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Fazit | Beitrag vom 03.08.2020

Berichterstattung zu Anti-Corona-DemosDer Dialog darf nicht abbrechen

René Schlott im Gespräch mit Eckhard Roelcke

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Teilnehmer der Demonstration gegen die Corona-Auflagen am 1.08.2020 in Berlin in der Nähe des U-Bahnhofs Friedrichstraße. (Stefan Zeitz / imago-images)
Man dürfe nicht alle Teilnehmer der "Anti-Corona-Demos" in einen Topf werfen, meint der Historiker René Schlott. (Stefan Zeitz / imago-images)

Auch am letzten Wochenende wurde gegen die Corona-Maßnahmen demonstriert - in Berlin kamen rund 20.000 Protestierende zusammen. In dieser äußerst inhomogenen Gruppe alle als Spinner zu bezeichnen, sei problematisch, sagt der Historiker René Schlott.

Als Historiker müsse er die Anmaßung mancher Demonstranten zurückweisen, die in Anlehnung an den sogenannten Judenstern mit gelben Sternen mit der Aufschrift "Ungeimpft" bei der Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen am Samstag in Berlin gewesen waren, sagt der Historiker René Schlott.

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"Es gibt überhaupt keinen Grund, die Situation irgendwie mit 1933 oder mit der Judenverfolgung zu vergleichen. Das ist reine Provokation, überhaupt kein Zweifel. Natürlich will man damit versuchen, sich selber als Opfer darzustellen. Auf der anderen Seite muss ich sagen: Wegen einzelner Judensterne auf dieser Demo alle zu Verrückten und zu Irren, zu 'Covidioten' zu erklären, wie das Saskia Esken getan hat, finde ich problematisch. In den Medien ist es wichtig, zu differenzieren und auch zu schauen: Gab es Menschen, die dort durchaus berechtigte Anliegen hatten?"

Letztlich sei er als Demokrat über jede Demonstration froh, sagt Schlott, auch wenn sie inhaltlich nicht mit seinen Ansichten übereinstimme. "Eine Demokratie muss sich daran messen lassen, wie sie mit ihren Minderheiten umgeht, auch wie Sie mit Leuten umgeht, die sie für Spinner hält, oder 'Verschwörungsidioten'. Auch die genießen Demonstrationsrecht."

Demokratie muss solche Demos aushalten

Er sei erschrocken gewesen über die Wucht, mit der gegen die Demonstrierenden medial geschossen worden sei, sagt Schlott. Auch die einheitliche Meinung über die Demonstrationen habe ihn gewundert. Medien und Journalisten müssten sich fragen, ob sie eine Mitverantwortung hätten, für das, was auf der Straße passiere. 

Auch müsse man sich fragen, ob man wirklich für Aufklärung gesorgt habe und ob alle Maßnahmen politisch gut begründet worden seien. Er glaube aber, dass die Demokratie auch diese Art von Demonstration aushalten werde. "Auf jeden Fall darf man den Dialog nicht abbrechen. Wenn man Leute als Idioten und als Spinner oder Verwirrte oder als unverantwortlich hinstellt, dann bricht man diesen Dialog ab. Und ich glaube, dann tut man der Gesellschaft insgesamt keinen Gefallen, denn das wird die Gräben vertiefen."

Schließlich habe man seit 70 Jahren keine derartig starken Freiheitseinschränkungen gehabt. "Dass da Leute kritische Fragen stellen, das sollten wir zulassen und wir sollten die Leute auch ernst nehmen."

(rja)

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