Seit 15:05 Uhr Tonart
Donnerstag, 03.12.2020
 
Seit 15:05 Uhr Tonart

Weltzeit | Beitrag vom 17.11.2020

Bergkarabach nach dem KriegAserbaidschan jubelt, Armenien wütet

Von Jule Hoffmann, Thomas Franke, Silvia Stöber, Thielko Grieß

Beitrag hören Podcast abonnieren
Das Bild zeigt einen Mann mit vielen Orden und rötlicher Beleuchtung beim Jubelschrei. Er feiert am 10. November 2020 in Ganja, Aserbaidschan, die Einigung über die Einstellung der Kämpfe um die Region Berg-Karabach.  (Getty Images / Anadolu / Arif Hudaverdi Yaman)
Ein Mann feiert im aserbaidschanischen Ganja die Einigung über die Einstellung der Kämpfe um Bergkarabach. (Getty Images / Anadolu / Arif Hudaverdi Yaman)

Mehr als 3000 Tote soll es bei den Kämpfen in Bergkarabach gegeben haben. Nun sichern russische Truppen den Waffenstillstand. Die Aserbaidschaner dürfen ihre eroberten Gebiete behalten. Die Armenier ziehen ab unter starken Protesten.

"Es ist natürlich verheerend. Ich meine, wir sprechen hier über die größte Katastrophe, die Armenien getroffen hat seit dem Genozid - von 1915. Das ist das Gefühl, dass ich wohl mit den meisten hier teile", sagt Raffi Elliott.

Der frühere afghanische Kriegsherr Gulbuddin Hekmatjar am 4. Mai 2017 in Kabul nach seiner Rückkehr aus 20-jährigem Exil. (AFP)Gulbuddin Hekmatjar schickte in den 90er-Jahren Afghanen in den Bergkarabach-Krieg. (AFP)Armenier und Aserbaidschaner ringen schon lange um die Region Bergkarabach. Auch mit ausländischen Kämpfern. Aktuell sind es syrische Rebellen, die von der Türkei laut Guardian nach Aserbaidschan geschickt wurden. Im Krieg von 1992 bis 1994 waren es Afghanen. Von ihrem Schicksal berichten im Podcast der Weltzeit Emran Feroz und Sayed Jalal Shajjan. Die Männer sehen sich heute als kleine Schachfiguren im großen Machtkampf.

Raffi Elliot ist 30, schreibt als politischer Analyst für die Zeitung "Armenien Weekly". Ich erreiche ihn am Telefon in Jerewan. Er war als freiwilliger Berichterstatter aber auch an der Front:

"Natürlich wussten wir, dass sie besser ausgerüstet waren, sie hatten Drohnen und türkische Unterstützung. Aber wir haben nicht realisiert, wie schlimm die Lage war. Also kam die Nachricht wie ein Schock für uns."

Paschinjan musste Wahl zwischen Land oder Leben treffen

Akut gibt es für Elliot nun drei große Themen für Armenien:

"Wir müssen die Geflüchteten versorgen, die Wirtschaft in den Griff kriegen und dann hatten wir zum ersten Mal in Tausenden Jahren eine vollständige Einheit: Die gesamte Gesellschaft, die Diaspora, - alle haben zusammengearbeitet, um den armenischen Staat zu beschützen. Aber jetzt haben viele Armenier, besonders im Ausland, realisiert, dass der armenische Staat sehr zerbrechlich ist."

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

Die Wut von vielen Armeniern entlädt sich gerade an Ministerpräsident Nikol Paschinjan – aber Elliot nimmt ihn in Schutz:

"Es gibt diese Vorstellung, dass Paschinjan das Land verkauft habe in den Verhandlungen. Was absurd ist, weil er nichts als Gegenleistung erhielt. Er sagt im Grunde, er musste eine Wahl treffen zwischen der Rettung von Land oder Leben. Und er entschied sich für Leben."

Kritik am Ministerpräsidenten spaltet Armenien

Viel härter ins Gericht mit Ministerpräsident Paschinjan geht Antranig Minassian, 28 Jahre, Bauingenieur in Jerewan:

"Bei meinen Freunden und meiner Familie: Da ist jetzt, sagen wir, ein Riss. Denn meiner Meinung nach sollte man die Regierung kritisieren, weil das in ihrer Amtszeit geschah. Natürlich gab es vor Paschinjan auch Fehler, aber er hat sie nicht korrigiert oder die Lage verbessert. Ich denke, er hat diese Zeit sehr schlecht gemanagt und alles Falsche gemacht, was man machen kann. Ich finde es sehr legitim, wenn die Leute jetzt wütend sind auf ihn."

Armeniens Ministerpräsident Nikol Paschinjan gibt 2018 in einem Kindergarten in der Hauptstadt Jerewan seine Stimme ab. (Foto: Christian Thiele/dpa)Bei der vorgezogenen Parlamentswahl in Armenien erhielt 2018 das Parteienbündnis von Nikol Paschinjan 70 Prozent der Stimmen. (Foto: Christian Thiele/dpa)

Vor zwei Jahren, während der sogenannten Samtenen Revolution, war Paschinjan der große Heilsbringer, der gegen Korruption, für eine enge Anbindung an den Westen Hunderttausende auf den Straßen mobilisierte und es so ins Amt schaffte. Jetzt sind viele enttäuscht – auch Minassian:

"Ich hoffe, dass wir eine Führungsperson bekommen, die die Armenier vereinen kann. Weil es einen großen Bruch gibt, der jetzt sehr sichtbar ist. Unglücklicherweise provoziert der Premierminister noch mehr Zorn mit seinen täglichen Statements. Und am Ende des Tages würde ich ihn auch einen Populisten nennen. Er möchte mit seiner Sprache und allem nah bei den Leuten sein, aber seine Politik wird uns nichts helfen im Bereich der Außenpolitik."

Der erste selbst erlebte Schmerz für jüngere Armenier

Besonders die Jüngeren waren 2018 von Paschinjan begeistert. Sie kennen den Krieg um Bergkarabach Anfang der 90er-Jahre nur von ihren Eltern. Jetzt schreiben viele auf Facebook, sie seien verwirrt und wüssten nicht einmal mehr, welche Meinung sie haben sollen. Kristyn Manoukian erklärt das so:

"Viele der Soldaten, die gestorben sind und gekämpft haben, wurden geboren, nachdem die Sowjetunion endete. Nach dem Krieg Anfang der 90er-Jahre. Sie haben nicht dieses Trauma, diese Wut und die Leidenschaft der älteren Armenier. Bei meiner Familie und bei Freunden ist es genauso. Wir als neue Generation sollten mit Hoffnung und ohne Vorbelastung nach vorne blicken. Aber jetzt fühlt es sich für mich so an, als wären wir korrumpiert, weil wir jetzt neuen Schmerz und neues Leiden aus eigener Anschauung erlebt haben."

Manoukian ist 29, kam vor einigen Jahren aus der kanadischen Diaspora zurück – mit viel positiver Energie, um Armenien aufzubauen. Und daran will sie trotz des verlorenen Krieges festhalten:

"Trotz der großen Verluste: Armenien existiert noch. Ich schaue aus meinem Fenster und es ist ein wunderschöner Tag. Wir atmen noch, wir gehen, wir arbeiten. Wir müssen um die Verstorbenen trauern. Aber wir müssen herausfinden, wie wir wachsen können und stärker werden – als Menschen und als Land. Und ich hoffe, wir schaffen das."

Tumulte im Parlament nach dem Waffenstillstand

Derzeit sieht die Stimmung nicht nach positivem Aufbruch in Armenien aus: In Jerewan stürmten letzte Woche aufgebrachte Demonstranten das Parlament. Viele von ihnen tragen Tarnkleidung. Scheiben gehen zu Bruch, Möbel werden zertrümmert.

Seit der Unterzeichnung des von Russland vermittelten Waffenstillstandsabkommens überschlagen sich in Armenien die Ereignisse. Die Opposition fordert den Rücktritt des Premierministers, Nikol Paschinjan. Sicherheitsdienste melden einige Tage später, sie hätten ein Attentat auf ihn vereitelt. Spezialeinheiten durchsuchen Wohnungen und Büros Oppositioneller, nehmen einige von ihnen fest.

Demonstranten heben vor der Polizei die armenische Nationalflagge hoch im Rahmen der Proteste gegen eine Vereinbarung zur Einstellung der Kämpfe um die Region Bergkarabach. (AP/dpa/Dmitri Lovetsky)Menschen demonstrieren in Jerewan gegen die Vereinbarung zur Einstellung der Kämpfe um die Region Bergkarabach. (AP/dpa/Dmitri Lovetsky)

Boris Navasardian gehört zu den wenigen mäßigenden Stimmen in Armenien. Mit seiner NGO, dem Yerevan Press Club, setzt er sich für professionelle Berichterstattung in Armenien ein und analysiert dafür Debatten und Tendenzen in der armenischen Gesellschaft.

"Die Ereignisse lösen natürlich eine große Konfrontation auch in den Medien und in den sozialen Netzwerken aus", sagt er. "Die Gesellschaft ist gespalten. Aber es gibt auch viele Menschen, die weder die Regierung noch die Opposition unterstützen. Sie meinen, dass wir uns, egal wie der Machtkampf ausgeht, darauf konzentrieren müssen, konkrete Probleme zu lösen. Wir haben viele Flüchtlinge, und es kommen viele Kämpfer nach Armenien zurück. Das sind zusätzliche Faktoren für Instabilität und Spannungen."

Ein besonderes Problem seien die armenischen Kommandeure, die ihre Posten noch nicht geräumt hätten. Sie hielten die Unterzeichnung des Waffenstillstands durch den Premierminister Armeniens für Verrat:

"Auch diese Kommandeure müssen früher oder später die Waffen niederlegen. Aber es ist schwer zu sagen, wie sie sich in die Innenpolitik Armeniens einmischen werden. Diese Leute gelten als Helden, und die Leute werden auf sie hören."

50 Prozent der Flüchtlinge aus Karabach Corona-positiv?

Dazu kommt noch die Corona-Pandemie. Bis zu 50 Prozent der Flüchtlinge aus Karabach sollen mit dem Virus infiziert sein. Die Regierung müsste dringend handeln, sagt Boris Navasardian, doch sie sei wie gelähmt.

"Man hat den Eindruck, dass die Regierung nichts oder nur sehr wenig tut. Sie führt keinerlei öffentlichen Dialog mit der Gesellschaft, und auch in den Medien erfährt man nur sehr wenig von konkreten Handlungen der Regierung. Über informelle Kanäle versprechen sie, demnächst irgendwelche Roadmaps vorzuschlagen."

Die Situation sei zu brenzlig, um sich untereinander zu streiten, meint auch Navasardian vom Pressclub.

"Wir brauchen eine umfassende Regierungsumbildung. Die Regierung muss politisch neutral sein und all ihre Anstrengungen und Kapazitäten dafür verwenden, konkrete Aufgaben zu lösen, statt sich dem innenpolitischen Kampf zu widmen."

Bis zum Waffenstillstand waren die Armenier eher für ihre Geschlossenheit bekannt. Doch nun liegen die Nerven blank, der Frust ist groß. Das liegt auch daran, dass eine Niederlage gegen die Aserbaidschaner nie einkalkuliert wurde – trotz deren offensichtlicher militärischer Übermacht.

Backen für die Soldaten an der Front

Rückblende. Jerewan in der ersten Novemberwoche. Seit bald sechs Wochen wird in und um Bergkarabach gekämpft. Die armenische Seite spricht bereits von mehr als 1000 Toten.

In einer Fußgängerzone im Zentrum von Jerewan stehen drei Frauen hinter einem Tisch. Eine von ihnen ist Lesmonia. Sie ist 65 Jahre alt. Routiniert kneten ihre kräftigen Hände Teig für Fladenbrote. Neben ihr steht eine schmale Eisenplatte, auf der werden die dünnen, mit Kräutern gefüllten Brote kurz gebacken.

"Ich habe das früher auf dem Markt in Stepanakert gemacht", erzählt sie.

Frauen verkaufen Fladenbrot in der Fußgängerzone in Jerewan, um mit dem Erlös die Soldaten an der Front zu unterstützen. (Silvia Stöber)Frauen verkaufen Fladenbrot in der Fußgängerzone in Jerewan, um mit dem Erlös die Soldaten an der Front zu unterstützen. (Silvia Stöber)

Stepanakert ist die Hauptstadt von Berg-Karabach. Lesmonia ist Anfang Oktober von dort nach Jerewan geflohen. Das Geschäft mit dem Brot läuft gut, die Solidarität der Einheimischen ist groß, viele kaufen die Fladen, um zu helfen. Lesmonia behält nur so viel Geld, wie sie zum Leben braucht. Den Rest spendet sie für die Soldaten.

"Ich habe Verwandte hier in Jerewan, bei denen wohne ich", erzählt sie. "Alle Frauen aus Karabach sind hier, die Männer kämpfen. Alle zwei, drei Tage rufen die Männer an. Gestern ist der Sohn einer unserer Frauen getötet worden."

Niemand redet vor zwei Wochen offen über die Möglichkeit einer Niederlage. Stattdessen versuchen viele, bis zum letzten Moment den Anschein von Normalität zu wahren.

Diaspora-Rückkehrer: "Es geht um unser Existenzrecht"

In einer Kellerbar trinken bärtige Männer Bier an Stehtischen. Hinter dem Tresen steht der Besitzer Hratch Davidian.

"Ich bin in Beirut, im Libanon, geboren und 35 Jahre durch die Welt gereist", erzählt er. "Vor elf Jahren bin ich nach Armenien gekommen. Und ich bin stolz, mich Armenier zu nennen. Ich bin 58 Jahre alt. Wenn ich die Chance hätte, Soldat zu werden, wenn ich an die Front gehen könnte, würde ich das tun. Selbst, um nur Geschirr zu spülen oder zu kochen – ich bin bereit."

Davidian bezeichnet sich als Rückkehrer, wie viele Armenier, deren Vorfahren nach dem Genozid während des Ersten Weltkriegs in alle Welt geflüchtet sind, und die in den letzten Jahren nach Armenien, in das Land ihrer Vorfahren, zurückgekommen sind.

In Armenien selbst leben etwa drei Millionen Menschen, mindestens doppelt so viele Armenier leben im Ausland, in Russland, den USA, Frankreich, Syrien, dem Libanon. Ihre Eltern und Großeltern haben ihnen den Patriotismus und die Geschlossenheit aller Armenier weltweit gleichsam einmassiert.

"Wir haben sehr viele Sachen aus Frankreich, aus Belgien, aus Amerika bekommen, um sie an die Front zu schicken. Schlafsäcke zum Beispiel." Er erzählt von einem Minihotel in seiner Nachbarschaft.

In allen zwölf Zimmern seien Flüchtlinge aus Karabach untergebracht: "Keine Männer. Nur Kinder, Frauen und alte Damen. Es bricht mir das Herz. All ihre Männer, Brüder, Großväter kämpfen für unser Existenzrecht. Wir marschieren ja nirgendwo ein. Es geht nur um unser Existenzrecht."

Dass Armenien selbst nach dem Waffenstillstand 1994 weite Gebiete über Karabach hinaus besetzt gehalten hat, die völkerrechtlich zu Aserbaidschan gehören, und dass Armenien sie entgegen internationaler Forderungen nicht geräumt hat, wird in Armenien nicht diskutiert. Der Hass aufeinander sitzt tief, unter Armeniern ebenso wie unter Aserbaidschanern.

Frieden zwischen Armeniern und Aserbaidschanern in Tsopi

Und doch gibt es Orte, an denen Armenier und Aserbaidschaner friedlich zusammenleben, seit Generationen.

So ein Ort ist Tsopi. Das Dorf liegt in Georgien, nah der Grenze zu Armenien. Auch Aserbaidschan ist nicht weit. 250 Familien leben hier, je zur Hälfte Armenier und Aserbaidschaner. Die Kinder gehen in eine Schule, sie werden in ihren Muttersprachen unterrichtet. Georgisch lernen sie als Fremdsprache.

Im Lehrerzimmer unterhalten sie sich auf Armenisch, Aserbaidschanisch, Russisch. Wer die Sprache des anderen nicht spricht, versteht sie zumindest. Es ist eine freundliche Atmosphäre. In Tsopi haben alle Verwandte in Armenien oder in Aserbaidschan. Was denken sie über den Konflikt? Wem gehört Bergkarabach? Solche Fragen dürfe man hier nicht stellen, bricht es aus einer Lehrerin heraus.

"Sie machen Ihren Job, aber hier ist die Situation so, dass man solche Fragen nicht stellen sollte. Weder den Armeniern noch den Aserbaidschanern. Man darf die Gefühle der Menschen nicht aufwühlen.

Sie achten sehr darauf, einander nicht zu verletzen. Neutral sind die Menschen aber auch im georgischen Dorf Tsopi nicht.

Drei Männer mit armenischen und aserbaidschanischen Wurzeln sitzen im Georgischen Dorf Tsopi zusammen auf einer Bank. (Gesine Dornblüth)Im georgischen Dorf Tsopi leben armenische und aserbaidschanische Georgier seit Generationen friedlich zusammen. (Gesine Dornblüth)

Am Dorfplatz steht Oktay Bediyev, ein Bauarbeiter. Er ist Aserbaidschaner:

"Unser Präsident Ilham Aliyev hat dieser Tage im Fernsehen gesagt, dass er froh ist, dass hier, in Georgien, Aserbaidschaner und Armeniern zusammenleben."

Aliyev hat aber auch angekündigt, keine Armenier in Aserbaidschan zu dulden.

Artur Aramowitsch schlendert langsam die Dorfstraße von Tsopi entlang. Er ist Armenier, und auch für ihn steht fest: In Aserbaidschan müssten Armenier um ihr Leben fürchten. Da schütze ihn nicht einmal seine georgische Staatsbürgerschaft. Niemals würde er dorthin reisen.

"Ich bin doch nicht dumm", sagt er. "Wir haben viele Freunde in Aserbaidschan: Aserbaidschaner, die hier in Tsopi aufgewachsen und dorthin gezogen sind. Aber hinzufahren, wäre zu riskant."

Wie steht er zu Bergkarabach? "Stellen Sie uns diese Frage bitte nicht. Wir leben hier in Freundschaft. Wir sind nur eine Zeit lang auf dieser Welt. Wir sind Gäste hier. Und wir müssen uns klar sein, dass wir in Freundschaft miteinander leben müssen. So sehe ich das."

Getötete Zivilisten in Aserbaidschan

Freundschaft mit den Armeniern - das ist im Nachbarland Aserbaidschan derzeit kein Thema.

"Jeden Tag sind wir aufgewacht, haben mit Entsetzen Nachrichten gelesen, mit Raketenbeschuss auf Städte gerechnet. Darunter waren Städte, die sich nicht an der Front befinden."

Dschejchun Gussejnow war in Baku, als der Krieg begann. Der 34-jährige Ökonom war eigentlich nur zu Besuch – er hat zwar aserbaidschanische Wurzeln, ist aber Russe. Hier hat er Freunde und Verwandte. Alle seien sehr angespannt gewesen.

"Zum Beispiel wurde Gandscha dreimal nachts beschossen, wo schlafende Zivilisten starben, die mit dem Karabachkonflikt überhaupt nichts zu tun hatten."

Die aserbaidschanischen Behörden sprechen von 41 toten Zivilisten. Sechs Wochen Krieg liegen hinter dem Land. Dschejchun erinnert sich noch an Dienstagmorgen vergangener Woche – wenige Stunden, nachdem der Waffenstillstand vereinbart worden war.

"Meine Gefühle waren gemischt. Auf der einen Seite stellen sich Fragen, auf der anderen Seite in der Tat Erleichterung, dass der Krieg schließlich zu Ende war."

So viele Fragen seien ungeklärt – zum Beispiel wie beide Nachbarländer sich aussöhnen könnten. Für ihn sei das immerhin vorstellbar, aber den Weg dorthin kennt er auch nicht.

Aserbaidschans Regierung schweigt zu getöteten Soldaten

Vieles von dem, was an der Front geschah, ist bis heute unbekannt, weil es von der Regierung Aserbaidschans so gut wie keine Informationen gab. Nicht zurückhalten ließen sich die Nachrichten über Gefallene. Auch Dschejchun kennt Männer, die starben.

"Leider gibt es sie. Ich lehre an der Moskauer Staatlichen Lomonossow-Universität, die in Baku eine Zweigstelle unterhält. Einer unserer Absolventen fiel leider an der Front. Und auch unter Bekannten gibt es Leute, deren Verwandte starben. Darüber hinaus liest man von Zeit zu Zeit Informationen in sozialen Netzwerken, von Freunden bei Facebook, die solche tragischen Nachrichten erhalten haben." 

Das Verteidigungsministerium in Baku hat bislang nicht offiziell mitgeteilt, wie viele Soldaten insgesamt in diesem Krieg fielen. Auf diese Zahl warteten alle in Aserbaidschan, sagt Dschejchun.

Blumen vor der Botschaft von Aserbaidschan in Moskau

In der Stadt Schuscha in Bergkarabach ertönt vom Minarett der Moschee nach 28 Jahren wieder ein Gebetsruf.

"Schuscha ist eine sehr wichtige Stadt für Aserbaidschan, wahrscheinlich wie Jerusalem, eine sakrale Stadt."

Als die Stadt vor etwas mehr als einer Woche zurückerobert wurde, gab es auf manchen Straßen in Baku Hupkonzerte, Fahnen wurden geschwungen. Die Freude reichte bis in die aserbaidschanische Community in Moskau.

"Wenn ich ehrlich bin, hatte ich nicht geglaubt, dass ein solcher Sieg möglich ist. Ich hatte nicht geglaubt, dass es Gerechtigkeit geben wird."

Das sagt eine Frau vor der Botschaft Aserbaidschans in Moskau. Dort wurden als Zeichen des Gedenkens an tote Soldaten und Zivilisten Blumen und Kerzen niedergelegt.

Die Frau, die ihren Namen nicht nennen möchte, bittet darum, dass die Welt die Stimme der Aserbaidschaner erhöre, die vor 30 Jahren so sehr gelitten hätten. Sie selbst stammt aus Schuscha, habe damals fliehen müssen, als die armenische Armee die Stadt einnahm. Ihr Hass auf den Feind ist bis heute geblieben.

"Ich werde niemals ruhig sein können, niemals ruhig leben können, auch wegen meiner Kinder. Sie werden es mir nicht glauben, doch ich werde nicht ruhig leben können, solange dieses Volk auf dieser Welt lebt. Das armenische Volk. Seine Grausamkeit ist grenzenlos."

Aserbaidschaner wünschen sich Kontrolle durch Türkei

Mit Armeniern in einem Ort zu leben, könne sie sich nicht vorstellen. Nach Schuscha wolle sie erst einmal nicht zurückziehen. Andere Aserbaidschaner jedoch, die von dort fliehen mussten, können sich das durchaus vorstellen. Jedenfalls werden sie im staatlich kontrollierten Fernsehen gezeigt. Doch man wisse noch gar nichts, erzählt Dschejchun, der Ökonom in Baku, wer dorthin dürfe, und wie schnell die teils zerstörte Infrastruktur wiederaufgebaut werde. Und manch einer hege Zweifel, ob der Krieg nun wirklich dauerhaft vorüber sei.

"Ich glaube, Aserbaidschaner wären ruhiger, wenn an der Kontrolle des Waffenstillstands auch die Türkei teilnehmen würde", sagt er.

Denn ihnen vertrauten viele in Aserbaidschan. Doch eine Präsenz türkischer Soldaten wird es nicht geben – dafür hat Russland gesorgt.

Mehr zum Thema

Konflikt um Berg-Karabach - Die militarisierte Gesellschaft
(Deutschlandfunk Kultur, Weltzeit, 05.08.2019)

Konflikt um Berg-Karabach - Der Bilderkrieg
(Deutschlandfunk, @mediasres, 20.10.2020)

Armenien nach dem Machtwechsel - Ein Land zwischen zwei Imperien?
(Deutschlandfunk Kultur, Weltzeit, 28.06.2018)

Weltzeit

Truppenabzug aus AfghanistanWas steht auf dem Spiel?
Dunkle Rauchwolken von einem Feuer ziehen über ein staubiges Feld, auf dem zwei Männer stehen. (imago / Xinhua / Saifurahman Safi)

Präsident Trump will zügig die US-Truppenstärke in Afghanistan reduzieren. Regelmäßig hat die Weltzeit aus Afghanistan berichtet. Diese Berichte nehmen wir zum Anlass zu fragen, was eine Machtübernahme der Taliban für die Menschen dort bedeuten würde.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur