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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 07.06.2012

Bedrückendes Berlinporträt

Helmut Kuhn: "Gehwegschäden", Frankfurter Verlagsanstalt 2012, 443 Seiten

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Eine Station in Kuhns Berlin-Roman: In das einstige Kreditwarenhaus Jonass an der Torstraße ist inzwischen der Edelclub Soho House eingezogen. (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)
Eine Station in Kuhns Berlin-Roman: In das einstige Kreditwarenhaus Jonass an der Torstraße ist inzwischen der Edelclub Soho House eingezogen. (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)

Von todernst bis urkomisch: Ein freier Journalist lässt sich durch Berlin treiben, er hält seine Beobachtungen fest, boxt sich durch. Helmut Kuhns Roman veranschaulicht den geistigen, moralischen und baulichen Verfall der Stadt - und ist doch ein Kompliment an Berlin.

Thomas Frantz lebt in Berlin als freier Journalist. Er lässt sich durch die Stadt treiben und hält seine Beobachtungen fest. Über die Fahrlässigkeit, mit der dem Verfall im Stadtbild begegnet wird, ärgert er sich maßlos. Sein Hobby ist das Schachboxen, eine junge Sportart, bei der Boxen und Schach kombiniert werden. Abends trinkt er mit seinem Kumpel Fred mehr als ihm gut tut, doch nur so kann er die um sich greifende Ignoranz in der Gesellschaft ertragen.

Helmut Kuhn, der wie sein Held Thomas Frantz als freier Autor in Berlin lebt, zeichnet ein bedrückendes Porträt Berlins; die Hauptfigur boxt sich so durch – im Leben wie im Sport, aber die Ellenbogen werden im Alltag immer wichtiger. Die ausgewählten Schauplätze sind Paradebeispiele – wie die ehemalige SED-Verwaltungszentrale, früher ein jüdisches Kaufhaus, dann Zentrale der Hitlerjugend, die gerade von internationalen Investoren zu einem Wellness-Tempel umgerüstet wird.

Thomas Frantz ärgert sich über die Ignoranz selbst der Kreativ-Szene in Berlin-Mitte, die sich mit derlei Veränderungen achselzuckend abgibt. Statt gegen die Zustände zu protestieren, sitzen die Kreativen in den Cafés beim Latte Macchiato. Aus dem früheren Proletariat ist das moderne Prekariat geworden, die kulturellen Freiberufler zählt Thomas Frantz allesamt dazu. Geistiger, moralischer und städtebaulicher Verfall gehen Hand in Hand, kulturelle Kreativität ist längst in Frage gestellt.

Der Autor trauert allerdings nicht besseren Zeiten hinterher, sondern er stößt sich daran, dass nichts gegen die Zustände unternommen wird. Spiegelbildlich zum Verfall der Gesellschaft beschreibt Helmut Kuhn die Titel gebenden "Gehwegschäden": Man hat sich mit dem kaputten Zustand abgefunden – repariert wird nicht mehr. So wie auf den Gehwegen Schilder vor den Stolperfallen warnen, springen Mitarbeiter auf den Sozialämtern mit ihren Mandanten um: Sie händigen Formulare aus, aber echte Hilfe geben sie keine. Nur der große Zufall könnte ein Ausweg sein. Für Thomas Frantz kommt dieser Zufall in Gestalt der jungen Doktorandin Sandra daher: Sie lässt Thomas Frantz sprichwörtlich den Blick von den Gehwegschäden am Boden heben und hat eine selbstbestimmte Zukunft im Auge.

Helmut Kuhns Roman changiert zwischen detailverliebt geschilderten und treffend beobachteten lokalen Begebenheiten. Sein Held will eine bessere Welt, tut aber selbst nichts dafür. Kuhn schreibt mit viel Humor. Auf seinen Stadtrundgängen im Berliner Bezirk Mitte fügt er mosaikartig viele kleine Teile zu einem größeren Stück zusammen, ohne je den Anschein zu erwecken, das große Ganze erfassen zu können. Denn die Dinge unterliegen einem ständigen Wandel. Der Roman ist trotz aller "Gehwegschäden" ein Kompliment an die Stadt Berlin; das Buch ist treffsicher und ausgesprochen vielschichtig – von todernst bis urkomisch.

Helmut Kuhns Klage, unsere Gesellschaft habe sich mit den Gegebenheiten und allen "Gehwegschäden" längst abgefunden, ist ja in Wirklichkeit gar keine solche. Denn: Wer konstruktiv klagt, arbeitet bereits an den Verbesserungen.

Besprochen von von Roland Krüger

Helmut Kuhn: Gehwegschäden
Roman
Frankfurter Verlagsanstalt 2012
443 Seiten, 22,90 Euro

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