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Fazit | Beitrag vom 09.06.2018

"Bellevue di Monaco" in MünchenOase in einer gentrifizierten Stadt

Von Tobias Krone

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Matthias Weinzierl (Bayerischer Flüchtlingsrat) ;Bellevue di Monaco; Müllerstaße 6 wird renoviert. Bavarian Refugee Bellevue Monaco  Munich 26 09 16 (imago stock&people)
Matthias Weinzierl (Bayerischer Flüchtlingsrat) vor dem Eingang zum Bellevue di Monaco bei Sanierungsarbeiten 2016 (imago stock&people)

München ist nicht nur bekannt für teure Mieten, die Stadt wurde auch zum Symbolort der Willkommenskultur. Nun feiert dort ein Wohn- und Kulturort offiziell seine Eröffnung, nicht nur als Flüchtlingsunterkunft, sondern auch als Symbol gegen die Verdrängung von Armut aus der Innenstadt.

Freitagnachmittag, 24 Stunden vor der Eröffnung. Christian, genannt "Grisi" Ganzer steht an der Kreuzung vor dem dunkelgrünen Wohnhaus, das im Gärtnerplatzviertel auffällt.

"Die Leute hier im Viertel haben über Jahrzehnte eher so gesagt: ein Schandfleck. Weil es eben nicht so einen Stil hat wie viele Häuser, die hier drumherum sind, also Gründerzeit oder noch früher. Aber wir haben aber dieses Haus eigentlich immer sehr geliebt – mit diesem hohen aufgeglasten Sockelgeschoss und der kleinen Galerie innen. Da war ja die meiste Zeit so ein Blumenladen drin, und wir sind da immer vorbeigeradelt und haben uns eigentlich immer gewundert warum dieses Haus so ungepflegt ist und immer weiter runterkommt."

Ein Statement gegen Gentrifizierung und für Geflüchtete

Der Mediengestalter und seine Genossenschaft haben das Haus, im Besitz der Stadt, vor dem Schicksal bewahrt, das so viele Häuser in München ereilt: Erst Entmietung, dann Abriss, dann Neubau und Vermietung zu Preisen, die so üblich wie unbezahlbar sind. Aus dem Haus ist ein Projekt geworden und aus dem Projekt ein Statement gegen die Gentrifizierung und für Geflüchtete. Der Name: Bellevue di Monaco.

"Da ist natürlich dran gedacht, dass die Leute, die verreisen in ferne Länder und sich in Häusern einmieten, die Bellevue heißen, sich ja meistens dann aussuchen können, wo sie hinfahren und wo sie bleiben. Und die Leute, die bei uns wohnen, die sind ja nicht freiwillig aus ihren Ländern weggereist, sondern sind ja durch Krieg und diverse andere Dinge vertrieben."

Das dunkelgrüne Haus, inklusive Neben- und Hintergebäude, hat eine Gruppe von Aktivisten in den vergangenen drei Jahren zur Geflüchtetenunterkunft und zur Begegnungsstätte umgebaut. Heute feiert das Bellevue di Monaco Eröffnung, mit einem Stadtteilfest. Vorangegangen war eine lange mediale Diskussion um den Abriss. Entschieden wurde sie wohl vom Flüchtlingssommer 2015...

"... wo in München der Oberbürgermeister auch die Bayernkaserne sperren musste, weil da auch die Leute schon im Freien gepennt haben, weil es dort so überlaufen war. Und dann lag’s auf der Hand, was man braucht. Man braucht eben eine Unterkunft für Neuangekommene, weil die fallen ja ganz raus aus diesem Wohnungsmarkt. Die dürfen sich maximal noch irgendwie in der Halle draußen am Stadtrand einquartieren lassen, aber in der Innenstadt hat man also während dieser so genannten Flüchtlingskrise gar nichts gemerkt davon."

Begegnungsstätte und Veranstaltungsraum für Kulturinitiativen

Nun leben in den Wohnungen geflüchtete Familien und Jugendliche in WGs. Ein Veranstaltungsraum bietet Kulturinitiativen Platz. In der Nachbarschaft heißt man die Neuen willkommen, zum Beispiel die Klavierlehrerin Nadja Preissler vom Münchner Musikseminar gleich gegenüber.

"Wissen Sie, wir haben eine Einstellung, je bunter und je lauter, desto besser. Als Musiker haben wir in München das Problem, dass Menschen zunehmend Angst vor Lärm haben. Wir gehören auch dazu. Und so sind wir nicht alleine, die Lärm machen."

Die Musikschule möchte künftig auch den Bellevue-Bewohnern Musikunterricht ermöglichen. Und die Geflüchteten selbst? Wie geht es ihnen hier? Die 19-Jährige Suluka Obsetu, vor 3 Jahren aus Äthiopien geflohen, verkauft gerade Kuchen. Sie genießt das Leben in ihrer Dreier-WG.

"Mir geht’s super gut. Ich fühle mich auch wohl. Die Leute im Bellevue, wir machen alles miteinander."

Die Deutschkurse und kreativen Workshops in den hinteren Räumen haben guten Zulauf. Doch vorne im Café sieht man am Freitagmittag vor allem Leute aus dem Viertel. Das mag auch daran liegen, dass sich der helle Raum wie ein Schaufenster zur Straße hin öffnet – und wenig Schutz vor Blicken der Mehrheitsgesellschaft bietet. Matthias Weinzierl, Vorstand des Bellevue, erklärt, warum sie dennoch gerade hier, auf einer Galerie über dem offenen Café, die Asylberatung angesiedelt haben. Man will eine Alternative zu anderen Beratungsstellen schaffen.

Keine architektonische Utopie, sondern ein soziales Experiment

"Die Leute müssen im Vorzimmer warten, und das ist halt auch nicht viel anders, als wenn man zum Kreisverwaltungsreferat oder in die Ausländerbehörde geht. Bei uns ist es so: Man kann unten ins Café gehen, kann immer kostenlos sich einen Tee oder Wasser holen. Sitzt dann zwischen Hipstern, die ihre Apples aufgeklappt haben und dann wird einer nach dem anderen hoch in die Beratung geholt. Und dann mischt sich das dann zwangsläufig und das ist gut so."

Klar ist für die Macher des Bellevue aber auch: Trotz aller Begegnung brauchen die Geflüchteten in ihren Wohnungen vor allem Ruhe und Privatheit. Eben alles, was man auch in der nichtmigrantischen Nachbarschaft schätzt. Den architektonischen Utopien von neuartigen Flüchtlingsunterkünften erteilen sie damit eine Absage.

"Es gab ja da die wildesten Pläne, es sollte irgendwie auf dem Oktoberfest in den Bierzelten Wohnnischen entstehen. Also, es war wirklich ganz ganz übel."

Kein architektonisches Experiment. Aber ein soziales. Das Bellevue di Monaco holt die migrantische Realität unserer Gesellschaft zurück in die teure Münchner Innenstadt.

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