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Fazit / Archiv | Beitrag vom 22.04.2017

Becketts "Glückliche Tage" am DT BerlinMinimalismus ohne Ideen

Von André Mumot

Dagmar Manzel (li.) und Jörg Pose (re.) in Christian Schwochows Inszenierung von Samuel Becketts "Glückliche Tage" im Deutschen Theater Berlin im April 2017 (Arno Declair)
Dagmar Manzel (li.) und Jörg Pose (re.) in Christian Schwochows Inszenierung von Samuel Becketts "Glückliche Tage" am DT Berlin (Arno Declair)

Eine großartige Dagmar Manzel: Film- und Fernsehregisseur Christian Schwochow setzt bei Samuel Becketts "Glückliche Tage" seine Hauptdarstellerin auf die Bühne des Deutschen Theaters Berlin - und belässt es allerdings dabei.

Bewegen kann sie sich kaum noch. Nur noch reden. Ihren Schirm aufspannen und festhalten. Eine Spieldose aufziehen und sich die Brille putzen. Sich daran erinnern, dass es früher einmal Menschen gegeben hat auf dieser Welt. Winnie ist eine traurige Gestalt, eine der traurigsten der modernen Dramenliteratur – und zugleich eine der komischsten. Weil sie nie aufhört, das Positive zu sehen zum Beispiel, weil sie nie aufhört, sich einzureden, ihre Situation sei gar nicht so schlecht. Das eigentlich Besondere an ihr aber ist: Bis zur Hüfte steckt sie in einem Erdhaufen fest, und, im zweiten Teil von Becketts "Glückliche Tage", schaut nur noch ihr Kopf hervor.

Das Groteske ist abgeschafft

Dieses unwiderstehlich bizarre Bild ist es, was den Ruhm der 1961 uraufgeführten Groteske ausmacht, dieses plakative, unverschämte, verzweifelte Symbol für den Endzustand einer Menschheit, die ihr eigenes Elend nicht wahrhaben will. An diesem Abend im Deutschen Theater aber gibt es ihn nicht, den Erdhaufen, und alles Groteske ist auch so ziemlich abgeschafft. Dagmar Manzels Winnie sitzt lediglich auf einem Stuhl vor einer irgendwie unfertig und schäbig wirkenden Wandkonstruktion aus glänzenden schwarzen Flächen. Eine schmale Tür gibt es, hinter der hin und wieder Winnies Mann Willie (Jörg Pose) auftaucht, der, so will es der Text, in einem Erdloch lebt und für echte Kommunikation nicht mehr zur Verfügung stehen mag.

Dagmar Manzel in Christian Schwochows Inszenierung von Samuel Becketts "Glückliche Tage" am Deutschen Theater Berlin (Arno Declair)Dagmar Manzel in Christian Schwochows Inszenierung von Samuel Becketts "Glückliche Tage" im Deutschen Theater Berlin im April 2017 (Arno Declair)

Regisseur und Grimme-Preisträger Christian Schwochow, bekannt für seine herausragenden Film- und Fernseharbeiten ("Der Turm", "Paula"), setzt, freundlich ausgedrückt, auf konzentrierten Minimalismus und versucht sogar noch nihilistischer zu sein als die Vorlage. So wenig wie möglich wird inszeniert, stattdessen vertraut Schwochow ganz auf das zart psychologische Spiel seiner verlässlich brillanten Hauptdarstellerin. Dagmar Manzels Winnie ist dann und wann durchaus ergreifend und fällt auch nur manchmal in die Berliner Schnauze, für die sie so berühmt ist. Mit schlicht-schöner Herzenswärme formt sie das Bild einer verletzten, fast ätherischen Frau, einer Gelähmten vielleicht, die hin und wieder von postapokalyptischen Sirenen aus ihrem Dämmerzustand erweckt wird.

Biederer als die Uraufführung von 1961

Ihr darstellerisches Feingefühl kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Inszenierung ansonsten auf fast erschreckende Weise ohne Ideen, ohne szenischen Gestaltungswillen bleibt, ohne jedes erkennbare ästhetische Konzept. So ist hier der seltene Fall zu bestaunen, dass eine Inszenierung, beinahe 60 Jahre nach der Uraufführung, weitaus biederer und simpler daherkommt als im Original angedacht. Becketts wilde, ironische Komik, seine radikale poetische Zuspitzung zwischen Kitsch und Wahn und Tod wird ersetzt durch einen bierernsten, müden Betroffenheitsgestus, der auf die Dauer kalt lässt. Keine "Glücklichen Tage" sind das, nur Tage, die anderthalb Stunden lang langweilen und selbst eingefleischte Manzel-Fans am Ende enttäuscht nach Hause entlassen.

"Glückliche Tage" von Samuel Beckett
Regie: Christian Schwochow
Mit Dagmar Manzel und Jörg Pose
seit 22. April 2017 am Deutschen Theater in Berlin 

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