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Das politische Buch / Archiv | Beitrag vom 05.10.2007

Berichte aus dem Gulag

Warlam Schalamow: "Durch den Schnee"

Rezensiert von Wolfgang Sofsky

Warlam Schalamow: "Durch den Schnee" (Matthes & Seitz)
Warlam Schalamow: "Durch den Schnee" (Matthes & Seitz)

Warlam Schalamow verbrachte 18 Jahre in sowjetischen Straflagern. In "Durch den Schnee" berichtet er von Hunger, Schlägen, Arbeit und einer erbarmungslosen Kälte, die die Gefangenen zugrunde richtete. Schalamows Erzählungen gehören zu den wichtigsten Zeugnissen aus dem Gulag.

Kolyma liegt am Ende der Welt. Im Labyrinth der sowjetischen Lager bezeichnet diese Einöde den letzten Kreis der Hölle. Die Qualen der Menschen dauerten dort länger als in Birkenau. Nicht im Feuer der Krematorien, im Eisboden der Tajga verschwanden die Toten. Nach drei Wochen Schinderei in den Gold- oder Zinngruben war der Häftling ein körperliches und seelisches Wrack. Hunger, Schläge, Arbeit und Kälte richteten ihn zugrunde.

"Alteingesessene konnten den Frost auch ohne Thermometer fast exakt bestimmen: wenn Frostnebel herrscht, dann sind draußen minus vierzig Grad; wenn die Luft beim Atmen mit Geräusch ausfährt, doch das Atmen noch nicht schwer wird, sind es fünfundvierzig; wenn das Atmen ein Geräusch macht und Kurzatmigkeit dazukommt, sind es fünfzig Grad. Bei über fünfzig Grad gefriert die Spucke in der Luft."

Warlam Schalamows "Erzählungen aus Kolyma" sind das wichtigste Zeugnis aus dem Vernichtungszentrum des Gulag. In ihrem literarischen und historischen Rang stehen die kurzen Prosastücke den Texten von Primo Levi oder Jorge Semprun keineswegs nach. Achtzehn Jahre verbrachte Schalamow in den Haftstätten des Staatssozialismus, allein vierzehn davon an der Kolyma, jener menschenleeren Gegend im Nordosten Sibiriens, zu der man einst nur per Schiff gelangen konnte. Vor der Ankunft der Gefangenen gab es in dieser Wüstenei keine Siedlung, keine Baracke, keine Straße. Bei vielen Lagern konnte man auf den Grenzzaun aus Stacheldraht verzichten. Die Leere des Raums verhinderte von vornherein jeden Fluchterfolg.

"Der Frost, derselbe, der die Spucke in der Luft gefrieren ließ, ergriff auch die menschliche Seele. Wenn die Knochen einfrieren konnten, konnte auch das Hirn einfrieren und stumpf werden, konnte auch die Seele einfrieren. Im Frost konnte man an nichts denken. Alles war einfach ...Wir hatten keinen Stolz, keine Eigenliebe, keinen Ehrgeiz, und Eifersucht und Leidenschaft erschienen uns als Begriffe von einem anderen Stern und obendrein als Dummheiten. Wesentlich wichtiger war es, die Fertigkeit zu gewinnen, im Winter bei Frost die Hosen zuzuknöpfen – erwachsene Männer weinten, wenn ihnen das mitunter misslang. Wir verstanden, dass der Tod kein bisschen schlimmer ist als das Leben, und fürchteten weder das eine noch das andere. Eine große Gleichgültigkeit beherrschte uns."

Das Lager drückte den Menschen hinab auf das animalische Minimum. Es zersetzte Gefühl und Verstand und verstieß ihn in einen Zustand innerer Kälte. Am längsten bewahrte der Häftling sich die Erbitterung. Denn das Fleisch eines Ausgehungerten reicht nur für Erbitterung. Der Zeitsinn verkümmerte. Da sich keine Vorsorge treffen ließ, dachte kaum einer über den Tag hinaus. Hoffnung war die gefährlichste Versuchung. Sie demoralisierte, denn sie konnte immer nur enttäuscht werden.

"Der Mensch lebt nicht, weil er an etwas glaubt, weil er auf etwas hofft. Der Lebensinstinkt bewahrt ihn, wie er jedes Tier bewahrt. Und auch jeder Baum, jeder Stein könnte dasselbe sagen."

Schalamow beschreibt die Destruktionskraft des Lagers ohne ästhetische Verfremdung, ohne moralische oder historische Belehrung und ohne politischen Appell. Es ist eine Prosa von lakonischer Kargheit und authentischer Präzision. Sie kennt keine Helden, keine weitschweifige Entwicklung, keine Flucht in die tröstenden Arme des Humanismus. Der Kältetod der menschlichen Seele verträgt nicht die literarische Form des Romans, der Erinnerung oder der Autobiographie. Schalamow ist einer der wenigen Autoren, dessen Poetik tatsächlich der Erfahrung des Lagers entspricht, darin allenfalls vergleichbar Tadeusz Borowskis Erzählungen "Bei uns in Auschwitz".

"Die neue Prosa verwirft das touristische Prinzip. Der Schriftsteller ist nicht Beobachter, nicht Zuschauer, sondern ein Teilnehmer am Drama des Lebens, ein Teilnehmer nicht im Gewand des Dichters, nicht in der Rolle des Dichters. Er ist Pluto, der der Hölle entsteigt, nicht Orpheus, der in die Hölle hinabsteigt."

Vor dem Abgrund ist nur noch eine Schreibweise möglich, welche die körperlichen Tatsachen in den Mittelpunkt rückt: die Arbeit, das Essen, den Tod zu Lebzeiten. Der Mensch wurde zur Kreatur, die auf Prügel, Geschrei, auf Wärme oder Hunger nur noch instinktiv reagierte. Der Körper verfiel, das Hirn trocknete aus, die Finger waren taub, die Muskeln dünn wie Bindfäden. Mit schmutzigen Lumpen waren die eiternden Wunden umwickelt, an Fußsohlen und Handflächen löste sich die Haut ab. Die ausgehungerten Häftlinge fingen Mäuse, Krähen, Möwen und Eichhörnchen und vergruben sie in der Erde, damit das Tierfleisch seinen Geruch verlor. Essen, das im Mund eines anderen verschwand, ließ man nicht aus den Augen.

"Während der Austeiler näher kam, rechnete sich jeder schon aus, welches Stück genau ihm diese gleichgültige Hand hinhalten würde ... Dann, während er den Hering mit den schmutzigen Fingern packt, ihn schnell und behutsam streichelt und drückt, um festzustellen, ob er eine trockene oder fette Portion erhalten hat, kann er nicht anders, als mit schnellem Blick die Hände seiner Nachbarn zu überfliegen, die ebenfalls ihre Heringsstückchen streicheln und kneten, aus Angst, dieses winzige Schwänzchen zu eilig zu verschlingen. Er isst den Hering nicht, er leckt, er beleckt ihn, und das Schwänzchen verschwindet allmählich aus den Fingern. Bleiben die Gräten, und vorsichtig kaut er die Gräten, kaut sie behutsam, und die Gräten zergehen und sind verschwunden."

Wo die Vernichtung durch Arbeit betrieben wird, ist die Befreiung von der Plackerei das größte Privileg. Dieses Vorrecht genossen vor allem die Banden der Kriminellen, die heimlichen Herren im Archipel Gulag. Sie bestahlen die Gefangenen, bestachen die Aufseher, erpressten Ärzte und Pfleger, umgaben sich mit Dienern, die ihnen alle Wünsche erfüllten. Lug, Betrug und Schmeichelei, Faulheit, Hass und Feigheit – das Lager war eine Schule der Niedertracht. Angetreten zur Erlösung des Gattungswesens bestand der zivilisatorische Beitrag des kommunistischen Experiments nicht zuletzt in der Entwertung aller Werte.

Ein Menschenleben zählte nichts an der Kolyma. Unzählige starben durch Erniedrigung und Entkräftung. Der Tod ist in Schalamows Prosa allgegenwärtig. Seine Figuren leben alle an der letzten Schwelle. Da holt einer bei der Arbeit mit der Hacke aus, gerät ins Wanken und fällt mit dem Gesicht auf die Steine. Sein Leichnam ist eine leichte Last aus Knochen und Haut. Andere werden mit Handtüchern erdrosselt, mit Messern erstochen oder zu Tode getrampelt. Im sowjetischen Universum der Vernichtungsarbeit genügten Kälte, Hunger und Schinderei.

"Doch es gab einen geheimen leidenschaftlichen Wunsch, einen letzten Eigensinn – den Wunsch, irgendwo in einem Krankenhaus zu sterben, in einem Zimmer, im Bett, unter der Zuwendung anderer Menschen, einer wenn auch dienstlichen Zuwendung, aber nicht im Freien, nicht im Frost, nicht unter den Stiefeln des Begleitpostens und nicht in der Baracke unter Gekeife, Dreck und allgemeiner vollkommener Gleichgültigkeit."

Warlam Schalamow: Durch den Schnee. Erzählungen aus Kolyma Bd.1
Aus dem Russischen von Gabriele Leupold
Matthes & Seitz, Berlin 2007

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