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Tonart | Beitrag vom 25.07.2017

BBC Proms Sommerkonzerte"Von Scott Walkers Musik fühlte ich mich als Dirigent angezogen"

Jules Buckley im Gespräch mit Carsten Rochow

Der Sänger Scott Walker im Jahr 1967. ( imago/United Archives International)
Der Sänger Scott Walker im Jahr 1967. ( imago/United Archives International)

Bei den Sommerkonzerten der BBC, den BBC Proms, werden in diesem Jahr Frühwerke des Popgenies Scott Walker aufgeführt. Dirigent Jules Buckley entschied sich für Walker, "weil seine Musik so anspruchsvoll ist und das Orchester auf den frühen Platten eine so wichtige Rolle spielt".

Scott Walker wurde in den 1960er-Jahren als Sänger der Walker Brothers mit melancholischen Songs wie "Make It Easy On Yourself", "The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore" und später mit "No Regrets" zum Teenageridol.

Doch The Walker Brothers, die vor allem in Großbritannien große Erfolge feierten, waren mehr als eine Popband. Tiefe und Kontext ihrer Songs gingen über den Rahmen leicht verdaulicher Chart-Nummern deutlich hinaus.

So auch das Solowerk des Bandleaders, das über die Jahre immer düsterer und experimenteller wurde. Nach der Jahrtausendwende etablierte sich Scott Walker als Avantgarde-Komponist, wie er es schon auf dem letzten Album der Walker Brothers 1978 angedeutet hatte.

Wichtige Inspirationsquelle

Heute ist Scott Walker 74 Jahre alt. Seit 2006 hat er fünf Alben inkl. zweier Soundtracks veröffentlicht - mehr als in den 30 Jahren davor. Der in London lebende US-Amerikaner gilt heute als extrem einflussreich. Zu seinen prominenten Fans gehörten auch David Bowie und Leonard Cohen. Bands und Künstler wie Radiohead, Goldfrapp und Jarvis Cocker nennen ihn als Inspirationsquelle.

Und der Ex-Pulp-Mastermind wird neben John Grant und anderen Sängern als Special Guest in der Royal Albert Hall beim Scott Walker Prom dabei sein. Bei den traditionellen Sommerkonzerten der BBC, den BBC Proms, widmet sich der Dirigent Jules Buckley in der Royal Albert Hall in London mit seinem Heritage Orchestra dem frühen Solowerk von Scott Walker. Im Interview mit der "Tonart" erklärt er, was an der Musik von Scott Walker so reizvoll ist.

Das Interview im Wortlaut:

Carsten Rochow: Mr. Buckley, das Material, das sie heute spielen, ist zwischen 1967 und 1970 entstanden. Seine eigenen Kompositionen hat Scott Walker noch nie live gespielt. Wie fühlt sich das an, sie jetzt endlich auf eine große prominente Bühne zu bringen?

Jules Buckley: Das ist ein einzigartiges Projekt, das verschiedene Kuratoren und Künstler immer wieder versucht haben zu verwirklichen. Das hat nie geklappt aus verschiedenen Gründen. Und deshalb ist es eine Ehre und ein Privileg, jetzt dabei zu sein.

Carsten Rochow: Warum haben Sie sich für dieses Projekt entschieden? Ist es Ihre persönliche Begeisterung für das Frühwerk von Scott Walker, oder gab es andere Gründe, zum Beispiel die Aktualität dieses Werks?

Jules Buckley: Wir haben nach einem Projekt gesucht, das zu den BBC Proms passt, aber auch etwas ganz besonderes ist. Nach den Projekten, die wir mit Quincy Jones, Laura Mvula und anderen gemacht haben, wollten wir dieses Jahr etwas ganz Besonderes machen. Auf Scott Walker kamen wir, weil seine Musik so anspruchsvoll und komplex ist und das Orchester auf den frühen Platten eine so wichtige Rolle spielt. Davon fühlte ich mich als Dirigent gleich angezogen.

Carsten Rochow: Scott Walker ist ein Mann, den man schwer einschätzen kann, es gab eine Phase, da galt er als wahnsinnig. Er gibt selten Interviews und wenn, dann gibt er sich eher wortkarg. Er war zu Gast in Jarvis Cockers BBC6 Radiosendung am Sonntag, und dort wirkte er allerdings ganz entspannt. Er sagte, er sei überrascht, dass ihm ein Prom gewidmet wird und hätte nichts dagegen, dass seine Songs gespielt würden. Er fühle sich sogar geehrt. Überrascht Sie diese Reaktion?

Jules Buckley: Nein, um ehrlich zu sein, überrascht mich das nicht. Die Bilder, die die Medien von Künstlern zeichnen, sind oft völlig übertrieben und haben nicht viel mit der Wirklichkeit zu tun. Und ehrlich gesagt, interessiert mich das auch nicht. Dass Scott Walker unser Projekt befürwortet, freut mich sehr. Es bestärkt uns in unserer Arbeit, und ich hoffe, dass etwas wirklich Schönes dabei herauskommt.

Die Songs werden zum ersten Mal aufgeführt

Carsten Rochow: Die Songs der ersten vier Soloalben von Scott Walker haben in ihrer ursprünglichen Version schon üppige Streicher- und Bläser-Arrangements. Ich denke mal, dass Sie in der Royal Albert Hall mehr machen werden, als diese Arrangements nachzuspielen?

Jules Buckley: Diese Song werden sogar zu allerersten Mal aufgeführt! Ein interessanter Umstand unseres Konzeptes war, dass Scott Walker mit Angela Morley und Reg Guest zusammengearbeitet hat, diesen unglaublichen Arrangeuren der 1960er-Jahre. Wir geben die Songs einerseits originalgetreu wieder, andererseits bauen wir sie etwas aus und machen sie kraftvoller für die Bühne.

Carsten Rochow: Und dabei arbeiten Sie mit verschiedenen Sängern zusammen wie Jarvis Cocker, John Grant, Richard Hawley, Susanne Sundfør – was bringen die in das Projekt ein?

Jules Buckley: All diese Künstler sind einzigartig, sie alle bringen ihre eigene individuelle Stimme ein. Und sie geben Scott Walkers Songs aus ihrer eigenen Perspektive wieder, drücken aus, was sie ihnen bedeuten. Das werden also keine plumpen Karaoke-Versionen, sondern es gibt einige Überraschungen wie zum Beispiel die norwegische Sängerin Susanne Sundfør. Sie ist phänomenal, und sie steht noch relativ am Anfang ihrer Karriere. Und in der Kombination mit Sängern wie Richard Hawley und John Grant ist das die richtige Mischung zur richtigen Zeit.

Carsten Rochow: Scott Walker schaut nicht zurück, er hört sich seine alten Alben nicht mehr an. Vor allem nicht die eigenen Stücke. Als Grund nennt er, dass er nur die Mängel und Fehler hören würde und nicht die Musik. Was würden Sie ihm sagen, um ihn zu überzeugen, zur Scott-Walker-Prom-Nacht zu kommen?

"Komm und schau es dir an, es wird dir gefallen!"

Jules Buckley: Gute Frage. Wie würde ich Scott Walker überzeugen, zu den Proms zu kommen? Ich glaube, ich würde sagen: Dort gibt es Tausende Menschen aus der ganzen Welt, die sich seit Jahren danach verzehren, diese Werke einmal aufgeführt zu erleben. Und was wir machen können, ist diese Songs respektvoll wiederzugeben, mit zeitgenössischen Künstlern, die sich auf der Höhe ihrer Schaffenskraft befinden. Ich würde sagen: 'Komm und schau es dir an, es wird dir gefallen!'. Ja, ich glaube, er wäre angenehm überrascht.

Carsten Rochow: Wird es das Scott Walker Projekt noch in anderen Städten geben oder ist das heute eine einmalige Angelegenheit?

Jules Buckley: Ich denke, das wird vielleicht eine einmalige Sache bleiben. Es ist so viel Arbeit für uns gewesen, so viele Monate stecken da drin… Wir schauen erst einmal nur auf dieses Konzert. Was die Zukunft bringt, können wir diskutieren, wenn das Konzert hinter uns liegt.

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