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Tonart | Beitrag vom 19.11.2020

Benee mit Debüt "Hey U X"Emo-Girl der Gen Z

Sonja Eismann im Gespräch mit Oliver Schwesig

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Die junge Musikerin Benee bei einem Live-Auftritt am 16. Oktober 2020 in der Spark Arena in Auckland, Neuseeland. (getty images / WireImage / Dave Simpson)
Der wohl einzige Popstar, der derzeit vor ausverkauften Häusern live auftreten darf: Benee beim Auftritt in Auckland am 16. Oktober 2020. (getty images / WireImage / Dave Simpson)

Sehr beschwingt, ein bisschen traurig und gut tanzbar: Auf TikTok wurde "Supalonely" der erst 20-jährigen Neuseeländerin Benee ein Hit. Jetzt hat Benee ihr Debüt "Hey U X" veröffentlicht, auf dem sie mit Popgrößen wie Lilly Allen oder Grimes kooperiert.

Oliver Schwesig: Mitten in der Pandemie war da dieses Lied, das mit fröhlichen Sounds die Traurigkeit unserer neuen Existenz einfing: In "Supalonely" tanzte Benee alleine in einem leeren Haus und gab die Parole des Frühjahrs aus - "I’m a lonely bitch". 

Auf TikTok wurde das Lied der erst 20-jährigen Neuseeländerin dank der vielfach kopierten Tanzeinlage ein viraler Hit. Letzte Woche hat Stella Rose Bennett, wie Benee mit bürgerlichem Namen heißt, ihr erstes Album "Hey U X" veröffentlicht, auf dem sie mit Popgrößen wie Lilly Allen oder Grimes kooperiert.

Mit Sonja Eismann sprechen wir über den genre-sprengenden Pop auf "Hey U X" und darüber, wie sie sich einordnen lässt. Denn traurige junge Musikerinnen, das kann man schon mal sagen, gibt es im Moment einige.

Benee hat vorab verkündet, auf ihrem ersten Album die Genregrenzen noch weiter verschwimmen lassen zu wollen. Wartet da eine Enttäuschung für all jene, die eine ganze Platte voller "Supalonely"-Hits erhofft hatten?

Sonja Eismann: Nein, absolut nicht. Auch wenn der offensichtliche Pop-Appeal von "Supalonely" ein bisschen sparsamer eingesetzt wird, ist die luftige, beschwingte Stimmung nach wie vor beherrschend.


Schwesig: Dabei hat sie angesichts ihres internationalen Erfolgs ja wenig Grund, sich dunkle Gedanken zu machen.

Eismann: In einem Interview hat sie kürzlich gesagt, dass sie sich fast schuldig fühle, in diesem Jahr, das für viele Menschen so fürchterlich war und noch ist, die größten Erfolge ihrer Karriere eingefahren zu haben: Sie war – online natürlich – bei Jimmy Fallon und Ellen DeGeneres in den US-Talkshows, hat für ihre Platte mit Größen wie Lilly Allen, Grimes oder der Rapperin Flo Milli zusammengearbeitet.

Und sie ist wohl der einzige Popstar, der derzeit vor ausverkauften Häusern live auftreten darf: Dank der erfolgreichen Covid19-Politik der neuseeländischen Premierministerin Jacinda Ardern konnte sie im Oktober vor 12.000 Fans in Auckland live singen!

Statt sich auf dem Erfolg auszuruhen, hinterfragt sie aber den durchaus ambivalenten Charakter ihres plötzlichen Ruhms, weil die ständige Beobachtung natürlich auch unfrei macht. Und sie will von ihrer Musik beständig Neues: Sie solle so knackig und frisch sein wie ein Apfel.

Da merkt man vielleicht auch noch ein bisschen den Ehrgeiz der ehemaligen Wasserballerin, die sich als Jugendliche bereits auf eine Sportkarriere eingestellt hatte, die dann von der Musik durchkreuzt wurde. Als sie von ihrer Plattenfirma aufgefordert wurde, doch bitte einen Nachfolge-Hit zu "Supalonely" zu schreiben, konterte sie auf ihre Weise: Sie lieferte einen Song aus der Perspektive einer Schnecke.

Snail – die Schnecke – eine ungewöhnliche Tier-Wahl im Pop mit wenig Glamour! Aber zusammen mit dem spacigen Video mit sprießenden, leuchtenden "magic mushrooms" auf eigene Weise sehr hitverdächtig.

"Teil einer verdammten Generation"

Schwesig: Aufgrund ihres Auftretens, ihres Stils mit den bunten Haaren und dem Understatement-Gesang wurde Benee des öfteren mit Billie Eilish verglichen ...

Eismann: ... was ihr gar nicht behagt! Was nicht heißt, dass sie die Kollegin nicht schätzen würde, im Gegenteil, sie ist nur genervt von diesen Ad-Hoc-Vergleichen, die die beiden wegen ihrer Jugend und wohl vor allem wegen ihres Geschlechts in einen Topf werfen. Dabei kam Benees Song "Tough Guy" schon 2017 - also zwei Jahre vor Eilishs "Bad Guy" - heraus, mit dem er oft verglichen wird.

Aber natürlich gibt es einiges, was nicht nur die beiden, sondern noch mehrere Sängerinnen dieser Generation Z verbindet, zu der ich zum Beispiel auch Clairo, Alma oder Arlo Parks zählen würde, die nigerianisch-französische Songwriterin, deren eine EP letztes Jahr den vielsagenden Titel "Supersad Generation" trug.

Grob verallgemeinernd kann man sagen, dass sie alle von einem gefühlsbetonten, aber durchaus spielerischen Zugang zu ihrer Musik geprägt sind, der zwar anerkennt, dass sie in gewisser Weise Teil einer verdammten Generation sind, weil ihnen Erde und Gesellschaft in einem bemitleidenswerten Zustand hinterlassen werden und es auch im Zwischenmenschlichen keine Gewissheiten mehr gibt, die aber trotzdem feinen Humor und Selbstironie bewahrt und die Sound ganz unabhängig von Genregrenzen und verschiedenen Zeitaltern angeht.

Da ist auch eine große Unbefangenheit gegenüber der Musik ihrer Eltern. Benee ist zum Beispiel ein Riesenfan von Björk oder Radiohead, die ihr durch ihre Eltern nahegebracht wurden.

Verärgert über "Bodyshaming-Skandal"

Schwesig: Gibt es denn auch bezüglich der Haltung Gemeinsamkeiten?

Eismann: Was ich besonders interessant finde, ist, dass der Zugang zu Körperlichkeit, zum äußeren Erscheinungsbild ein ganz anderer zu sein scheint als in den letzten Jahren beziehungsweise Jahrzehnten. Während im Mainstream-Pop ab Ende der 90er Jahre die Devise galt, dass Frauen immer stärker über ihre Körper definiert wurden und sie dabei immer sichtbarer und nackter werden mussten, um erfolgreich zu sein, tragen diese Musikerinnen ganz bewusst geschlechtsunspezifische, weite Kleidung, die mehr verhüllt als zeigt, gerne auch mit typisch "jungenhaften" Elementen. Stereotyp weibliche Kleidung tragen sie dagegen gerne wie Drag.

Benee hat sich auch sehr echauffiert über den "Bodyshaming-Skandal" rund um Billie Eilish, als diese in Shorts heimlich fotografiert und lächerlich gemacht wurde, weil sie angeblich zu dick sei. Aber es geht dieser soften und gleichzeitig selbstbewussten Musikerinnengeneration nicht nur um das Äußere, das sie eben lange nicht mehr so stark disziplinieren wie die Popstars vor ihnen, sondern auch um das Innere.

Fragen von psychischer Gesundheit spielen eine große Rolle, in den Texten oder auch den Äußerungen. Benee hat zum Tag der psychischen Gesundheit bei Instagram Fotos von sich gepostet, auf denen sie weint, um zu zeigen, dass die allermeisten Menschen sich irgendwann schlecht fühlen.

Schwesig: Also tatsächlich eine "Supersad Generation", die von ihren Malaisen singt?

Eismann: Erstaunlicherweise nicht, zumindest nehme ich es nicht ausschließlich so wahr. Ich habe eher den Eindruck, dies sei eine Generation, die einerseits weiß, dass alles den Bach runtergeht und daran auch leidet, aber nichts anderes kennt und daher versucht, die Situation mit feinem Humor und Selbstironie auszuhalten.

Dazu passt auch, wie ich finde, dass diese tollen Stimmen oft mit sehr viel Zurückhaltung, mit sanftem und stylishem Understatement singen, statt stolz schmetternd zu zeigen, was sie alles drauf haben. Oder wie Benee es im Interview mit dem Guardian gesagt hat: "Ich bin einfach nur eine Idiotin aus Neuseeland, die sich selbst nicht allzu ernst nimmt."

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