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Länderreport | Beitrag vom 12.05.2021

Belarussen in BerlinDemonstrieren ohne Angst

Von Anja Schrum

Demonstrantenzug mit weiß-rot-weißen Fahnen und Bildern von Oppositionellen in Berlin. (Deutschlandradio / Anja Schrum)
Mitglieder der belarussischen Diaspora demonstrieren in Berlin, um ihre Landsleute zu Hause zu unterstützen. (Deutschlandradio / Anja Schrum)

Das Regime von Präsident Lukaschenko hat in Belarus die Proteste der Opposition brutal zerschlagen. In Berlin demonstrieren Belarussen ohne Angst und sorgen dafür, dass das Unrecht in der Heimat nicht aus dem Bewusstsein verschwindet.

Die Demonstrantinnen und Demonstranten tragen weiß-rot-weiße Fahnen über den Schultern. Auch ihr Mundschutz ist in den Farben der belarussischen Opposition. Auf Plakaten fordern sie "Freiheit für die politischen Gefangenen" und "Vergesst Belarus nicht!"

"Ich bin es den Leuten dort schuldig"

"Vergesst eure mutigen Nachbarn nicht! Vergesst uns nicht!", rufen die rund 200 Menschen immer wieder. Während sie an diesem kühlen Frühlingsnachmittag durch den Berliner Stadtteil Friedrichshain ziehen. Die gebürtige Belarussin Tanja ist eine von ihnen.

Sie sagt: "Ich bin das den Leuten dort schuldig, ich kann hier rausgehen und mir passiert nichts und die haben dort einfach viel Angst." 

Seit der Präsidentschaftswahl am 9. August letzten Jahres geht die belarussische Diaspora regelmäßig auf die Straße. In Berlin, aber auch in anderen deutschen Städten. Für die Demonstranten steht fest: Die Wahl ist gefälscht. So sieht es auch die EU und erkennt Lukaschenko nicht als legitimen Präsidenten an.

Festnahmen und Misshandlungen

Aus dem Megafon schallt es: "Belarus heute – das sind über 250 politische Gefangene, das sind Durchsuchungen, Entlassungen, Festnahmen, Verhaftungen, Prozesse – das ist die Realität in unserem Land."

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Das Lukaschenko-Regime hat die Massenproteste mit brutaler Gewalt zerschlagen. Rund 30.000 Menschen wurden dabei festgenommen und zum Teil misshandelt. Die Demonstranten in Berlin erinnern an einzelne politische Gefangene: "Natalia! Freiheit! Jekaterina Andre! Freiheit! Witali Andrej Bandarenko! Freiheit! Jekaterina Anatoll! Freiheit!"

Allein im April seien im Zusammenhang mit den Protesten fast 100 Personen zum Teil zu langen Haftstrafen verurteilt worden, so die belarussische Menschenrechtsorganisation Viasna. Und ein Ende ist nicht abzusehen.

Für die Freunde und die Familie

"Heute habe ich erfahren, dass ein sehr, sehr guter Freund von mir verhaftet wurde", erzählt Valeria. "Seine Wohnung wurde durchsucht. Er hat drei Kinder und ist auch Musiker. Wir alle warten, was sie jetzt vorhaben: Wird er verurteilt oder kriegt er nur eine Strafe?".

Sie schüttelt den Kopf. Im August hat sie noch im 1100 Kilometer entfernten Minsk demonstriert. Seit Oktober studiert die 26-Jährige Gesang an der Berliner Universität der Künste.

Eine Mischung aus Wut und Verzweiflung treibt Valeria regelmäßig in Berlin auf die Straße. Manchmal singt sie auf den Protesten. Sie fühle sich auch in Berlin dazu verpflichtet weiterzumachen – für ihre Familie, ihre Freunde und ihre Landsleute in Belarus, sagt sie.

"Niemand schlägt dich auf Demonstrationen, niemand verfolgt dich, und das ist schon etwas. Ich glaube, das ist das Geringste, was wir hier machen können."

Die Fahne hat sie begleitet

Tanja nickt. Sie trägt eine weiß-rot-weiße Fahne um die Schultern, das Rot nicht mehr ganz so kräftig. "Ich habe die Fahne vor ungefähr 20 Jahren gekauft. Als es damals die ersten Proteste in Minsk gab, habe ich auch schon teilgenommen", erzählt sie.

Seitdem hat die Flagge Tanja begleitet. Auch auf ihrem Weg von Belarus nach Berlin. Die 41-Jährige hat hier Betriebswirtschaft studiert, ihren Mann kennengelernt, Kinder bekommen. Die Fahne habe ziemlich lange im Schrank gelegen. "Aber im letzten August habe ich sie wieder rausgeholt und bringe sie immer mit auf die Demos."

Demonstranten mit weiß-rot-weißen Fahnen. (Deutschlandradio / Anja Schrum)Oppositionelle Belarussen demonstrieren in Berlin gegenüber der belarussischen Botschaft. (Deutschlandradio / Anja Schrum)

Aber die 41-Jährige tut noch mehr. Sie engagiert sich für geflüchtete Landsleute bei Razam e.V. – zu Deutsch: gemeinsam. Den Verein haben in Deutschland lebende Belarussinnen und Belarussen gegründet. Sie wollen auf die Situation daheim aufmerksam machen und von Repressionen bedrohte Landsleute unterstützen.

In Deutschland Asyl beantragt

Tanja telefoniert in ihrem Büro in Berlin-Mitte mit Oksana. Dafür nutzen die beiden einen sicheren Messangerdienst. Oksana sitzt auf der unteren Etage eines Doppelstockbetts, so viel ist auf dem Handybild zu erkennen. Über ihre Schulter lugt neugierig ein Junge im Grundschulalter. Die Belarussin ruft aus einem Asylbewerberheim irgendwo in Hessen an.

Oksana schwenkt kurz das Handy durch den Raum: Ein weiteres Bett, ein Kühlschrank, Tisch und Stühle sind zu erkennen. Die 36-Jährige hat in Deutschland Asyl beantragt. Nach den Wahlen hat die Belarussin nicht nur demonstriert, sondern auch Flugblätter und Zeitungen verteilt, um der staatlichen Propaganda etwas entgegenzusetzen.

Mehrmals verhaftet

Sie wurde mehrmals verhaftet. Irgendwann stand die Polizei wegen einiger Posts, die sie online gestellt haben soll, vor ihrer Haustür. Zu sehen ist darauf vor allem die weiß-rot-weiße Fahne. Mehr nicht.

Das Video und das Foto reichten der Polizei für Ermittlungen, erzählt Oksana. Zuvor sei ihr bereits die Arbeit gekündigt worden. Es gab eine Hausdurchsuchung, die Computer der Familie wurden beschlagnahmt, außerdem seien ihre beiden Kinder beim Jugendamt quasi "vorgemerkt" worden.

Zuerst habe sie das nicht ernst genommen, erzählt Oksana via Handy. Doch die Kinder hätten sich regelmäßig beim Schuldirektor melden müssen: morgens und abends, selbst in den Ferien. "Das war unheimlich", sagt sie. Sie fürchtet, der Staat könnte ihr die Kinder wegnehmen.

Das Land verlassen

Dann standen zwei KGB-Mitarbeiter vor ihrer Haustür. Fünf Stunden habe "das Gespräch" gedauert. Am Ende wurde ihr klargemacht, sie möge sich ruhig verhalten. Oksana beschließt, mit den Kindern das Land zu verlassen. Ihr Mann blieb zunächst dort, doch mittlerweile ist auch er ausgereist und lebt bei Verwandten in der Nähe von Berlin. Oksana hofft, ihn bald wiederzusehen.

"Wir haben für sie einen Rechtsanwalt vermittelt", sagt Tanja vom Verein Razam. "In der komplizierten Situation, dass ihr Mann noch dazugekommen ist, brauchen sie doch einen professionellen Berater." Tanja und weitere Mitglieder des Vereins unterstützen Oksana, so gut es geht, beraten sie oder sprechen ihr Mut zu.

"Die Leute müssen einfach weg"; sagt sie. "Die müssen einfach fliehen und erst mal eine Zeit lang überbrücken, um in Sicherheit zu bleiben. Danach wird sich herausstellen, wie sich die Lage entwickelt, was in Belarus weiter passiert."

Die Ausreise nach Deutschland ist schwierig

Belarus Richtung Deutschland zu verlassen, ist kein einfaches Unterfangen, weiß die 41-Jährige. Man braucht ein Schengen-Visum aus humanitären Gründen oder ein nationales Visum. Beides ist knapp und muss bei der Botschaft in Minsk beantragt werden.

"Die meisten Leute, die jetzt auch Visa beantragen, müssen sich verstecken. Sie haben Glück, wenn sie noch ausreisen können. Sie verlassen am besten ihre Wohnungen, ihre Stadt und verstecken sich bei Freunden und wenn sie die Möglichkeit bekommen, dann reisen sie schnell aus."

Rund 200 Mitglieder hat der Verein Razam. Manche kümmern sich – wie Tanja – um Belarussen, die nach Deutschland flüchten. Andere bemühen sich um jene, die sich in der Ukraine in Sicherheit gebracht haben. Sie mieten für sie Unterkünfte an und sammeln Spenden. Wieder andere kümmern sich um die medizinische Versorgung von Verletzten und Gefolterten.

"Du musst weitermachen"

"Man darf hier nicht aufhören, wenn man weiß, wie die Lage dort vor Ort ist, wie viele Menschen in den Gefängnissen sitzen. Das sind teilweise Jugendliche, 16-, 17-Jährige, denen jetzt für mehrere Jahre Gefängnis droht. Da kannst du einfach nicht aufhören, du musst weitermachen." 

Tränen schießen Tanja in die Augen. Gerade hat sie von einem 17-Jährigen Teenager aus Gomel erfahren, der zu einer fünfjährigen Haftstrafe verurteilt worden ist.

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