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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 29.06.2018

BDS gegen Berliner Pop-Kultur-Festival"Diese sogenannte Israelkritik finde ich antisemitisch"

Von Jens Rosbach

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Protest von der Kampagne Boycott, Divestment and Sanctions (BDS) in Berlin. (imago/Stefan Zeitz)
Protest von der Kampagne Boycott, Divestment and Sanctions (BDS) anlässlich des Besuchs des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu im Juni 2018 in Berlin. (imago/Stefan Zeitz)

Richard Dawson, Gwenno und John Maus haben ihre Teilnahme beim Berliner Pop-Kultur-Festival abgesagt. Zuvor hatte die israelkritische BDS-Kampagne zum Boykott des Festivals aufgerufen. Festival-Leiterin Katja Lucker wolle sich davon nicht einschüchtern lassen.

Rund 150 Auftritte von Künstlern, 10.000 erwartete Besucher und viel Medienecho – das Berliner Pop-Kulturfestival im August ist ein Magnet für Musiker aus aller Welt. Eigentlich wollte auch das britische Trio "Shopping" dabei sein. Doch dann sagte die Band im vergangenen Monat plötzlich ab, mit folgender Begründung:

"Nachdem wir für das Festival angekündigt wurden, kontaktierten uns palästinensische Künstler und Menschenrechtsaktivisten - wegen der Zusammenarbeit des Festivals mit dem Staat Israel und wie dies dazu dient, Israels militärische Besatzung und seine jahrzehntelange Unterdrückung der Palästinenser zu beschönigen. Da können wir nicht mit gutem Gewissen dabei sein." 

Fünf Sänger beziehungsweise Bands aus England und den USA haben bereits ihre Konzertzusagen für das Pop-Event widerrufen. Der britische Musiker Richard Dawson verweist auf die "Tötungen von Demonstranten in Gaza durch israelische Regierungstruppen". Und die walisische Sängerin Gwenno schreibt:

"Ich bin solidarisch mit dem palästinensischen Volk… in dem Glauben, dass wir die Welt zu einem besseren Ort machen können." 

Der Anlass für die Absagen: Beim Berliner Pop-Kultur-Festival treten auch drei israelische Künstler auf, die von ihrer Botschaft in Berlin eine "Unterkunfts- und Reisekostenbeteiligung" in Höhe von 1200 Euro erhalten. Festival-Leiterin Katja Lucker findet diese Boykott-Begründung lächerlich: Ihr Event habe einen Gesamtetat von 1,4 Millionen Euro – und zahlreiche weitere Unterstützer und Sponsoren.

Lucker: "Ich finde diese sogenannte Israelkritik wirklich antisemitisch, ich finde das ist ganz falsch! Das ist unser Standpunkt, unsere Haltung: Egal, wie lange, wie oft und wie viel wir da boykottiert werden, wir werden niemals davon abweichen, mit Israel zu arbeiten." 

"Kampagne richtet sich gegen das Existenzrecht Israels"

Berlin-Mitte, in einem Bürobau mit Sandsteinfassade. Eine schwere Tür mit mehreren Kameras. Kein Schild, kein Name. Nichts weist darauf hin, dass hier das American Jewish Committee ein Büro hat – eine Sicherheitsmaßnahme aus Furcht vor möglichen Anschlägen. Die jüdische Organisation, die weltweit gegen Antisemitismus kämpft, bereitet derzeit eine Broschüre vor über die internationale Boykott-Bewegung, die sich BDS nennt und nach eigenen Angaben über 170 Unterstützergruppen hat. Für AJC-Pressesprecher Fabian Weißbarth hat die Kampagne einen eindeutig antijüdischen Hintergrund.

Weißbarth: "Diese Kampagne richtet sich gegen das Existenzrecht Israels und richtet sich gegen den demokratischen und jüdischen Staat dort." 

Nach Ansicht des AJC will die Boykott-Bewegung letztlich Israel von der Landkarte tilgen, deshalb seien viele BDS-Aktivisten auch gegen eine Zweistaatenlösung.

Weißbarth: "Sie wollen einen Staat haben, einen Staat Palästina, in dem dann die Mehrheit, die dann palästinensisch sein wird, die Macht hat." 

Das AJC hat Belege gesammelt, dass auch extremistische Gruppen bei der weltweiten BDS-Kampagne mitwirken – wie die Hamas und die Volksfront zur Befreiung Palästinas.

Weißbarth: "Bei BDS gibt es eine strukturelle Verbindung zwischen zivilgesellschaftlichen Akteuren und terroristischen Akteuren."

Zwei Kilometer weiter, im Foyer einer großen Berliner Universität: brauner Marmorboden, weiße Säulen. Eine kleine Frau kommt herein, die - als Halsschmuck – einen goldenen Koran-Anhänger trägt: Nadine Taufik – Palästinenserin und Berliner BDS-Aktivistin. Der Name Taufik ist allerdings ein Pseudonym; aus Angst vor dem israelischen Geheimdienst sowie vor einem Shitstorm im Internet wolle sie lieber anonym bleiben, erklärt die Wissenschaftlerin.

In ihrer Berliner BDS-Gruppe seien 40 bis 50 internationale Aktivisten tätig, darunter auch kritische Juden. Sie alle kämpften gegen die Besetzung der Palästinensergebiete, gegen illegale Siedlungen und für die Rückkehr palästinensischer Flüchtlinge. Den Vorwurf, die Boykottbewegung sei antisemitisch, weist Taufik zurück.

Taufik: "Also die palästinensisch angeführte Menschenrechtsbewegung hat ganz klar gemacht, dass es nicht darum geht, Menschen zu exkludieren, jüdische Menschen, sondern es geht darum, einen Staat anzuprangern. Und ich sehe nicht, wie die Kritik eines Staates antisemitisch sein kann."

Die BDS-Aktivistin möchte sich jedoch nicht zum Existenzrecht Israels äußern. Ihre Begründung: "Existenzrecht" sei kein juristischer Begriff. Auch zu einer Zweistaatenlösung will Taufik keine Stellung nehmen. 

Taufik: "Also die palästinensische Boykottbewegung hat sich dazu entschlossen, zur Staatenfrage sich nicht zu positionieren."

Ebenfalls unklar bleibt ihre Antwort auf die Frage, ob auch Terrororganisationen Teil der BDS-Kampagne sein könnten. 

Taufik: "Es geht bei BDS um eine internationale, dezentrale Bewegung, um Netzwerke. Da geht es eben gerade darum bei Netzwerken, dass man keine Mitglieder hat. Da zahlt niemand irgendwie einen Mitgliedsbeitrag. Ich weiß nicht, wer wie wo BDS gutfindet. Ich möchte mich… also… deswegen ist es… das bringt uns nicht weiter." 

Katja Lucker, die Leiterin des Berliner Pop-Kultur-Festivals, bilanziert: Viele Künstler, die mit BDS sympathisierten, hinterfragten die Boykottkampagne nicht. Die Musiker wollten nicht sehen, dass die Bewegung letztlich die Existenz Israels in Frage stelle.

"Israelische Botschaft verurteilt BDS-Bewegung"

Lucker: "Diese ganzen Gedankengänge, die dahinterstehen, werden von den Künstlern nicht gemacht. Weil sei einfach, glaube ich, denken: Oh, mein Gott! Alle, alle solidarisieren sich mit Palästina, ich muss das auch machen! Das ist das Richtige. So wie damals vielleicht 'Atomkraft – Nein danke!'. Reflexhaft zu sagen: Dieses Festival nimmt das Geld von der israelischen Botschaft in Berlin, da dürfen wir nicht dabei sein!"

Die Israelische Botschaft in Berlin verurteilt die BDS-Bewegung als eine Kampagne, die "durch Hass motiviert" ist. Kritik an den Boykott-Aktionen kommt auch aus der deutschen Politik. So verurteilte der Bundestag Ende April die Kampagne. In der Parlamentsdebatte erinnerte unter anderem der CSU-Abgeordnete und Ex-Bundesminister Christian Schmidt an die deutsche NS-Vergangenheit. 

Schmidt: "Wer Boykottbewegungen unterstützt, nimmt die Plakate des 1. April 1933 wieder auf, auf denen stand: 'Kauft nicht bei Juden!' – Das ist eine völlig inakzeptable, zu verwerfende und zutiefst antisemitische Verhaltensweise."

Und vor einem Monat entschied das Berliner Abgeordnetenhaus, BDS keine Räume und keine öffentlichen Zuschüsse zur Verfügung zu stellen – ähnlich wie es bereits die Städte München und Frankfurt am Main getan haben. Auch das Berliner Pop-Kultur-Festival bezieht klar Position: Man werde sich vom neuen Boykottaufruf keinesfalls einschüchtern lassen, so die Organisatoren. Zugleich möchte das Festival den Unterschied deutlich machen zwischen Boykott und zulässiger Kritik an der Politik Israels.

Deshalb soll es beim Event im August auch eine Podiumsdiskussion geben zur BDS-Kampagne – und zwar mit der preisgekrönten israelischen Schriftstellerin Lizzy Doron. Die Tochter einer Holocaust-Überlebenden setzt sich einerseits mit der israelischen Besatzungspolitik kritisch auseinander, andererseits auch mit Boykottfragen. Festival-Leiterin Katja Lucker will mit dem Gespräch ein Zeichen setzen für den Dialog.

Lucker: "Boykott heißt, Leute dazu aufzufordern, etwas nicht zu tun. Geht da nicht hin! Das ist das Gegenteil von Dialog. Und darum geht es auch gar nicht. Wir wissen doch alle, dass es BDS nicht um Dialog geht. Sondern die Hintergründe sind eben ganz andere."

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