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Im Gespräch | Beitrag vom 15.09.2021

Belarussischer Dirigent Vitali Alekseenok "Das Regime macht Fehler"

Moderation: Katrin Heise

Auf der Schwarz-weiß-Fotografie hebt der belarussische Dirigent die rechte Hand mit dem Taktstock, während er konzentriert den Blick gesenkt hat und mit dem linken Zeigefinger ein Zeichen gibt. (Elza Zherebchuk)
Menschen mit Musik verbinden: Dafür engagiert sich der Dirigent Vitali Alekseenok in der Ukraine. Auch für seine Heimat Belarus hofft er auf Veränderung. (Elza Zherebchuk)

Als junger Mann verließ er Belarus, um in Deutschland seine musikalische Ausbildung abzurunden. Vor einem Jahr protestierte Stardirigent Vitali Alekseenok in Minsk gegen das Regime. Heute erweckt er die Kultur seines Landes im Exil zu neuem Leben.

Gerade ist Vitali Alekseenok in der Ukraine, in diesen Tagen soll unter seiner Leitung "Tristan und Isolde" aufgeführt werden, eine Besonderheit. Denn seit Jahrzehnten wurde Richard Wagners Oper hier nicht mehr gespielt. Ein Punkt, der noch wichtig sein wird.

Neben der Musik beschäftigt den Dirigenten in diesen Tagen einmal mehr seine Heimat Belarus. Von Kiew, wo sich der Chefdirigent und musikalische Leiter des Abaco-Orchesters der Universität München gerade aufhält, sind es gut 600 Kilometer nach Minsk. An einem Tag wäre diese Strecke eigentlich gut zu schaffen. Aber für Alekseenok liegt sein Geburtsland derzeit außer Reichweite. Zuletzt war er im Februar 2021 dort.

Angst vor Verhaftung

"Ich fürchte, wenn ich nach Belarus komme, werde ich genauso verhaftet wie alle anderen, die ihre Meinung jetzt offen äußern. Und ich frage mich: Warum muss ich jetzt verhaftet werden, wenn ich etwas im Ausland machen kann? Und deswegen fliege ich erst einmal nicht dorthin. Ich weiß nicht, wann ich meine lieben Menschen in Belarus wiedersehe."

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Wenn Vitali Alekseenok von den "Anderen" spricht, dann meint er damit auch die belarussische Oppositionsführerin Maria Kolesnikowa. Sie wurde gerade zu elf Jahren Haft verurteilt. Wie gefährlich die Lage für diejenigen ist, die sich zu Wort melden, zeigt auch das Schicksal der Olympiateilnehmerin Kristina Timanowskaja oder der Fall des Bloggers Roman Protasewitsch. Die Leichtathletin hat inzwischen in Polen Asyl erhalten, der Aktivist wurde erst entführt, dann inhaftiert, zuletzt hieß er, er lebe in einem Vorort von Minsk, das Haus werde von der Polizei bewacht.

Trotz aller Verhaftungen und Repressalien durch den Machtapparat von Präsident Lukaschenko, wolle Alekseenok die Hoffnung auf Veränderung in Belarus nicht aufgeben. Mut mache ihm eine kleine Gruppe.

Mutige Frauen

"Tatsächlich ist ein Großteil der Opposition im Gefängnis oder im Ausland. So trauen sich nur sehr wenige Menschen auf die Straßen. Meistens waren das in den letzten Monaten Frauen. Sie waren in Rot-weiß-Rot gekleidet. Damit haben sie eigentlich schon ein Symbol der Proteste getragen. Es waren nur wenige Frauen, aber die sind immer noch auf den Straßen zu sehen."

Als Präsident Lukaschenko im August 2020 den Wahlsieg für sich beansprucht, ist Vitali Alekseenok in Minsk. Hier erlebt und unterstützt er die wochenlangen Demonstrationen und Streiks gegen den Machthaber. Aus diesen Eindrücken entsteht später sein Buch: "Die weißen Tage von Minsk. Unser Traum von einem freien Belarus"

Der 30-Jährige hat bereits 2011 sein Heimatland verlassen. Das habe viele mit den Wahlen von 2010 zu tun. Es waren die ersten Abstimmungen, an denen Alekseenok teilnehmen durfte.

"Ziemlich mittelmäßiges Leben"

"Die schöne bunte Welt der Kunst, die ich früh entdeckt habe, die hatte nichts zu tun mit dem ziemlich mittelmäßigen Leben um mich herum. Bei den Wahlen von 2010 habe ich zum ersten Mal gesehen, wie unsere Wahlen in Belarus gefälscht werden, wie alle Oppositionellen eingeschüchtert werden, wie die Menschen auf den Straßen geschlagen werden. Und deswegen war es für mich ganz klar, dass ich hier nicht bleiben will."

Hätten Oppositionelle wie Maria Kolesnikowa nicht besser auch ins Ausland gehen sollen, statt in einem Schauprozess für Jahre hinter Gitter gebracht zu werden? Der Dirigent antwortet darauf mit einer Gegenfrage: "Hätten Nelson Mandela oder Václav Havel auch das Land verlassen müssen?"

Er setze eher darauf, dass die belarussische Führung sich auf der Siegerstraße wähne, sagt Alekseenok: "Je mehr das Regime überzeugt ist, dass es jetzt bereits gewonnen hat, umso mehr Fehler machen die. Eine richtige Strategie haben die nämlich nicht."

Wagner in der Ukraine

1991 wurde Vitali Alekseenok in Belarus geboren. Seine musikalische Ausbildung erhielt er am Sankt Petersburger Konservatorium, später studierte er auch in Weimar. Musik habe in seiner Familie kaum eine Rolle gespielt. Dass er überhaupt dazu kam, liege "an dem Zufall oder an dem Schicksal, das ich Asthma hatte", sagt Alekseenok. "Ich war also lungenkrank. Deswegen wurde mir empfohlen, ein Blasinstrument zu spielen. Und so kam ich zur Posaune".

Seit 2017 ist Vitali Alekseenok Chefdirigent und musikalischer Leiter des Abaco-Orchesters der Universität München. Darüber hinaus engagiert er sich für musikalische Projekte, etwa in der Ost-Ukraine. Hier hat er Musiker aus verschiedenen Ländern eingeladen, darunter Ukrainer und Russen.

Eine emotionale Verbindung, die bleibt

"Erstaunlicherweise hat es immer funktioniert", sagt Alekseenok. "Die Russen und Ukrainer haben wirklich nicht politisch gedacht, sondern die sind Freunde geworden. Und diese emotionale Verbindung, die bleibt. Und das freut mich zu sehen."

Jetzt will der Dirigent also Wagner in der Ukraine aufführen. Aber wie geht das zusammen? Er sehe das als gesellschaftliches Statement, so Alekseenok:

"Wir wissen schon, dass viele Menschen ins Konzert kommen, dass sie sehr interessiert sind. Sie verstehen auch, dass das etwas Einzigartiges ist. Und wir hoffen sehr, dass Wagner in der Ukraine öfter gespielt wird."

(ful)

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