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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 17.09.2015

"Being away“-PhänomenWarum die Natur dem Menschen gut tut

Von Susanne Billig

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Warme Farben kennzeichnen das Laub im herbstlichen Wald. Kleinschmalkalden, Thüringen, Deutschland, (picture alliance / dpa / Klaus Nowottnick)
Für stressgeplagte Großstädter kann ein Waldspaziergang Wunder wirken. (picture alliance / dpa / Klaus Nowottnick)

Ein Ausflug in die Natur ist eine Wohltat für Körper und Psyche. Was wir schon lange ahnten, ist inzwischen auch wissenschaftlich erwiesen. Besonders Wälder lösen im menschlichen Organismus eine ganze Reihe positiver Effekte aus.

Sonntagnachmittag, endlich raus aus der Stadt. Mit Rucksack, Wasser, Wanderschuhen - und viel Sehnsucht nach Natur. "Being away" nennen Umweltpsychologen das besondere Gefühl, das sich in Wald und Wiesen einstellen kann. Auf einmal scheint das Hamsterrad des Alltags in weiter Ferne und es gibt nur noch Sonne, Wind und frische Luft. Clemens Arvay, Biologe und Autor des Buches "Der Biophilia-Effekt":

"Einerseits ermöglicht uns die Natur den Abstand von der Gesellschaft, den Abstand auch von sozialen Problemen, von krankmachenden Problemen am Arbeitsplatz und natürlich von Umweltschadstoffen. Und andererseits ist die Natur auch ein Ort der Inspiration, wo wir durch die vielen Sinneswahrnehmungen die Möglichkeit finden, andere Gedankengänge, andere Problemlösungsansätze zu entwickeln. Und hinzu kommt auch noch, dass die Pflanzen, die Tiere uns nicht verurteilen, sondern uns so lassen, wie wir sind – ganz anders als unsere Gesellschaft."

Allmählich verebben die Häuserreihen und schon allein mit dem Auge in die Weite zu blicken, die Felder zu sehen, den Himmel und den Horizont, tut spürbar gut. Vor allem für Menschen mit chronischer Stressbelastung sind die gesundheitsfördernden Effekte der Natur inzwischen wissenschaftlich gut belegt. Schließlich bedeutet Stress, über die Maßen von Anforderungen und Sinneseindrücken überflutet zu werden.

Linderung für Patienten mit Burn-out, Depressionen und ADHS

Die Sinneseindrücke im Wald haben einen ganz anderen Charakter. Um wahrzunehmen, was hier geschieht, muss man langsam werden, lauschen, sich umschauen. Wie die Rinden der mächtigen Bäume aussehen, glatt und glänzend, rissig und knorrig. Wie lebendig das Licht durch die Baumkronen dringt und sich auf den Blättern verstreut, die im Wind leise flirren. Ab und zu huscht etwas durchs Laub, ein Vogel, eine Maus, manchmal sogar eine Schlange.  

"Wir wissen zum Beispiel, dass Wälder – und vor allem lichte Baumbestände – den Parasympathikus, den Nerv der Ruhe, sehr stark aktivieren, sodass die Stresshormone Kortisol, Adrenalin und Noradrenalin stark zurückgehen. Deswegen helfen diese lichten Baumbestände sogar Patientinnen und Patienten mit Burn-out, mit Depression, helfen bei ADHS zum Beispiel, und vor allem bei Panik- und Angststörungen." 

Von Pflanzen sind inzwischen über 30.000 sogenannte sekundäre Pflanzenstoffe bekannt. Sie dienen als Hormone, locken mit Duft und Farbe Insekten herbei oder vertreiben Schädlinge. Vor allem die pflanzlichen Terpene üben pharmakologische Wirkungen auf Menschen aus, schützen den Körper vor freien Radikalen, töten Krankheitserreger und beeinflussen das Immunsystem.

"Mit diesen Kommunikationssubstanzen der Pflanzen hat man jetzt erstmals einen vernünftigen Erklärungsansatz, warum die Anwesenheit von Bäumen uns tatsächlich körperlich, medizinisch hilft. Aus Studien von japanischen Wissenschaftlern im medizinischen Bereich wissen wir, dass dieser Kontakt mit den Terpenen in der Waldluft tatsächlich zu einer signifikanten Steigerung unserer Abwehrkräfte führt." 

Psyche und Immunsystem sind eng miteinander verknüpft, kann die Psychoneuroimmunologie inzwischen eindrucksvoll belegen. Kliniken, die ihren Patienten Gartenarbeit oder Naturaufenthalte anbieten, müssen weniger Medikamente gegen Schmerzen, Depressionen, Bluthochdruck und Diabetes verschreiben.

"In Waldgebieten ist die Sterblichkeit geringer"

Draußen in der Natur stellt sich oft eine besondere Aufmerksamkeit ein. Da - eine Amsel huscht ins Gebüsch, Wind erfasst das Haar und die Hand verfängt sich in einem dornigen Zweig. Solche Wahrnehmungen interessieren die meisten Menschen natürlicherweise, denn genau dafür hat sich das Sinnessystem in Jahrmillionen entwickelt. Studien zeigen, dass die Fähigkeit zur gerichteten Aufmerksamkeit, die im Stress des modernen Lebens bis zur Erschöpfung überstrapaziert wird, sich in der Natur regeneriert – daher die positiven Effekte auf Kinder mit einer Aufmerksamkeitsstörung.

Und warum atmen wir die Luft nach einem Regenguss oder bei Nebel so gerne tief ein? Weil die Konzentration von Terpenen dann besonders hoch ist. Daher auch der wohltuende Effekt des Waldes – die Baumkronen halten die sekundären Pflanzenstoffe nah am Boden. 

"Es gibt Studien, die zeigen, dass die Sterblichkeit in Waldgebieten tatsächlich geringer ist als in unbewaldeten Gebieten und mit der steigenden Anzahl von Bäumen in der Nähe des Wohnortes eines Menschen die statistische Wahrscheinlichkeit für Zivilisationskrankheiten wie Krebs, Diabetes, Herzkreislauferkrankungen zurückgeht."

Auch der schönste Ausflug muss einmal enden. Seine gute Wirkung aber wird bleiben. Zwei Tage im Monat reichen, um die Zahl der Killerzellen und der Anti-Krebs-Proteine im Körper dauerhaft zu erhöhen. Und auch wenn ein Waldspaziergang weder den Arztbesuch ersetzt  und auch kein esoterisches Wunderheilmittel gegen ernsthafte Erkrankungen ist, erkennt heute auch die Schulmedizin die positiven pharmakologischen Wirkungen der Natur an. Worauf also warten? Nächsten Sonntag geht es wieder raus.

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(Deutschlandradio Kultur, Nachspiel, 30.09.2007)

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