Begründer der Analytischen Psychologie

Freuds berühmte Couch - beide Analytiker profitierten von ihrer Freundschaft. © AP Archiv
Rezensiert von Michael Schornstheimer · 14.11.2005
Niemand sonst in der Geschichte der Psychotherapie scheidet die Geister so sehr wie Carl Gustav Jung. Keiner provoziert in gleichem Maße Ablehnung und Bewunderung wie der Begründer der Analytischen Psychologie. Jetzt hat die amerikanische Autorin Deirdre Bair eine umfangreiche Biographie vorgelegt.
Als C.G. Jung 1961 im Alter von fast 86 Jahren starb, soll ein gewaltiger Blitz den Baum am Seeufer zerschmettert haben, unter dem er bei schönem Wetter so gern Analysesitzungen abgehalten hatte. Doch das ist eine Legende, stellt seine Biographin klar.

Wahr ist indessen, dass er sich in seinen letzten Lebensjahren ernsthaft mit unbekannten Flugobjekten, so genannten UFOs, beschäftigt hat. Und er interessierte sich seit den späten zwanziger Jahren für die Alchemie. Aber nicht, weil er dem Geheimnis des Goldmachens auf die Spur kommen wollte, sondern weil er ahnte, dass die Suche der alten Alchimisten Parallelen aufwies zu seiner Suche:

" Für ihn hatte Alchemie vor allem etwas mit dem inneren Wachstumsprozess zu tun, den er Individuation nannte, und aus diesem Grund wurde sie nach und nach zur Metapher für den Prozess der gegenseitigen Wandlung bei der Begegnung zwischen Analytiker und Analysanden. "

Carl Gustav Jung wurde 1875 geboren, als Pfarrerssohn im schweizerischen Kesswil am Bodensee. Sein Vater starb früh. Obwohl er seine Mutter und Schwester ernähren musste, entschloss er sich zu einem Medizinstudium. Das Geld dafür borgte er sich. Doch er konnte kein Blut sehen. So wandte er sich gleich der Psychiatrie zu.

Früh hatte er begonnen, Bücher über Spiritismus zu lesen. Eines Sommernachmittags hörte er plötzlich einen lauten Knall aus dem Speisezimmer. Dort entdeckte er, dass der alte Esstisch sich von der Mitte bis zum Rand gespalten hatte.

Für Ereignisse, die nicht immer den Gesetzen von Raum, Zeit und Kausalität gehorchen, erfand C. G. Jung den Begriff Synchronizität. Was er darunter im Einzelnen genau verstand, übergeht seine Biographin leider. In seiner medizinischen Doktorarbeit vertrat er die These, dass spirituelle Kräfte aus bestimmten psychischen Zuständen entstehen und nichts mit dem so genannten "Übernatürlichen" zu tun haben.

Jung trat eine Assistenzarztstelle in der Züricher Psychiatrie "Burghölzli" an. Die Arbeit dort erinnerte mehr an Sklaverei als an eine Anstellung. Doch Jung war ein Arbeitstier. Voller Energie und Enthusiasmus. Neben seinem schier unerschöpflichen Arbeitspensum erfand er einen Messapparat und stellte Experimente an mit Wortassoziationen. Er forschte, publizierte und machte sich so schnell einen Namen.

" Der Ruf des Burghölzlis (...) lockte Ärzte aus ganz Europa und Amerika nach Zürich, die Jung bei seiner Tätigkeit beobachteten und ihn dann nach der Rückkehr in ihre Heimatländer wegen seiner Erfolge feierten. Er erlebte die persönliche Befriedigung, von ihrem Lob dadurch Kenntnis zu erhalten, dass sich Kollegen dieser Ärzte aus dem Ausland an ihn wandten, um mehr über seine Arbeit zu erfahren. "

Das machte ihn in der Klinik nicht beliebter. Außerdem war er laut und dröhnend. Und viel zu selbstbewusst. Geld spielte für ihn auch keine Rolle mehr, denn er hatte eine der reichsten Frauen der Schweiz geheiratet.

1907 lernte C.G. Jung Sigmund Freud kennen. Beide profitierten von der Freundschaft. Freud war glücklich, einen nichtjüdischen Anhänger seiner Lehren gefunden zu haben. Und für Jung war der deutlich ältere Freud väterliche Autorität und Vorbild. Zusammen gründeten sie Zeitschriften und reisten sogar gemeinsam nach Amerika. Doch über die Streitfrage, welchen Anteil der Sexualität in der Libidotheorie zukomme, kam es zum Zerwürfnis. In den Augen der Biographin geht die Trennung vor allem auf das Konto des halsstarrigen, sexualitätsfixierten Sigmund Freud.

Deirdre Bair schreibt anschaulich und spannend. Sie beherrscht die unglaubliche Materialmasse souverän. Allein ihre Fußnoten umfassen so viel wie eine durchschnittliche Biographie, 250 große Druckseiten. Doch gegen Ende des zweiten Drittels kommt es zu einem merkwürdigen Bruch:

" Das verhaltene Grollen über die Sympathie, die Jung für die Nazis empfand, schwoll aber immer mehr zu einem lauten Getöse an. "

Schreibt die Autorin auf Seite 593, ohne diese "Sympathien" vorher ein einziges Mal zu erwähnen. Dann folgt ein langes, umständliches Kapitel über Jungs Präsidentschaft der Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie in Berlin. Klar ist: er hat bei der Gleichschaltung der deutschen Psychotherapeuten eine wichtige Rolle gespielt. Aber Bair traut sich nicht, diese Rolle kritisch zu bewerten. Völlig hanebüchen wird ihre Darstellung, wenn sie den Chef des Sicherheitsdienstes der SS, Walter Schellenberg, als "General" einführt und Himmlers Berater zum "Hauptdrahtzieher" erklärt, Hitler zu stürzen. Als Historikerin ist Deirdre Bair mit äußerster Vorsicht zu genießen, doch lesenswert ist ihre Biographie trotzdem.

Deirdre Bair: C.G. Jung - Eine Biographie
Übersetzt von Michael Müller
Knaus Verlag
1166 Seiten, 49,90 Euro