Bedingungsloses Vertrauen in einen gigantischen Text

11.09.2008
Als ein absolut herausragendes Ereignis kann die Neuübersetzung des "Don Quijote" von Susanne Lange bezeichnet werden. Ihr gelingt es, den Text von Miguel de Cervantes aus dem Spanischen in ein heute lesbares und dennoch zeitlich distanziertes Deutsch zu überführen. Charakteristisch an ihrer Version ist vor allem eines: Leidenschaft.
Die Superlative sind hier unausweichlich. Denn ohne Zweifel geht es um einen der bedeutendsten, einen der einflussreichsten Texte der Weltliteratur. Der dabei so viele Interpretationsmöglichkeiten bereit hält, dass er letztlich als einer der unausdeutbarsten Texte gilt. Einer, dessen literarische Kühnheit ihre Strahlkraft im Verlauf von 400 Jahren Wirkungsgeschichte in keiner Weise eingebüßt hat. Miguel de Cervantes (1547-1616) hat mit seinem "Don Quijote" einen Roman-Giganten geschrieben, für den ein Begriff wie "Klassiker" eine deutlich zu niedrige Bewertung darstellen würde.

Einen solchen Giganten neu zu übersetzen, bedeutet aus zahlreichen Gründen eine enorme Herausforderung. Allein der Umstand, ein Spanisch vom Beginn des 17. Jahrhunderts in ein heute lesbares, aber dennoch erkennbar zeitlich distanziertes Deutsch zu überführen, erfordert enorme Kenntnisse, ein hohes sprachliches Einfühlungsvermögen und, natürlich, einen immensen Zeitaufwand.

Susanne Lange hat eine in jeder Hinsicht würdige Nachbildung des Originals erschaffen. Ein elegantes Fließen verleiht diesem Text seinen Charakter, die nötige Fremdheit kommt durch zeitlich entrückte Begriffe wie "Ledertartsche" oder "Schlüpfschuhe" hinzu sowie durch Wendungen wie "wo Beschwernis weilt"oder "ein Ross, das hinanfuhr". Stilistisch hat sie sich ganz dem Autor anvertraut.

Das ist nicht so selbstverständlich, wie es zunächst klingen mag. Denn nicht nur gibt es zum "Quijote" eine ganze Bibliothek, die sich mit scheinbaren Unstimmigkeiten, Rätselhaftigkeiten oder gar Schlampigkeiten, die dem Autor unterlaufen sein sollen, beschäftigt. Auch Übersetzer sahen sich aus diesen Gründen immer wieder zu "Korrekturen" veranlasst, die bis zur sehr freien Bearbeitung reichen konnten.

Susanne Lange hat im Angesicht solcher Fragen einen fast radikalen Schritt vollzogen, indem sie dem Originaltext das letzte Wort überlassen hat. Man nennt dies ein textgetreues Übersetzen, und es ist das Beste, was einem mit übersetzter Literatur widerfahren kann.

Solches Vertrauen in einen fernher wirkenden Text kommt nicht von ungefähr, und in ihrer Rolle als Herausgeberin, die einen umfänglichen Anmerkungsapparat und ein höchst kundiges Nachwort verantwortet, begründet Susanne Lange ihr geradezu bedingungsloses Vertrauen in den Text mit stichhaltigen Argumenten. Die sind mal philologischer, mal literarhistorischer Natur, sie belegen aber auch dieses schwer zu benennende Mitschwingen eines Übersetzers mit seinem Original, das vor allem auf die Resonanzeffekte bei der Kunsterfahrung zurückgeht. Zu sehr viel nüchternem Wissen gesellt sich auf diese Weise ein Element, dem man in diesem "Don Quijote" sehr oft begegnet: Passion.

Die Kritiker-Routine würde nahelegen, diesen "Don Quijote" resümierend zum "Ereignis der Saison" auszurufen. Aber da stutzt man doch. Denn diese Ausgabe ragt aus aller Routine deutlich heraus, und mit der Saison wäre ein geradezu beleidigender Zeithorizont angedeutet. Es bleibt: ein Ereignis!

Rezensiert von Gregor Ziolkowski

Miguel de Cervantes Saavedra: Der geistvolle Hidalgo Don Quijote von der Mancha
Herausgegeben und aus dem Spanischen übersetzt von Susanne Lange
Carl Hanser Verlag, München 2008
Zwei Bände, 1488 Seiten, 68,00 Euro