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Länderreport | Beitrag vom 12.02.2019

Bedingungsloser Mietvertrag"Housing First" holt Obdachlose von der Straße

Stefan Laurer im Gespräch mit Susanne Arlt

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Die ehemals obdachlose Ingrid Bujnak steht auf dem Balkon ihrer neuen Wohnung im Stadtteil Schöneberg. Seit kurzer Zeit lebt sie in einer Wohnung, die ihr von dem Berliner Pilotprojekt "Housing First" vermittelt wurde. (picture alliance/Carsten Koall/dpa)
Die ehemals obdachlose Ingrid Bujnak steht auf dem Balkon ihrer neuen Wohnung im Stadtteil Schöneberg. (picture alliance/Carsten Koall/dpa)

Obdachlose bekommen ohne Bedingungen einen Mietvertrag: Housing First heißt das Berliner Modellprojekt. Angenommen wird, wer in der Lage ist, beim Jobcenter Anträge zu stellen und einen Wohnsitz anzumelden.

Rund ein Viertel aller Obdachlosen sind Frauen. Und viele von ihnen leben in einer verdeckten Wohnungslosigkeit, das heißt sie versuchen, ihren Status zu verbergen. Das Konzept Housing First könnte diesen Frauen und auch Männern wieder zu einem geregelten Leben verhelfen.

Stefan Laurer leitet ein solches Hilfsprojekt im Auftrag der gemeinnützigen Organisation Neue Chance und der Berliner Stadtmission. 

Erst die Wohnung, dann alles andere

"Am Anfang soll unbefristet und bedingungslos ein eigener Mietvertrag für die obdachlosen Menschen stehen", erläutert Stefan Laurer im Deutschlandfunk Kultur. Die weiteren Probleme - Sucht, Schulden oder gesundheitliche Probleme - werden erst angegangen, wenn die Wohnung bezogen wurde.

Schon Anfang der 90er Jahre habe es ähnliche Modelle in Deutschland gegeben, sagt Laurer. Danach sei das "konservative Modell" in den Vordergrund getreten: "Dass eben die Menschen zuerst unter Beweis stellen müssen, dass sie mitwirken, dass sie an einer Hilfeplanung mitarbeiten, dass sie Erfolge bei ihren Problemen haben".

Wohnungslose weniger belastbar

Das Konzept Housing First sei sehr erfolgreich, was die "Wohnraumerhaltung" angehe. 80 bis 90 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer könnten erfolgreich einen Wohnsitz begründen.

Am Anfang stünden jedoch hohe Hürden, die zu bewältigen seien, wobei berücksichtigt werden müsse, dass Wohnungslose weniger belastbar als der Durchschnittsbürger sind.

Laurer sagt: "Die Menschen sind in dieser Einzugsphase noch mal extremen Belastungen ausgesetzt: Die müssen quasi die Wohnungseinrichtung organisieren, die müssen Anträge beim Jobcenter stellen, die müssen sich polizeilich anmelden, die müssen Strom anmelden."

Der Berliner Senat fördert das Modellprojekt Housing First zunächst bis Ende 2021.

(huc)

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