modegeschäft, 13 Euro pro Quadratmeter kalt. Ein sehr guter Preis. Vertragslaufzeit elf Jahre.
    Der neue Laden ist nur halb so groß wie der alte, liegt aber im Kiez. Die Mitarbeiter können weiterbeschäftigt werden. Willenbrock und seine Kollegin Ulla unterschreiben.
    Erleichtert sei er, sagt Willenbrock. "Aber hauptsächlich ist jetzt noch im Kopp, was wir da alles schaffen mit dem Umzug, weil ja morgen die Räumung ist. Und das muss klappen."
    Auf der Oranienstraße in Berlin-Kreuzberg werden Regale der Buchhandlung zum neuen Standort gebracht.
    Umzug mit Hilfe von Kunden: Regale der Berliner Buchhandlung "Kisch & Co." auf dem Weg zum neuen Standort ein paar Häuser weiter.© Ernst-Ludwig von Aster
    Vor dem alten Laden wartet ein kleiner Transporter. Kunden und Mitarbeiterinnen beladen Hub- und Bollerwagen. Viele gratulieren:
    "Das ist doch super, das hat doch zweimal gewirkt, ich hätte das nicht gedacht, diese ganzen Demos, das hat gewirkt."
    Langsam rollt die kleine Karawane durch den Feierabendverkehr die Oranienstraße entlang. Vom alten zum neuen Laden.

    Abschied vom alten Laden

    Am Dienstagmorgen um sieben Uhr stehen die Absperrgitter auf der Straße, dahinter Dutzende Polizeibeamte, davor gut 150 Demonstranten. Der Buchladen ist abgeriegelt. Große Banner hängen vor der Scheibe: "Gewerbemietschutz – das ist unser Haus" steht darauf.
    "Meine Hochachtung für dieses Durchhaltevermögen und das ihr auch immer gesagt habt, ihr kämpft nicht nur für euch, ihr kommt für alle, vielen vielen Dank dafür!", sagt eine Rednerin bei der Demo.
    Thorsten Willenbrock dreht sich eine Zigarette. Senkt den Kopf. Alle hier haben sich über den Mietvertrag gefreut, sagt er. Auch wenn er von der Deutschen Wohnen kommt.
    "Das habe ich bisher von noch keinem gehört", sagt Willenbrock. "Der Kommentar, der meistens dazu kommt ist: Wird ja so oder so bald städtisch sein oder vergesellschaftet." Zumindest, wenn die Menschen in Berlin am 26. September beim Volksentscheid für eine Enteignung privater Wohnungsunternehmen stimmen.

    Um 8.14 Uhr machen die Polizisten eine Gasse frei, kontrollieren die Ausweise von Willenbrock und seinen Mitarbeitern. Der Gerichtsvollzieher bittet in den Buchladen. In den leeren Räumen hängt noch ein Protestkalender an der Wand. "Finger weg" steht da.
    Polizisten stehen vor der Buchhandlung Kisch & Co. in Berlin-Kreuzberg am 24.8., dem Tag der Räumung
    Die Polizei hatte Teile der Oranienstraße rund um die Buchhandlung für die Räumung abgesperrt. © imago / Matthias Reichelt
    Fünf Minuten später stehen Willenbrock und seine Kollegen wieder auf der Straße. Noch ein Abschiedsfoto vor dem alten "Kisch &Co". Alle haben Tränen in den Augen. Die Demonstranten applaudieren.
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