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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 05.03.2013

Berlin fernab der Party-Stadt

Nellja Veremej: "Berlin liegt im Osten", Jung&Jung, Salzburg 2013, 318 Seiten

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Der Alexanderplatz spielt eine ganz besondere Rolle in Nellja Veremejs Berlin-Roman. (AP)
Der Alexanderplatz spielt eine ganz besondere Rolle in Nellja Veremejs Berlin-Roman. (AP)

In ihrem Erstlingswerk zeichnet Nellja Veremejs ein ganz anderes Berlin-Bild abseits der neuen Prosperität. Bildgewaltig und detailgenau beschreibt sie dabei Szenen aus deutschen und russischen Lebensläufen.

In ihrem Erstlingswerk zeichnet Nellja Veremejs ein ganz anderes Berlin-Bild abseits der neuen Prosperität. Bildgewaltig und detailgenau beschreibt sie dabei Szenen aus deutschen und russischen Lebensläufen.

"Berlin liegt im Osten"- behauptet der Titel dieses Roman-Debüts trotzig. Geographische Koordinaten sind hinfällig. Während ihrer frühen Kindheit am äußersten Rand der Sowjetunion vermutet die Ich-Erzählerin Lena das Tor zum Westen noch am Fuße des Uralgebirges. Jahrzehnte später fühlt sie sich als Altenpflegerin in der deutschen Hauptstadt tiefer denn je wie im Osten:
"Polen, Ukrainer, Bosnier, Mexikaner – hier im Berliner Apartmenthaus für Senioren hat sich die proletarische Internationale wieder zusammengefunden. Altenpflege ist der Job der Ausgewanderten oder von gescheiterten Einheimischen."

Nellja Veremej zeichnet ein nuancenreiches Berlin-Bild fernab der jungen Party-Stadt. Die Protagonistin Lena, Mitte vierzig, alleinerziehend, hat es vornehmlich mit alten Menschen zu tun. Ihnen sind nur mehr Erinnerungen geblieben - und hin und wieder diese russische Altenpflegerin, die ein offenes Ohr für ihre Geschichten hat.

Bildgewaltig und detailgenau beschreibt die Autorin Szenen aus deutschen Lebensläufen ebenso wie Stationen in Lenas Biographie: die naturgesegnete frühe Kindheit im Nordosten Russlands, den unerwarteten Tod des Vaters, den Umzug mit der Mutter zur Oma im Kaukasus, das Philologie-Studium in Leningrad und die Emigration nach Berlin mit Mann und Kind Mitte der 1990er Jahre.

Bald danach folgen Entfremdung und die Trennung von ihrem Mann Schura, der nicht aufhört, weiter vom erfolgreichen Geschäftsmodell zu träumen. Aus den vielen unterschiedlichen Lebenssplittern und dem genauen Blick auf Lenas Berliner Gegenwart schält sich allmählich ein zweiter Protagonist heraus: der ehemalige Ost-Berliner Journalist Ulf Seitz, dessen Biografie in Rückblenden bis in seine Jugend während des 2. Weltkriegs zurückverfolgt wird.

Die Annäherung zwischen Lena und ihrem fast doppelt so alten Schützling setzt den zentralen Plot des Romans in Gang.Und es scheint, als würden hier Vergangenheit und Gegenwart in einen Dialog treten: "Als ich Herrn Seitz sachte an mein Herz drücke, sehe ich, dass uns die Glaskugel reflektiert, und für einen Augenblick scheint mir, dass dieser zusammenschrumpfte, in der Länge verzerrte Mann mein verlorener Vater ist."

Es ist ein wiederkehrendes Motiv in dem Roman: Erinnerungen sind trügerisch. In Lenas Rückschau hat ihr Vater, ein Pilot, bei einem Absturz den Heldentod gefunden. Lenas heranwachsende Tochter Marina korrigiert, er habe das Flugzeug damals in betrunkenem Zustand gesteuert. Illusion und (Selbst-) Täuschung betreffen fast alle Figuren des Romans, egal ob Russen oder Deutsche.

Der alte Seitz erhofft sich mehr aus der Freundschaft mit Lena. Sie wiederum glaubt an eine neue Liebe mit einem gleichaltrigen Mann, der sie belügt. Scham und Lügen sind ebenfalls im Spiel, wenn Lena ihrer alten Mutter, zu Besuch in Berlin, erzählt, sie sei Russischlehrerin und nicht Altenpflegerin.

Traurige Ironie, dass ausgerechnet Lena, die so vielen Fremden Zeit schenkt, zu spät kommt, als ihre eigene Mutter in einem Krankenhaus im Kaukasus einsam stirbt. So hoffnungsvoll der Roman auch endet: der Tod setzt den Schlusspunkt in diesem klugen und sensiblen Buch über die Suche nach dem richtigen Platz in der Welt – jenseits von Nationalität und geographischen Koordinaten.

Ein Ort allerdings ist dennoch sehr konkret: die Gegend rund um den Berliner Alexanderplatz, wo Nellja Veremejs Protagonistin lebt und wo sie sich mit offenen Augen und Herzen bewegt- wie nebenbei ein literarischer Gruß an Döblins berühmten Roman, der hier eine schöne Nebenrolle spielt.

Besprochen von Olga Hochweis

Nellja Veremej: Berlin liegt im Osten
Jung&Jung, Salzburg 2013, 318 Seiten, 22,00 Euro

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