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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 19.06.2014

BelletristikArm, prollig und verliebt

Emrah Serbes: "Junge Verlierer"

Von Martin Becker

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Skateboarder, darunter auch ein Junge (2.v.r.), fahren im Abendlicht auf dem Tempelhofer Feld, dem größten Park Berlins, auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof, in Berlin (picture alliance / dpa / Wolfram Steinberg)
Vier junge Männer im Sonnenuntergang (picture alliance / dpa / Wolfram Steinberg)

Dem türkische Autor Emrah Serbes, der mit seinen Krimis um den Hauptkommissar Behzat Ç. bekannt geworden ist, gelingt es abermals, Drastisches leicht zu erzählen. "Junge Verlierer" bietet Geschichten über junge Männer, die im Leben auch mal gewinnen wollen.

Der prollige Typ gräbt die junge Frau an der Bar an, ganz klassisch. Er ist ein Angeber, er macht den Freund des Mädchens schlecht, er philosophiert über die Kunst der richtigen Anmache - und rückt langsam näher an sie heran. Sie lässt ihn gewähren. Bis er versucht, sie zu küssen. Dann rastet sie vollkommen aus. Denn er ist erst vierzehn Jahre alt. Und die Frau seiner Träume ist die Freundin seines erwachsenen Bruders.

Sie sind oft arm, sie sind meistens verliebt, sie sind immer allein auf weiter Flur, die Helden der Erzählungen von Emrah Serbes. Mal noch Kinder, mal schon pubertierende Jungs. Sie schuften im Laden des Vaters, sie werden von den größeren Jungs ständig brutal verprügelt, sie leben einsam und isoliert bei der Großmutter, weil die Eltern schon lange gestorben sind. Und da ist immer eine unerfüllte Liebe zu unerreichbaren Frauen, sei es die Nachbarin, sei es die Lehrerin.

Alle Protagonisten denken wie Erwachsene

Der türkische Autor Emrah Serbes hat einen außergewöhnlichen Weg gewählt, um aus dem Leben der jungen Verlierer zu erzählen: Alle Protagonisten denken genau wie Erwachsene, handeln aber nicht so. Das wirkt absurd und ausgesprochen komisch. In einer vermeintlich harmlosen Strandgeschichte klagt der vermeintlich harmlose Protagonist unvermittelt: "Acht Jahre zu sein ist furchtbar. Muss man denn immer weinen und sich in der Luft zerreißen, um etwas durchzusetzen?" Was folgt, ist ein melancholischer Flirt mit einem gleichaltrigen Mädchen beim Sandburgenbau, gespickt mit allerlei Handlungsanweisungen zum richtigen Umgang mit Frauen.

Die Erzählungen sind durchsetzt von Bezügen zur harten Wirklichkeit, die nur am Rande eine Rolle spielt und dennoch sehr präsent ist: Da gibt es einen Vater, der nach einem Streik mit einer fadenscheinigen Begründung entlassen wird, einen Nachbarn, der bei Studentenprotesten mitmacht und plötzlich nicht mehr studieren darf, einen Jungen, der um seinen an der Grenze zum Irak als Soldat getöteten Bruder trauert, sich aber vornimmt, niemals um ihn zu weinen.

Desillusionierende Konfrontation mit der Jugend

Es sind raue, zupackende, derbe Texte über die desillusionierende Konfrontation der pubertären mit der erwachsenen Welt. Manche wirken zwar zu gewollt, zu konstruiert, zu holzschnittartig. Dennoch lohnt ihre Lektüre. Wie schon in den Romanen über den Kommissar Behzat Ç., mit denen Emrah Serbes in der Türkei zum Kultautor wurde, gelingt es ihm, über Drastisches auf leichtfüßige Weise zu schreiben. Es sind Geschichten über junge Verlierer, die ein einziges Mal gewinnen wollen, Geschichten über den bittersüßen Schmerz, den jeder kennt, der irgendwann erwachsen werden musste.

Emrah Serbes: Junge Verlierer. Erzählungen
Aus dem Türkischen von Oliver Kontny
binooki, Berlin 2014
176 Seiten, 16,90 Euro

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