Ethik der Bequemlichkeit

Wohlbefinden als Leitprinzip

05:52 Minuten
Illustration eines Geschäftsmanns mit hochgelegten Füßen auf einem Schreibtisch und einem Stapel Bücher.
Die Bequemlichkeit hat auch Philosophen über Jahrhunderte beschäftigt. Sie bleibt paradox. © imago / Ikon Images
Von Norman Marquardt  · 02.01.2022
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Bequemlichkeit gilt gemeinhin als Untugend, als Kraft, die sich notwendigen Veränderungen widersetzt. Ein Blick in die Philosophiegeschichte zeigt: Man kann das Bequeme auch anders denken. Dann wird die Bequemlichkeit sogar zum Motor von Veränderung.
Wir befinden uns im Jahr 1580 in einer kleinen Turmbibliothek im Südwesten Frankreichs. Der zurückgezogen lebende Essayist Michel de Montaigne forscht hier nach den Grundsätzen eines maßvollen, glücklichen Lebens. Er findet sie in einer Ethik der Bequemlichkeit. Ihr Leitprinzip ist das unmittelbare körperliche und seelische Wohlbefinden.
So gibt Montaigne im Essay "Über die Einsamkeit" zu Protokoll:
"Weisere Leute, die eine starke, rüstige Seele haben, mögen sich eine ganz geistige Ruhe zuschneiden: Bei meiner gemeinen Seele muss ich die körperlichen Bequemlichkeiten zur Hilfe nehmen."  
Der Ironiker Montaigne begreift das Bequeme als Hilfsmittel, um in einer aus den Fugen geratenen Welt zurechtzukommen. Immerhin schreibt er seine "Essais" in einer Zeit der eskalierenden Religionskriege. Die private Bequemlichkeit zu kultivieren, ist für ihn besser als die Alternative: inmitten des Epochenwechsels am Zerfall der früher so sicheren Wahrheit zu verzweifeln.

Verdächtige Ruhe

30 Jahre später, 1615 bei Paris. In einem abgelegenen Klosterzimmer schlägt die Geburtsstunde unseres Generalverdachts gegen das Bequeme. Der christliche Philosoph Blaise Pascal ist sich noch sicher: Die elende Lage der Menschen ist gottgewollt und die gerechte Strafe für den Sündenfall, polemisiert er in einem Gespräch mit dem Theologen Louis-Isaac Lemaistre de Sacy.
Eine Ethik der Bequemlichkeit greife schlicht zu kurz, denn selbst im gefallenen Menschen befinde sich noch ein göttlicher Funken. Der würde von der Bequemlichkeit restlos erstickt. Die Fronten sind damit abgesteckt. Montaigne habe zwar das Elend des Menschen empfunden, aber "dessen ursprüngliche Würde verkannt, und deshalb behandelt er die Natur so, als wäre sie notwendig schwach und heilsunfähig, was ihn daran verzweifeln lässt, ein wahrhaftiges Gut zu erreichen. Das lässt ihn in äußerste Willenlosigkeit versinken."  
Pascals Weltverständnis gründete noch fest in dem göttlichen Platzverweis aus dem Paradies und der Vertreibung des Menschen in ein unbequemes Land voller Mühsal und Leid. Die biblischen Mythen haben heute vielleicht an Überzeugungskraft eingebüßt. Aber egal ob es um Sport, Arbeit oder den Klimawandel geht – noch heute finden wir ganz weltliche Varianten von Pascals Kritik: Sicher, Bequemlichkeit zu wollen liegt in der Natur des Menschen, sich ihr hinzugeben, aber nicht.

Das Bequeme macht Geschichte

Knappe 170 Jahre nach Pascal entdeckt Johann Gottfried Herder das Bequeme neu. Ihn interessiert nicht länger, ob der Mensch oder seine Welt bequem ist – oder nichts von beidem. Sowohl die Menschen als auch ihre Umwelt sind für ihn veränderbar. Und zwar gerade durch das Bequeme.
In seinen "Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit" schreibt er über das Verhältnis von menschlichen und klimatischen Kräften, lebendigen und äußeren Leidenschaften: "Die lebendige Kraft widerstehet lange, stark, einartig und nur ihr selbst gleich; da sie indessen doch nicht unabhängig von äußern Leidenschaften ist, so muß sie sich ihnen auch mit der Zeit bequemen."
Das Bequeme oder besser, das "Bequemen", ist der Antrieb von Herders Naturgeschichte. Es schützt hier nicht länger, wie bei Montaigne, vor den Unwägbarkeiten der Welt, es birgt nicht einmal, wie selbst noch Pascal zugesteht, die Hoffnung, ihnen für einen Augenblick zu entkommen. Im Gegenteil: Das Bequeme gibt es nur dort, wo wir der Außenwelt vollständig ausgesetzt sind. Und sie uns. Es passiert im Moment unserer gegenseitigen Anpassung.

Dialektik der Bequemlichkeit

Natürlich können es sich die Menschen auch für Herder aktiv in ihrer Umwelt bequem machen. Jederzeit schaffen sich Menschen ein „künstliches Klima“. Auch von dieser künstlichen Umwelt bleiben sie aber abhängig. Am Ende passen die Menschen ihre Lebensweise an die Welt an, die sie sich selbst fortwährend einrichten. Herders Punkt ist: Das Bequeme kann es nur geben, solange sich etwas verändert. Der Wunsch nach Bequemlichkeit und die Kritik an ihr fallen von nun an ineinander.
Mit der Doppeldeutigkeit zwischen der Gestaltung der Welt und der Anpassung an sie ist das Bequeme dialektisch geworden. Bis in die Gegenwart bläst von nun an der Sturm an Praktiken, Produkten und Polemiken, die – so sehr sie sich im Einzelnen widersprechen mögen – doch ein ganz ähnliches Problem bis heute umkreisen: Wie leben wir in einer unbequemen Welt?

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