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Religionen | Beitrag vom 10.05.2020

Beerdigungsritual ohne Leichnam in der BretagneTrauern um die Männer, die das Meer nahm

Von Peter Kaiser

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Penn-Arlan- und St.-Paul-Kreuz an der Küste der Insel Ouessant. (Picture Alliance / Robert Harding / Guy Thouvenin)
Die bretonische Insel Ouessant verlor viele Menschen an das Meer. Seeleute, deren Leichnam nicht auffindbar war, wurden symbolisch bestattet. (Picture Alliance / Robert Harding / Guy Thouvenin)

Wie nehmen Angehörige Abschied von verschollenen Seeleuten? Die Bewohner der bretonischen Insel Ouessant erfanden dafür eine besondere Zeremonie. Kreuze aus Wachs ersetzen die Körper, die das Meer nicht zurückgegeben hat.

Rund um das Kap de Finistère, das Ende der Welt vor der bretonischen Küste, sind die Kapitäne besonders wachsam. Niemand kreuzt den Fromveur, die fünfzig Meter tiefe Fahrrinne hier, in der die gewaltigste Gezeitenströmung Europas herrscht, ohne die Angst kennenzulernen.

Der Taufpate überbringt die Todesnachricht

Auch auf Ouessant, der nur 15 Quadratkilometer großen bretonischen Insel, knapp 20 Kilometer von Festland entfernt, kennt man die Angst, sagt die auf der Insel geborene Odine Morin:

"Die Frauen waren meist zu Hause. Und oft kam dann der Taufpate der Frau, klopfte an die Tür, und überbrachte die Todesnachricht. Der Taufpate wurde begleitet vom Pfarrer, vom Bürgermeister und auch oft vom Inselarzt, weil die Frauen dann nicht selten ohnmächtig wurden."

Doch wie beerdigt man einen Seemann, dessen Körper das Meer nicht wieder hergibt? Auf Ouessant waren es weniger die Fischer, die im Meer verschwanden, sondern eher Männer, die auf den Schiffen der französischen Handelsmarine ihren Dienst versahen, und die manchmal sechs, sieben Jahre lang unterwegs waren, bis sie wieder nach Hause kamen. Oder eben nicht.

Sturm vor der zerklüfteten Küste von Ouessant. (Picture Alliance / abaca / Jean Guichard)Der weithin sichtbare Leuchtturm ist für Seefahrer die wichtigste Kursmarke für die Einfahrt in den Ärmelkanal. (Picture Alliance / abaca / Jean Guichard)

"Die Toten gab es meistens nicht hier direkt vor der Küste, wie zum Beispiel auf Molene, der Nachbarinsel, sondern wirklich im Pazifik, im Norden, im Süden, ganz weit weg.", sagt Odine Morin.

"Aber die Nachricht, dass derjenige beispielsweise bei einem Unwetter umgekommen ist, kam trotzdem hier an. Und dann hat man diese Ersatzbeerdigung gemacht, indem man aus Wachs ein Kreuz hergestellt hat, eben die ‚Proella‘, und hat die dann, anstelle des Körpers beerdigt."

Symbolische Leichname auf Vorrat

Das Wort 'Proella' kommt aus dem Bretonischen und bedeutet so viel wie 'Zurück an Land'. Etwa zehn Zentimeter groß war ein solches Kreuz, geformt wurde es meistens aus zwei ineinander verschmolzenen Wachskerzen, erklärt Odine Morin:

"Und jede Familie hatte immer schon, für den Fall der Fälle, fertige Proellas zu Hause, die in einer kleinen Vase auf dem Kamin standen, weil man zehn Kinder hatte und der Mann Seemann war und man davon ausgehen konnte, dass bei einem solchen Lebenslauf mindestens zwei, drei Proellas gebraucht wurden. Deswegen standen die Proellas immer bereit, so dass man sie benutzen konnte, wenn es soweit war."

Nach der Nachricht nahmen die Angehörigen eine der Wachskerzen aus der Vase, legte sie auf den Haupttisch des Hauses, sagt Morin, "als wäre es der Leichnam, mit zwei Kerzen daneben und einem Foto. Und hat dann hat man drei Tage und drei Nächte gebetet, und Totenwache gehalten. So, als wäre es der Körper."

Prozession ins Mausoleum

Die Hauptkirche von Ouessant "St-Pol Aurélien" im Ort Lampaul ist riesig. Einst war sie für 1800 Leute gebaut worden, damals hatte Ouessant noch mehr als 3000 Einwohner. Heute sind es gerade einmal 800, im Winter nur die Hälfte. Hier, in der übergroßen Kirche wurde dann feierlich in einem Abschiedsgottesdienst die Kerze in die Proella-Urne gelegt, die nahe des Altars stand, erzählt Odine Morin:

"Und immer, wenn die Urne voll war mit den Wachskreuzen, hat man gewartet, bis ein Bischof auf die Insel kam. Dann gab es eine Prozession, in der die Proellas in das Mausoleum gestellt wurden."

Ein Gedenkstein für verschollene Seeleute auf dem Friedhof von Ouessant. (Deutschlandradio / Peter Kaiser)Ein Gedenkstein mit Inschrift auf dem Friedhof von Ouessant markiert die Stelle, an der die Proella-Kreuze begraben sind. (Deutschlandradio / Peter Kaiser)

Wenige Schritte neben der Kirche liegt der Friedhof. Zwischen den Grabsteinen der Priester und Inselbewohner befindet sich das kleine mausgraue Mausoleum, das kaum größer als die Grabsteine ist.

"Hier sind die Kreuze aus Wachs beerdigt worden", sagt Morin. "Es ist komplett anonym, da stehen keine Namen dran, aber die Frauen sind dann immer zum Mausoleum gegangen, und haben für die gebetet, die auf dem Meer verschollen sind."

Seit 58 Jahren keine Zeremonie mehr

Dann steht man da, inmitten hunderter alter Kreuze, die wie die Kirche selbst zum Teil noch aus dem 13. Jahrhundert stammen. Der Blick vom Mausoleum reicht bis auf die gefährliche See. Auf die Frage, ob die Proella-Zeremonie heute noch lebendig ist, schüttelt die Mittdreißigerin Odine den Kopf:

"Die letzte Beerdigung mit der Proella hat 1962 stattgefunden. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich auch hier die Gesellschaft modernisiert, und der Brauch mit dem Wachskreuz war nicht mehr so beliebt."

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