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Thema / Archiv | Beitrag vom 21.05.2014

Berlin"Parken vom Alltag"

Die Lebenswerte Stadt - Wohnungen oder Grünfläche?

Rolf Lautenschläger im Gespräch mit Stephan Karkowsky

Das Schild "Hier brütet die Feldlerche von April bis Juli." steht am 13.05.2014 in Berlin auf dem Tempelhofer Feld. (picture alliance / dpa / Paul Zinken)
Das Schild "Hier brütet die Feldlerche von April bis Juli." steht am 13.05.2014 in Berlin auf dem Tempelhofer Feld. (picture alliance / dpa / Paul Zinken)

Am Sonntag stimmen die Berliner über eine Bebauung des Tempelhofer Feldes ab. Berlin sei eine "dichte Stadt", deshalb brauche man weite Räume, an denen man machen kann, was man will, so Architekturkritiker Rolf Lautenschläger.

Stephan Karkowsky: Wer schon mal da war, kriegt den Mund kaum zu vor Staunen. Mitten in Berlin liegt ein freies Feld, größer noch als der New Yorker Central Park: das ehemalige Flugfeld in Tempelhof. Am Sonntag stimmen die Berliner darüber ab, ob es komplett als Park erhalten bleiben, oder am Rand bebaut werden soll.

Rolf Lautenschläger ist der Architekturkritiker der "taz" in Berlin und er hat gerade ein Buch zum Tempelhofer Feld veröffentlicht. Herr Lautenschläger, guten Morgen!

!!Rolf Lautenschläger: Guten Morgen!

Karkowsky: Sie haben Geschichte und Geschichten rund um das ehemalige Flugfeld gesammelt für Ihr Buch. Hat denn die Recherche eigentlich Ihre Haltung verändert, für oder gegen eine Randbebauung?

Lautenschläger: Im Grunde genommen eigentlich nicht. Das Faszinierende für mich war diese gigantische Weite, die man da findet, und auch die vielen Male, die ich auf dem Feld war, hat im Grunde genommen die Attraktivität und die Faszination, die der Ort für mich hat und die der Ort auch für viele Berliner hat, konserviert.

Karkowsky: Was ist es genau, was die Berliner und was offenbar auch Sie so lieben an diesem Ort?

2008 hat es schon mal einen Volksentscheid gegeben

Lautenschläger: Ich glaube, das Tempelhofer Feld ist vielleicht vergleichbar mit dem Potsdamer Platz hier in Berlin, ein Ort, der sich ungemein aufladen lässt. Und die Bedeutung, die dieser Ort bekommt, hängt natürlich damit zusammen, dass es einmal ein ungemein historischer Ort in der Stadt ist.

Dann ist es ein unglaublich großer Ort, ein sehr weiter Ort. Dann hängt das natürlich auch mit dem Teil seiner Geschichte zusammen, wo man den Traum vom Fliegen dort realisiert hat. Am südlichen Teil des Tempelhofer Feldes steht die Wiege des deutschen Films. Das ist sozusagen eine Fläche, ein Raum in dieser Stadt und dann noch dazu mittendrin, der die Berliner und natürlich auch mich da mit einem besonderen Auge hat immer draufgucken lassen. Und ich glaube, ein Punkt, den darf man auch nicht vergessen: Sie sagten in Ihrer Anmoderation, es geht um den Volksentscheid jetzt im Jahr 2014. 2008 hat es schon mal einen Volksentscheid gegeben. Das ist praktisch der einzige Ort hier in der Stadt, über den jetzt zum zweiten Mal abgestimmt wird.

Damals ging es um die Frage, wird der Flughafen geschlossen, oder lassen wir ihn offen, weil damals alle Berliner glaubten, wir bekommen einen neuen Flughafen - Sie wissen, was ich meine: Der BER, der immer noch nicht eröffnet ist -, haben sie damals bei dem Volksentscheid gesagt, nein, wir möchten nicht, dass dort länger geflogen wird, sondern wir möchten, dass dort die große Fläche, die freie Fläche erst mal für die Stadt und die Bevölkerung, also für uns vorhanden ist.

Der Flughafen Tempelhof in Berlin (AP)Der Flughafen Tempelhof in Berlin (AP)

Karkowsky: Nun weiß man ja schon sehr lange, dass der Flughafen Tempelhof nicht mehr weiter betrieben werden sollte. Das ist ja schon seit vielen Jahren geplant gewesen. Da muss es ja auch sehr früh Planungen gegeben haben, was mit diesem Gelände zu geschehen hat. Wie sahen die denn aus?

Lautenschläger: Das Faszinierende ist, dass dieser Ort und seine Besonderheit und seine besondere Lage und auch seine besondere Geschichte schon sehr lange im Visier und im Fokus der Stadtplaner ist. Er steht im Grunde genommen auch symptomatisch für bestimmte Planungskulturen, aber auch Streitkulturen. Im Jahre 1974, wenn ich mich recht erinnere, wurde der Flughafen in Tegel eröffnet.

Karkowsky: Das neue Gebäude zumindest.

Lautenschläger: Genau. Und seit der Zeit machen sich im Grunde genommen Freiraumplaner, Landschaftsplaner, Architekten, Stadtplaner darüber Gedanken, was man mit dem Feld in der Zukunft machen kann. Das ist jetzt schon eine ganze Zeit her.

Karkowsky: Und was waren das für Pläne?

Visionen gingen in alle Richtungen

Lautenschläger: Die ursprünglichen Pläne sahen vor, den Ort als "grüne Lunge" zu erhalten. Man wollte sozusagen in dem doch recht dicht bebauten Raum aus Tempelhof, Kreuzberg und auch Neukölln mit weit über vier oder 500.000 Einwohnern eine grüne Lunge konservieren, aus klimatischen Gründen, auch aus Gründen der Erholung. Nach dem Mauerfall 1989 haben sich die Perspektiven natürlich völlig verändert.

Man hat gesagt, wenn das mal frei wird, wenn das als US-Airbase einmal geräumt wird, dann projizieren wir im Grunde genommen alles das, was wir in Bonn haben als Hauptstadt, jetzt nach Berlin auf dieses Feld. Ideen waren, einen riesigen Regierungskomplex zu machen, ein Olympiastadion zu machen. Berlin hatte sich für das Jahr 2000 für die Olympischen Spiele beworben. Dann waren Pläne vorgesehen, dort ein riesiges Krankenzentrum zu errichten. Die Visionen gingen praktisch in alle Richtungen.

Karkowsky: Aber alle waren Bebauung?

Lautenschläger: Alle waren Bebauung zu der Zeit. Dann 1994/95 wurde von Berliner Stadtplanern eine ganz radikale Bebauung vorgesehen. Man stelle sich vor, weil das Tempelhofer Feld ungefähr die Größe von europäischen Altstädten hat: die wurden sozusagen alle da reinprojiziert als Idee in ihrer Menge für 120, 130, 140.000 Besucher. Dann ging es aber wieder in die entgegengesetzte Richtung, die wir auch im Augenblick diskutieren.

Beim Masterplan des Landes Berlin, der im Moment so aktuell und so strittig ist, ging es darum, diese Mitte, diese grüne Mitte freizuräumen und an den Rändern Bebauung für Wohnen, für Gewerbe und Arbeit, aber auch für Kultur, Stichwort Zentral- und Landesbibliothek, die dort auch gebaut werden soll, zu realisieren.

Karkowsky: Sie hören vor dem Berliner Volksentscheid zum Tempelhofer Feld den Architekturkritiker der "taz", Rolf Lautenschläger. - Herr Lautenschläger, worum wird denn da jetzt eigentlich genau gestritten? Selbst wenn der Plan des Senats durchgeht, dann bleiben doch immer noch, wenn ich das richtig in Erinnerung habe, 230 Hektar, also ein enorm großes Stück Feld, unbebaut und das reicht doch eigentlich als grüne Lunge, zumal Berlin ja eine enorm grüne Stadt ist und nicht gerade arm an Parks. Wird da bezahlbarer Wohnraum, denn auch der ist ja geplant, nicht viel dringender benötigt?

Randbebauung ist nicht sozial

Lautenschläger: Im Augenblick könnte man meinen, dass diese Planung sich in gewisser Weise auch harmonisiert. Aber ich denke, wenn man ganz genau hinguckt, dann sind doch die Überlegungen der Planer sehr massiv. Von den rund 400 Hektar - genau sind es 385 - bleiben rund 200 übrig. Die Vorstellung der Randbebauung ist aus meiner Sicht eine sehr banale, wie sie im Augenblick aussieht. Sie ist auch nicht sehr sozial. Sie ist nur an einigen Teilbereichen für sozialen Wohnungsbau projektiert, in anderen Bereichen doch für sehr viel mehr Geld.

Karkowsky: Aber es wird doch das Land Berlin bauen. Die wollen das ja nicht an private Investoren ausgeben, sondern von den Wohnungsbaugesellschaften bebauen lassen, und da sind doch zum Beispiel Luxusbauten überhaupt gar nicht denkbar.

Lautenschläger: Doch. An zwei Stellen ist das so, wie Sie sagen, aber an der dritten Stelle, an der Kante zur Oderstraße in Neukölln - und das ist sozusagen die schönste Ecke, weil sie wie ein Balkon über dem Feld liegt.

Gemeinschaftsgärten auf dem Tempelhofer Feld (Deutschlandradio / Manfred Hilling)Gemeinschaftsgärten auf dem Tempelhofer Feld (Deutschlandradio / Manfred Hilling)

Karkowsky: Das Filetstück?

Lautenschläger: Das ist das Filetstück. An der Stelle denkt man daran, das doch wesentlich teurer zu veräußern. Es ist nicht nur jetzt die Diskussion sozialer Wohnungsbau auf dem Feld, oder frei lassen, sondern es geht auch um die Inhalte. Ich finde dieses Konzept nicht ausreichend, zumal ja, wenn Sie sich die Planungen des Landes Berlin anschauen, wo es für die nächsten 20, 30 Jahre um ungefähr 150 bis 200.000 neue Wohnungen geht, dann ist im Grunde genommen das ein Tropfen auf den heißen Stein, und die Frage, die jetzt gestellt wird, ist, opfern wir dieses grüne Juwel, was da in der Mitte ist, für diesen wenigen Wohnungsbau, der im Grunde genommen die Wohnungsnot, die wir in Berlin auch haben und die auch weiterhin durch den großen Zuzug sehr problematisch sein wird, wo wir durch diese wenigen Wohnungen das nicht lösen können.

Karkowsky: Sehen Sie denn nun dieses Flugfeld Tempelhof und den Streit darum als ein spezielles Problem von Berlin, weil das ja was Einmaliges ist, dass eine Großstadt auf einmal eine solche Freifläche in der Mitte findet und damit umgehen muss, oder steht es auch exemplarisch für unseren veränderten Umgang mit Stadt, dass wir früher gedacht haben, alles zubauen, und jetzt überhaupt, dass es eine Initiative gibt, die sagt, das muss frei bleiben?

"Der größte Freizeitpark Europas"

Lautenschläger: Ich denke, die wesentliche Auseinandersetzung muss eigentlich um die Frage gehen, betrachtet man das sozusagen als Vorhaltefläche, wie das ja mit ganz vielen anderen Konversionsflächen oder anderen Flächen, die früher militärisch genutzt wurden und auch als Flugfelder genutzt wurden, zum Teil geschehen ist, und sagt, das ist ein defizitärer Raum und wir müssen diesen defizitären Raum in Form von Bebauung oder in Form auch von Gartengestaltung besetzen, Landnahme verhübschen, schöner machen, als Park kreieren, oder ist das - und das wäre eher meine Position - ein komplementärer Raum zu Berlin, indem man sagt, wir haben darum herum eine ungemein dichte Stadt, die auch immer dichter wird, und es kommen immer mehr Leute in diese Stadt, und deshalb braucht es auch Orte und Räume, die sich von dieser Dichte und von dieser immer enger werdenden und pulsierenderen Stadt dann auch distanzieren, beziehungsweise wenn man da hingeht, dass man sich dann dort erholen kann und machen kann, was man will.

Im besten Sinne: man kann einen in diesem Raum auch parken vom Alltag. Das ist, glaube ich, in Berlin schon immer so eine Diskussion gewesen, die wir auch kennen: Welche Räume hat die Stadt für wen zur Verfügung und wie nutzt man das? Das war, glaube ich, schon immer ein Nimbus, den Berlin hatte, was die Zuwendung zu nicht fertigen Räumen angeht: Wie gestaltet man die, baut man die zu, verhübscht man die, oder lässt man die erst mal so ein bisschen in dem rohen Zustand, um dann für die, die da hingehen wollen, dort so eine Spielfläche zu bieten?

Und das Tempelhofer Feld ist ja im Grunde genommen der größte Freizeitpark Europas im Augenblick, die größte Spielfläche, eine Savanne, die Great Plains, habe ich gesagt. Bei bestimmtem Licht ist das ein ungemein wirres und flirrendes Feld, was großen Spaß macht, sich darauf aufzuhalten.

Karkowsky: Ist denn ein Ergebnis absehbar? Was wird da am Sonntag passieren? Wird dieser Volksentscheid durchkommen, oder rechnen Sie damit, dass die Berliner vielleicht doch sagen, Nein, Wohnungen und ein Stück Grün in der Mitte, das reicht uns eigentlich, das ist okay?

Lautenschläger: Karl Valentin hat mal gesagt, Prognosen sind schwierig, gerade wenn sie die Zukunft betreffen. Ich kann im Moment nicht sagen, ob sich jetzt die Waage in die eine oder in die andere Richtung senkt. Im Augenblick ist es, glaube ich, fifty fifty und die Diskussion in der Stadt hat sich in den letzten Tagen, Wochen und Monaten sehr zu Gunsten des Freihaltens bewegt, was auch mit der Stadtregierung zusammenhängt.

Karkowsky: Rolf Lautenschläger, Ihnen herzlichen Dank. Er ist Architekturkritiker bei der "taz" und er hat ein Buch veröffentlicht. Das trägt den Titel "Das Tempelhofer Feld". Da können Sie mehr dazu nachlesen, wenn Sie das Thema weiter interessiert. Danke für das Gespräch.

Lautenschläger: Gerne.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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