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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 26.12.2013

BelletristikWeltpolitik und Slapstick

Jonas Jonasson: "Die Analphabetin, die rechnen konnte"

Von Ursula März

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Der schwedische Autor Jonas Jonasson (dpa / picture alliance / Sara Arnald/C. Bertelsmann Verlag)
Der schwedische Autor Jonas Jonasson (dpa / picture alliance / Sara Arnald/C. Bertelsmann Verlag)

Mit seinem Buch über den "Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwand" landete Jonas Jonasson einen Bestseller. Sein neuer Roman ist wieder eine Burleske mit köstlichen Ideen, erinnert aber sehr an den Erstling.

Die literarische Weltöffentlichkeit rieb sich die Augen: Vor zwei Jahren eroberte ein Roman in mehr als zwei Dutzend Ländern die Bestsellerlisten, der von einem völlig unbekannten Debütanten stammte und dessen etwas umständlicher Titel den Erfolgsgesetzen des Buchmarkts eigentlich widerspricht. "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" des schwedischen Ex-Journalisten Jonas Jonasson verkaufte sich allein in Deutschland zwei Millionen Mal. Die Geschichte des Altenheimbewohners, der dem Altenheim entflieht, in Drogengeschäfte und sogar in atomare Weltpolitik verwickelt wird, amüsierte eine globale Leserschaft.

Jetzt reibt man sich erneut die Augen: Jonas Jonasson legt seinen Folgeroman nicht nur in erstaunlicher Geschwindigkeit, sondern auch in Gestalt eines Zwillings seines Erfolgsdebüts vor. Schon die grammatikalische Struktur und die paradoxe Pointe des Titels lässt die Verwandtschaft erahnen. "Die Analphabetin, die rechnen konnte" heißt der frische Import aus Schweden. Und erneut handelt es sich um eine slapstickhafte Burleske, die eine gesellschaftliche Außenseiterfigur unversehens ins Zentrum der Zeitgeschichte katapultiert. Allerdings ist der Held diesmal eine Heldin. Und diese ist nicht alt, sondern sehr jung, sie stammt nicht aus Schweden, sondern aus der südlichen Hemisphäre, aus Südafrika. Das schwarze Mädchen Nombeko, noch zu Zeiten des Apartheid-Regimes geboren und aufgewachsen, schlägt sich als Latrinentonnenträgerin durch.

Lesen kann sie tatsächlich nicht. Aber sie ist eine schlaue, schlitzohrige Pragmatikerin, eine abgehärtete Überlebenskünstlerin, und sie besitzt ein riesiges Talent: die Mathematik. Dank dieses Talents steigt sie im Alter von 14 Jahren zur Chefin der Latrinenverwaltung von Soweto auf. Dank ihrer Aufsässigkeit wird sie bald gefeuert – und was ihr nun über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten an verrückten Zufällen widerfährt, wie sie ins südafrikanische Atomwaffenprogramm gerät, das alles erinnert dramaturgisch wie episodisch doch stark an den 100-jährigen Schweden, der aus dem Fenster stieg und zum Weltbestseller wurde.

Dem Autor mangelt es nicht an Fantasie

Es mangelt Jonas Jonasson auch in diesem Roman nicht an Fantasie und jenem unverschämt-naiven Schelmentum, das seine Heldin als literarischen Nachkömmling von Pippi Langstrumpf ausweist. Köstlich sind zumal die Seitenhiebe gegen den amtierenden schwedischen König Gustav und seinen Hang zu ehelichen Seitensprüngen. Nombeko gelangt nämlich nach Schweden und in die unmittelbare Nähe von König und Ministerpräsident, denn die atomar bedrohte Welt lässt sich nur von der Spitze der Macht aus retten. Auch dieses Prinzip hat Nombeko vom hundertjährigen Helden des Vorgängerromans übernommen. Nur bleibt das kalkulierte Imitat unübersehbar hinter dem Original zurück. Viele Dialoge sind überdehnt, viele Pointen werden so oft wiederholt, dass der Leser sie bald als Refrain im Ohr hat.

Dass Jonas Jonasson der Verlockung nicht widerstehen konnte, dem ersten Tor schnellstmöglich ein zweites folgen zu lassen, ist psychologisch vielleicht verständlich. Aber das Routinierte seines literarischen Spielzugs hat etwas Desillusionierendes.

Jonas Jonasson: Die Analphabetin, die rechnen konnte
Aus dem Schwedischen von Wibke Kuhn
Verlag carl's books, München 2013
443 Seiten, 19,99 Euro
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