Begrenzt belastbar

Eine Briefbotin in Frankfurt - 200 bis 250 Kilogramm an Menge muss ein Postbote etwa täglich austragen. © AP
Von Po Keung Cheung · 17.09.2013
Die Rente mit 67 ist Gesetz. Wer im Alter keine Abzüge riskieren will, wird länger arbeiten müssen. Doch schon jetzt ist in Berufen mit hoher Belastung die "Rente mit 67" ein ernsthaftes Problem. Viele schaffen es einfach nicht, bis 65 gesund zu bleiben.
Lutz Schäfer fährt mit seinem Dienstrad durch eine Hochhaussiedlung im Norden Berlins. Bis zu 20 Stockwerke ragen die weißen Betonblöcke in den Himmel. Mehr als 35.000 Menschen sind hier Zuhause. Der schlanke Mann in der blaugelben Uniform kennt die Gegend in- und auswendig. Der 62-Jährige ist täglich ab früh morgens hier, montags bis samstags.

Lutz Schäfer ist Briefzusteller der Deutschen Post und das Märkische Viertel ist sein Arbeitsplatz. Mit einem Stapel Briefe und Zeitungen im Arm geht er an das Haus mit der Nummer 72:

"Erstes Haus, 73 Mietparteien, fangen wir an."

Gleich hinter der Tür, an der Wand. Eine Phalanx aus unzähligen Briefkästen. Im Sekundentakt fallen die Klappen. Lutz Schäfer weiß aus dem Kopf, wo sich welcher Kasten befindet. Briefe, Zeitungen und Magazine landen im Blindflug im richtigen Schlitz. Der Postmann ist 62, macht seinen Job seit 47 Jahren - und die meiste Zeit davon hier im Märkischen Viertel:

"Ich habe also Häuser mit 20 bis 30 Mietern, ich habe Häuser mit 60 Mietern. Die kleinen sind so 15 bis 20 Briefe und die großen Häuser sind schon 60 bis 70 Briefe, Standardbriefe."

Mehrmals am Tag wird nachgeladen
60 Häuser liegen auf der Route von Lutz Schäfer, mit insgesamt 1.650 Briefkästen. Auf Schäfers gelben Dienstfahrrad steht vorne eine Kiste, hinten eine Kiste, beide voll beladen. Und wenn die leer sind, ist noch lange kein Feierabend. Denn mehrmals am Tag wird nachgeladen, an grauen Kästen, die am Straßenrand stehen. Lutz Schäfer schließt die Blechtür auf und tauscht die beiden leeren Kisten gegen zwei volle:

"Äh, je nach Postmenge zwischen zwei und sechs Mal. Und samstags mit diesem 'Einkauf aktuell' mit dieser Sammlung noch wesentlich öfters, weil ja auf dem Fahrrad nur 60 Kilo rauf dürfen. Naja, dreimal nachladen, an starken Tagen, 200 bis 250 Kilo insgesamt, die ich umsetze."

Bis zu einer viertel Tonne Papier: Wer schon einmal Umzugskisten voll mit Büchern bewegen musste, ahnt, wie schweißtreibend der Job für den Mann in der Postuniform ist. Nicht nur das hohe Gewicht, auch Wind und Wetter, das frühe Aufstehen und das ewige Auf- und Absteigen vom Rad zehren am Körper. Rente mit 67, für Schäfer kaum vorstellbar:

"Ich persönlich bin Gott sei Dank in der glücklichen Lage einigermaßen gesund zu sein, also sagen wir mal, bis 65 kann man es schaffen, wenn man sich die Arbeit klug einteilt."

Das heißt: Das Fahrrad nicht überladen, lieber öfter Nachladen. Lutz Schäfer drückt mit dem Fuß den wuchtigen Fahrradständer beiseite und schiebt sein voll beladenes Rad zum nächsten Hauseingang.

Betonbauarbeiter
Betonbauarbeiter© AP
Ein Knochenjob
Eine Baustelle im Nordosten Berlins. Am Rande eines Parks mit einem kleinen See entstehen Eigentumswohnungen. Bis die ersten Bewohner hier einziehen, dauert es noch. Derzeit wird die Betonplatte gegossen.

Am Rand steht ein Mann, der Mike genannt werden will. Anfang dreißig, mit kräftiger Bauarbeiterstatur. Am frühen Morgen hat er mehrere riesige Schläuche vom Betonlaster auf die Baustelle geschleppt und zusammengesetzt:

"Hier sind es 50 Meter Schlauch und die über den Bau schleifen, das ist schon eine harte Sache. Bei den 50 Meter Schlauch sind es ja zehn Schläuche ungefähr und 30, 40 Kilo - ohne Beton. Also Beton muss ja natürlich auch rein und durch und tja und das den ganzen Tag."

Nun kümmert sich Mike in der prallen Sonne darum, dass der Beton fließt. Dazu drückt er auf ein paar Knöpfe auf der Fernbedienung. Kollegen streichen die zähe Masse mit Balken glatt, entweder am Boden kniend oder gebückt. Schweißperlen und getrocknete Betonspritzer auf dem Gesicht. Ein Knochenjob. Deshalb kann es sich Mike auch nicht vorstellen, zu arbeiten, bis er 67 ist:

Ältere sind auf Baustellen die Ausnahme
"Wenn man früh anfängt, sieben Uhr, und abends um acht, neun aufhört, ist es eigentlich so eine körperliche Anstrengung, im Gegensatz zu jemanden der von sieben bis 16:00 Uhr im Büro sitze. Da müsste man eventuell noch einmal sagen: 'Okay, Büro bis dann und Bau bis dann arbeiten'."

Auch der Polier auf der Baustelle, Eberhard Gorges, findet es unzumutbar, dass Bauarbeiter bis 67 schuften und wenn nicht - Abschläge bei der Rente in Kauf nehmen müssen. Schon heute, sagt er, sind Ältere auf Baustellen die Ausnahme:

"Ich sage mal, spätestens, spätestens mit 60 oder 62 ist die Sache erledigt hier und dann sind sie wirklich körperlich ausgelaugt, die Knie sind kaputt, der Rücken ist kaputt."

Zurück zum Märkischen Viertel. Es ist mittlerweile später Nachmittag. Briefträger Lutz Schäfer hat sein Tagespensum fast geschafft. Er steht vor dem letzten Haus, einem 20-Geschosser. Rente mit 67, das wird an dem 62-Jährigen vorbeigehen. Für ihn ist in drei Jahren Schluss. Viele seiner jüngeren Kollegen hingegen müssen sich auf die staatlich verordnete längere Lebensarbeitszeit einstellen:

"Wir haben etliche Kollegen, die Rückenleiden haben und auch immer wieder krank ausfallen wegen Rückenleiden, das stimmt. Bei mir manchmal auch, aber Gott sei Dank noch selten, toi, toi, toi."
Mehr zum Thema