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Fazit / Archiv | Beitrag vom 15.02.2018

Berlinale-RetrospektiveKomplex und abwechslungsreich

Von Moritz Holfelder

Rainer Rother, Leiter der Retrospektive der Berlinale (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)
Hat die Retrospektive zusammengestellt: Rainer Rother (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)

Ob Kino in der Weimarer Republik mehr war als "Metropolis" und "Kuhle Wampe", will die Retrospektive der Berlinale "Weimarer Kino – neu gesehen" ausleuchten. Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme gibt es unter den thematischen Schwerpunkten "Exotik", "Alltag" und "Geschichte" zu sehen.

Überrascht registriert man als Zuschauer in den Filmen dieser Retrospektive, dass das dort gezeigte Leben einem gar nicht so fremd vorkommt, sogar recht vertraut wirkt – im gesellschaftspolitischen Diskurs und in den einzelnen Lebensentwürfen gar nicht so weit weg von dem, was uns heute beschäftigt.

So geht es um die Schere zwischen Arm und Reich, um Wohnungsnot und Metropolen im Wandel, aber auch um Emanzipation, einen neuen Umgang mit Sexualität, schließlich um die Radikalisierung bestimmter Gruppen der Gesellschaft.

Das sieht auch Rainer Rother so, der Leiter der Deutschen Kinemathek und damit verantwortlich für die Retrospektive der Berlinale: "Wenn man ein bisschen auf die Aktivitäten der Archive schaut, die viel restauriert haben in der Vergangenheit schon und jetzt durch die Digitalisierung ganz andere Möglichkeiten haben und deswegen auch Filme sichtbar gemacht werden können, die außerhalb des Kanons stehen, da haben wir uns gesagt, dann schauen wir uns mal an, was aus Weimar zu sehen sein könnte, wenn man auf 'Metropolis', 'Die Nibelungen', 'Den letzten Mann', 'Kuhle Wampe' und 'Kongress tanzt' verzichtet."

"Ihre Majestät die Liebe" aus dem Jahr 1931 ist so ein Film außerhalb des Kanons. Er packt einen sofort. Schon gleich die erste Szene in einer Berliner Bar wirkt flirrend und erotisch. An einem Tresen im Hintergrund, dem sich die Kamera energiegeladen nähert, singen drei Zigarre rauchende Honoratioren das Lied mit, das die Band angestimmt hat.

Sexistisches Altherren-Geschwafel

Dabei blicken sie voller Sehnsucht auf die junge Barkeeperin Lia. Die muss sich das sexistische Altherren-Geschwafel über die Unterschiede zwischen Damen, Weibern und Froileins mit anhören: Haben Frauen eine Seele oder sind nicht andere Körperteile wichtiger, fragt einer der drei.

Es geht in "Ihre Majestät die Liebe" um gesellschaftliche Identitäten und Klassenunterschiede – gedreht hat ihn Joe May, eine Art Steven Spielberg des Kinos der Weimarer Zeit, geboren 1880, ein Wiener Jude, der nicht nur den späteren Star-Regisseur Fritz Lang entdeckte, sondern selbst als einer der großen Pioniere der zehner und zwanziger Jahre galt.

Die erotische Leichtigkeit und freche Weltoffenheit, mit der Joe May die Zuschauer in "Ihre Majestät die Liebe" konfrontiert, ist im deutschen Kino bis heute ziemlich einzigartig. Die wild witzige Komödie zeigt, was sich in der Weimarer Republik an filmischer Originalität und Frische entwickelt hatte.

Komplex und abwechslungsreich war damals das Kino

Ungemein komplex und abwechslungsreich war das Kino damals – vom großen Unterhaltungsfilm bis zum Experiment, meint Rother: "Insofern ist diese Vielfalt, dieses vielstimmige, dieses manchmal auch nur für den Tag produzierende und dann plötzlich erweist sich der Film plötzlich doch als haltbar - das ist für die Weimarer Republik ein ganz wichtiger Punkt, der manchmal auch unterschätzt wird."

Ein Auto unterwegs durch Steinwüsten. Durch eisige Polarregionen. Durch endlose Schlammlöcher. Im Auto: eine Frau. Die deutsche Rennfahrerin Clärenore Stinnes umrundete von 1927 bis 1929 als erster Mensch in einem serienmäßigen Personenwagen, einem Adler Standard, die Erde. Es entstand der abendfüllende Dokumentarfilm "Im Auto durch zwei Welten", uraufgeführt 1931.

Dokumentarfilmerin mit ethnologischem Interesse

Im Katalog der Berlinale-Retrospektive hat die deutsche Künstlerin Ulrike Ottinger einen Aufsatz darüber geschrieben. Die Dokumentarfilmerin besitzt ein großes ethnologisches Interesse. Das spricht sie Clärenore Stinnes jedoch ab: "Sinn des Films war eine Propagandafahrt - ein deutsches Auto hält diese Weltumrundung aus. Was natürlich nicht der Fall war. Es ist ständig zusammengebrochen und als es dann irgendwann nach zwei Jahren blumengeschmückt im Triumphzug in Berlin über die AVUS fuhr, da war kein Stück des alten Autos mehr vorhanden, sondern es war wie Phönix aus der Asche."

Es war eine Zeit in Bewegung. Es gab viel Austausch zwischen den einzelnen Ländern Europas. Das große Verdienst der diesjährigen Retrospektive bei den Berliner Filmfestspielen liegt darin, dass sie den Reichtum dieser Epoche zeigt und die Weimarer Republik nicht nur als Vorstufe des Nationalsozialismus begreift – im Sinne des Statements für eine offene Gesellschaft mit einer komplexen Struktur von Debatte und Auseinandersetzung.

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