Der Bauzaun

Allzweckwaffe deutscher Ordnungspolitik

04:03 Minuten
Bewohner von einem in Quarantänte gestellten Wohnkomplex stehen am Zaun und klatschen während einer Kundgebung.
Ohne Vorwarnung: Im Juni 2020 wurde in Göttingen ein Hochhauskomplex unter Verweis auf den Infektionsschutz mit Bauzäunen abgeriegelt. © picture alliance/dpa / Swen Pförtner
Ein Kommentar von René Schlott · 01.12.2021
Audio herunterladen
In Deutschland begegnen sie einem nahezu überall: Bauzäune. Seit Corona umschließen sie auch Spielplätze, Parkbänke und Seen. Für den Historiker René Schlott sind Zäune der Preis, den eine Gesellschaft zahlt, in der Sicherheit mehr gilt als Freiheit.
Achten Sie einmal darauf, wann Sie heute auf dem Weg zur Arbeit oder beim Gang durch die Stadt, zum ersten Mal eines dieser rechteckigen Drahtgestelle sehen. Unser Land erlebt derzeit eine Inflation der metallenen Ungetüme, die an Hässlichkeit kaum zu überbieten sind. Sie begegnen einem nahezu überall: Bauzäune.
Seit 2005 hat der Bauzaun einen eigenen Wikipedia-Eintrag, in dem es heißt: „Die Bezeichnung ‚Bauzaun‘ (…) ist abgeleitet vom ursprünglichen Zweck, der Absicherungen von Baustellen. Heute kommen meist standardisierte 3,50 m lange und 2,00 m hohe verzinkte Drahtgitterelemente mit (...) Bauzaunfüßen aus Beton oder Recyclingkunststoff zum Einsatz.“
Die Bauzaunfüße wiederum haben einen eigenen Wikipedia-Artikel, der in einer einzigen Sprache existiert: deutsch. Über den Bauzaun selbst weiß Wikipedia weiter zu berichten: „Bauzäune sind vielfältig einsetzbar.“

Von Bauzäunen umschlossene Spielplätze

In der Tat, in den letzten zwei Jahren wurden uns allen die vielen Einsatzmöglichkeiten der Trennelemente eindrucksvoll vor Augen geführt. Ich erinnere mich an die von Bauzäunen umschlossenen Spielplätze im Frühjahr 2020, und an einsame Parkbänke, die von gleich drei Bauzäunen „abgesichert“ wurden.
Ich sehe noch die Bilder aus Konstanz, wo plötzlich ein Bauzaun an der zuvor unsichtbaren Grenze zur benachbarten Schweiz aufgestellt wurde, der schließlich sogar verdoppelt werden musste, um Abstand zwischen den getrennten binationalen Paaren zu schaffen, die sich hier trafen, um sich zumindest durch den Zaun hindurch noch berühren zu können.
Da die deutsche Pandemiepolitik vor allem auf den simplen Prinzipien Ausschluss und Einschluss – so die wörtliche Bedeutung von Lockdown – beruhte und beruht, nahm die Invasion der Bauzäune kein Ende. Es war beängstigend zu sehen, wie schnell die oft der Trägheit geschmähten deutschen Verwaltungen agierten, als es darum ging Menschen ein- oder auszuschließen und flächendeckend Trennelemente zu errichten.

Erzieherinnen, die Streife laufen

In einem Berliner Vorort wurde der Zugang zum See im März 2020 mit einem Bauzaun abgeriegelt, vor dem die Erzieherinnen der geschlossenen Kindertagesstätten auf Bitten des Bürgermeisters Streife liefen, um zu verhindern, dass jemand den Zaun überwinden könnte.
Wenige Monate später liefen in der „Tagesschau“ Bilder, auf denen die von Bauzäunen umschlossenen Massenunterkünfte der osteuropäischen Arbeiter aus den Billigfleischfabriken in Ostwestfalen zu sehen waren. Hinter den Zäunen Menschen mit verängstigten Gesichtern, vor den Zäunen Soldaten in Uniform und Zivilisten, die Toastbrote herüberreichten.
Ich werde nie vergessen, wie sich ein Professor mit Einfamilienhaus und Garten darüber empörte, dass viele Arbeiter vor der Errichtung des Zaunes die Flucht ergriffen hatten und zu ihren Familien gefahren waren. Die Errichtung von Zäunen offenbart immer wieder auch ein erschreckendes Maß an Empathielosigkeit – wie man derzeit auch wieder an der belarussisch-polnischen Grenze beobachten muss.

Gestörte Ästhetik, "gesunde" Funktionalität

Und die nun um die Weihnachtsmärkte errichteten Bauzäune beweisen einmal mehr, dass es hierzulande ein gestörtes Verhältnis zur Ästhetik, aber eine sehr gesunde Beziehung zur Funktionalität gibt.
Das zeigte sich auch im Juni 2020 als in Göttingen ein als sozialer Brennpunkt bekannter Hochhauskomplex unter Verweis auf den Infektionsschutz mit Bauzäunen abgeriegelt wurde, um die mehr als 700 Bewohnerinnen und Bewohner, darunter viele Kinder, ohne Vorwarnung festzusetzen. Als die in ihren ohnehin prekären Wohnverhältnissen Eingeschlossenen protestierten, setzte die Polizei Tränengas ein.
Selbstgerechte Gesellschaften verdrängen solche Bilder gern – doch sie werden als Zeitzeugnis für die „neue Normalität“ der deutschen Pandemiegesellschaft bleiben. Zäune sind der Preis, den eine Gesellschaft zahlt, in der Sicherheit mehr gilt als Freiheit – und sie sind letztlich ein fatales Symbol des Scheiterns. Denn, wenn eines beim Blick in die Geschichte gewiss ist: Genauso wie jede von Menschen errichtete Mauer irgendwann gefallen ist, so ist auch noch jeder Zaun durchtrennt worden.

René Schlott ist Historiker und Publizist in Berlin.

© Angela Ankner/anknerfotografie
Mehr zum Thema