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Tonart | Beitrag vom 20.04.2020

Benefizkonzert "One World: Together at Home"Die Krise als Event inszeniert

Juliane Reil im Gespräch Andrea Gerk

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Lady Gaga singt daheim, der Mini-Gig wird im Rahmen von "One World - Together at Home" gestreamt.  (picture alliance / Photoshot)
Lady Gaga-Auftritt im Rahmen von "One World - Together at Home". (picture alliance / Photoshot)

Acht Stunden Einblicke in die Stuben und Keller der Stars: Um in Corona-Zeiten für Solidarität zu werben und um Spenden für die WHO zu bitten, musizierten die Großen jetzt von daheim. Für Musikredakteurin Juliane Reil war hier auch viel Imagepflege dabei.

Der Livestream lief acht Stunden, zwei Stunden davon ging die Hauptshow: Jimmy Fallon, Jimmy Kimmel und Stephen Colbert, drei der bekanntesten amerikanischen Late Show-Moderatoren, hatten das Wort. Hinzu kamen die "absoluten Superstars des Musikgeschäftes", berichtet unsere Musikredakteurin Juliane Reil. Die zentrale Botschaft sei "Hoffnung" gewesen, was sich auch in der Songauswahl ausgedrückt habe.

Lady Gaga, Gastgeberin und Kuratorin von "One World: Together at Home", saß zu Beginn der Hauptshow am Klavier und sang "Smile", einen Song aus dem Filmklassiker "Moderne Zeiten" von Charlie Chaplin. Stevie Wonder bot "Lean on Me" von dem kürzlich verstorbenen Bill Withers dar. Lizzo spielte "A Change Is Gonna Come" von Sam Cook am Klavier und Billie Eilish, von ihrem Bruder Finneas an der Hausorgel begleitet, präsentierte den Klassiker "Sunny".

Keine herausragenden Auftritte

"Das wirkte alles sehr getragen und hatte ein dramatische Note, auch weil immer wieder Bilder von Ärzten, Krankenschwestern, Supermarktkassierern eingeblendet wurden, den Helfern in der sogenannten 'Frontline', denen das Konzert gewidmet war", sagt Reil.

Keiner der Auftritte ragte ihrer Meinung nach wirklich heraus: "Höchstens im Negativen: Paul McCartney, der bei sich zuhause am verstimmten Klavier 'Lady Madonna' sang und wie Helge Schneider klang, nur dass es bei McCartney nicht als Parodie gedacht war. Aber der Mann ist mittlerweile auch 77 Jahre alt und ist stimmlich einfach nicht mehr ganz so gut beieinander."

Bescheidene, fast demütige Stars

Generell hätten die Stars bescheiden gewirkt, fast demütig, findet Reil. Die Mitglieder der Rolling Stones, jeder für sich in seinem eigenen Wohnzimmer, die ihren Song "You can‘t always get what you want" spielten, waren etwa auf einem viergeteilten Bildschirm zu sehen, Schlagzeuger Charlie Watts improvisierend mit Kisten und Koffern als Trommeln. "Allerdings war eine Schlagzeugspur zu hören", merkt Reil an.

Die Rolling Stones-Mitglieder Mick Jagger, Keith Richards, Charlie Watts und Ronnie Wood (im Uhrzeigersinn) treten im Rahmen von "One World - Together at Home" auf. Das Event ist denen gewidmet, die in vorderster Linie die Corona-Pandemie behandeln. (picture alliance / Photoshot)The Rolling Stones - Mick Jagger, Keith Richards, Charlie Watts und Ronnie Wood (im Uhrzeigersinn) (picture alliance / Photoshot)

Die Stars hätten kein großes Make-Up oder aufwendige Kostüme getragen, alles sei sehr unaufgeregt gewesen. Man habe sich zudem international gegeben: Der indische Schauspieler Shah Rukh Khan, der kolumbiansiche Sänger Maluma, Künstler aus Afrika, und aus Deutschland war die Band Milky Chance dabei.

Die Klassik war mit dem italienischen Tenor Andrea Boccelli vertreten, der zum Schluss einen Song mit Lady Gaga und Celine Dion sang, begleitet von dem chinesischen Starpianisten Lang Lang.

"Zwischen den Wohnzimmerkonzerten der Stars gab es Reden von UN-Generalsekretär Antonio Guterres und der ehemaligen First Lady Michelle Obama, Interviews mit Ärzten aus Afrika und Filmeinspieler über medizinisches Personal am Rande der Belastungsgrenze in Italien und den USA", fasst Reil zusammen.

Benefiz oder Nicht-Benefiz

Auch wenn zwischendurch mal tanzende Ärzte gezeigt worden seien, sei ihr die Stimmung eher gedrückt vorgekommen, sagt Reil. Interessant gewesen sei zudem, dass einer der Moderatoren, Stephen Colbert, gleich zu Beginn der Show demonstrativ seine Brieftasche weggeworfen habe. Es gehe nicht um Spenden, sagte Colbert zu der Geste – obwohl "One World: Together At Home" als Benefizkonzert angekündigt worden war.

Letztlich sei dann aber während des Streams immer wieder auf die Website "act.me" hingewiesen worden. "Wenn man auf die Seite gegangen ist, wurde man zu einem Spendenlink für einen Solidaritätsfonds der WHO verwiesen. Der Fonds soll genutzt werden zum Kauf von Schutzausrüstung und Tests."

Die Spenden für diesen Fonds seien zum Teil auch schon im Vorfeld gesammelt worden, im Stream war von 50 Millionen Dollar die Rede. "Unternehmen wie IBM, Apple und Pepsi Cola traten als Großspender auf und wurden im Stream auch genannt. 'One World' war damit zu keinem geringen Anteil auch eine Werbeveranstaltung für diese Unternehmen und Imagepflege für alle Beteiligten im Sinne von 'Tu Gutes und rede darüber'. Das heißt: Auch Corona, auch die Krise, wird als Event vermarktet", meint Reil.

Wohlfühlveranstaltung mit Beigeschmack

Auch Bill Gates und seine Frau seien aufgetreten, zudem seien viele Pharmakonzerne genannt worden, die momentan an der Impfstoffforschung beteiligt sind. "Es war aus meiner Sicht eine Wohlfühlveranstaltung. Insgesamt gut gemeint, aber ein fader Beigeschmack als Werbeplattform für die Großkonzerne bleibt. Change, also Wandel, als eine echte Veränderung, von dem Lizzo gesungen hat, wird es durch solche Veranstaltungen nicht geben", sagt Reil.

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