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Interview | Beitrag vom 27.07.2019

Bautzen Kampf gegen das braune Image

Alexander Ahrens im Gespräch mit Shanli Anwar

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Alexander Ahrens, Bürgermeistervon  Bautzen, bei einem Diskussionsabends im Bautzener Burgtheater. (imago images / xcitepress)
Alexander Ahrens, Bürgermeister von Bautzen. Er lebt seit zwölf Jahren in der Stadt und kam wegen der Lebensqualität. (imago images / xcitepress)

"Wann, wenn nicht jetzt" heißt ein Kulturprogramm, das vor den ostdeutschen Landtagswahlen Bürger stärker ins Gespräch bringen will. Heute ist die Initiative in Bautzen, wo Bürgermeister Alexander Ahrens für den guten Ruf seiner Stadt wirbt.

Shanli Anwar: Was kann Kultur eigentlich alles bewirken? Im besten Fall Einblick und Verständnis für andere Lebenswelten, vielleicht gelingt sogar ein Dialog? Das scheint die Hoffnung der Veranstalter des Kulturprogramms "Wann, wenn jetzt nicht jetzt?" zu sein, ein Zusammenschluss der zivilgesellschaftlichen Linken. Den Mitgliedern geht es darum, vor den Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen auf ostdeutschen Marktplätzen gegen Rassismus und soziale Spaltung Stellung zu beziehen.

"Fazit" live aus Bautzen

Heute ist "Wann, wenn jetzt nicht jetzt?" im sächsischen Bautzen unterwegs. Wir werden über die Kulturveranstaltung dort in unserer Sendung "Fazit" live berichten. Als Einstimmung spreche ich mit dem Bautzener Oberbürgermeister Alexander Ahrens von der SPD gesprochen und ich wollte von ihm als erstes wissen: Bautzen ist eine wunderschöne Stadt, die allerdings eher mit negativen Schlagzeilen aufgefallen ist. Nach rassistischen Übergriffen vor bald drei Jahren hat die Stadt den Ruf, eine stark rechtsextreme Szene zu haben. Wie gehen Sie denn mit diesem Ruf um? 

Alexander Ahrens: Das ist ein Ruf, der mich fast täglich beschäftigt und auch nachhaltig ärgert, weil er zum Lebensgefühl der allermeisten Menschen hier in der Stadt einfach nicht passt. Wir erleben das auch immer wieder, wenn wir Leute haben, die die Stadt trotzdem besuchen, wenn ich das mal so formulieren darf: Die sind dann immer völlig überrascht, nicht nur so eine schöne Stadt zu erleben, sondern zu sagen, ja, das ist ganz anders als ich das erwartet hätte. Wir hatten sogar im Jahr 2017 mal ein Ehepaar, das sich bei der Touristeninformation beschwert hat: Die kamen aus Westdeutschland, sie seien extra nach Bautzen gefahren, und jetzt würde man gar keine Nazis auf der Straße sehen.

Blick auf die Stadtsilhouette von Bautzen, Altstadtansicht mit Alter Wasserkunst, Orthenburg, Michaeliskirche und Spree. | (picture alliance)Blick auf die Stadtsilhouette von Bautzen (picture alliance)

Anwar: Meine Güte!

Ahrens: Das haben die tatsächlich ernstgemeint.

Anwar: Sowas gibt es auch, Nazi-Tourismus?

Ahrens: Ja, es ist ja bezeichnend, was da für ein Bild der Stadt vermittelt wird. Ich bin nicht in Bautzen geboren, ich lebe jetzt seit fast zwölf Jahren hier, und ich habe es nicht eine Minute bereut, aus Berlin hier weggegangen zu sein. Das liegt nicht daran, dass ich irgendwie rechtskonservativ bin, sondern das liegt daran, dass ich die Lebensqualität als sehr hoch erachte. Natürlich haben wir auch noch gewisse Probleme, um die wir uns kümmern müssen. Es gibt zum Beispiel einen relativ weitverbreiteten, allerdings unreflektierten Alltagsrassismus. Das ist jetzt nicht, weil die Leute schlecht und böse sind, sondern weil sie gewisse Mechanismen noch befolgen, ohne drüber nachzudenken.

Kulturelle Vielfalt birgt Chancen

Anwar: Jetzt sprechen Sie diesen Alltagsrassismus an und gerade da: welche Rolle kann da Kultur spielen, um so etwas zu beheben, dagegenzuwirken?

Ahrens: Kultur kann natürlich dagegen wirken in der Form, dass man sieht, was sind denn die kulturellen Ausprägungen von ethnischer Vielfalt zum Beispiel. Es stand ja in den letzten Jahren mehr im Fokus, nicht nur in Bautzen, sondern bundesweit, was drohen kann, wenn zu viele Flüchtlinge nach Deutschland kämen. Da wird dann immer gerne der Begriff der Überfremdung strapaziert. Davon sind wir in Sachsen allerdings weit entfernt mit einer Ausländerquote von ungefähr drei Prozent.

Ich persönlich, obwohl ich 25 Jahre in Berlin-Neukölln gelebt habe, bin immer noch der Überzeugung, dass eine kulturelle Vielfalt, auch eine ethnische Vielfalt in erster Linie Chancen birgt, wenn man sich aktiv darum kümmert und darum bemüht. Das habe ich in den Jahren in Neukölln gesehen. Es lief eine ganze Zeit schief in Neukölln, hat sich aber über die Jahre dann doch zurechtgeruckelt. Da ist wirklich ein lebenswerter Stadtteil entstanden.

Neukölln wurde früher immer sehr schlecht beschrieben, auch zu einer Zeit, als man ein anderes Lebensgefühl hatte, wurde das als No-go-Area beschrieben. Ich habe das nie so empfunden. Ähnlich geht es uns heute mit Bautzen. Das wird so als politische No-go-Area dargestellt, und auch das geht, wie gesagt, vollkommen an der Realität vorbei.

Auch Berlin-Neukölln litt lange bundesweit unter einem schlechten Ruf.  (Bildagentur-online/Picture-alliance )Neubauten in Berlin-Neukölln (Bildagentur-online/Picture-alliance )

Anwar: Jetzt hat Berlin-Neukölln zum Beispiel den Heimathafen als Kulturstätte. Wie sieht es in Bautzen aus? Gibt es da kulturelle Ereignisse, die dieses Gemeinschaftsgefühl anders verstärken können?

Ahrens: Wir haben das Steinhaus als soziokulturelles Zentrum, in dem wirklich eine ganze Anzahl von Veranstaltungen stattfinden. Es wird immer gerne und sehr leichtfertig mit dem Ruf belegt, es sei irgendwie linksversifft oder ähnliches. Jetzt muss man wissen, dass der Verein, der das Steinhaus trägt, von so linksextremistischen Gruppierungen wie der sächsischen Staatskanzlei und der sächsischen CDU unterstützt wird. Das ist also ein Vorwurf, der ziemlich lächerlich ist. Er wird auch nur von einer relativ kleinen Gruppe erhoben.

Wir haben auch sonst ein sehr breit gefächertes kulturelles Angebot in der Stadt. Wir hatten jetzt gerade vor Kurzem das Folklore-Festival, wo auch Gruppen wirklich aus aller Welt, von Lateinamerika bis tief hinein nach Osteuropa präsent waren und gezeigt haben, was Tradition und kulturelle Traditionen ist; dass das mehr ist als einfach nur ein folkloristisches Farbtupferchen, sondern dass da Identifikationsmerkmale und kulturelle Identitäten dahinterstecken.

Auseinandersetzung mit der AfD  

Anwar: Jetzt sprechen Sie von kultureller Vielfalt in dem Programm. Blicken wir auf die Landtagswahlen in Sachsen am 1. September. In Bautzen hatte die AfD schon bei der letzten Bundestagswahl bundesweit gesehen mit die meisten Stimmen, 33 Prozent, und auch bei der Europawahl war die AfD sehr erfolgreich in Bautzen. Was könnte denn ein Sieg der AfD bei der Landtagswahl für die Kulturpolitik der Stadt bedeuten?

Ahrens: Das ist ein Thema, was ein bisschen überstrapaziert wird. Natürlich weiß ich, dass die AfD hier vor Ort auch zu denen gehört, die die Aktivitäten im Steinhaus immer lauthals beklagen. Ich gehe allerdings davon aus, die sitzen auch im Stadtrat bei uns, dass sich das relativ schnell nivellieren wird. Wenn die jetzt im Stadtrat sitzen, dann haben sie auch mit der Tagespolitik zu tun, dann wird man relativ schnell erkennen können, wenn man das denn will, dass es eben nicht so simpel strukturiert ist, wie die Vorwürfe gerne lauten. Auch von daher mache ich mir nicht allzu große Sorgen um das Ergebnis der Landtagswahl

Anwar: Wobei man ja sagen kann, sobald eine Partei gewählt ist, dann ist auch der Einfluss auf die Kulturpolitik größer, oder nicht?

Ahrens: Ja, natürlich ist der Einfluss dann größer, aber auch das ist ja eine Gelegenheit, dass man dann wirklich mal einen Gradmesser hat, wofür die denn tatsächlich stehen. In Programme kann man viel reinschreiben, und dann wird die Wirklichkeit zeigen, was sie denn tatsächlich wollen. Ich bin immer gerne bereit, die AfD beim Wort zu nehmen.

Ich habe auch mit einer Reihe von Leuten, die sich als AfD-Wähler zu erkennen gegeben haben, darüber diskutiert, was der Herr Höcke sich so wünscht für Deutschland, und habe dann einfach mal ihn beim Wort genommen, wenn er sagt, wir sollen unsere Gedenkkultur um 180 Grad drehen. Was meint er denn damit? Sollen wir jetzt Denkmäler für KZ-Kommandanten bauen? Das kann ja wohl keiner ernsthaft wollen. Das haben auch die ganzen AfD-Wähler gesagt, nein, nein, das will ich auf keinen Fall. Sie haben dann immer gleich nachgeschoben, das meint der ja gar nicht.

Tut mir leid, wenn er so etwas sagt, dann ist das für mich eine der wenigen Interpretationsmöglichkeiten. Da müssen wir das Kind wirklich beim Namen nennen, und das muss sich die AfD dann gefallen lassen. Das ist eine rein inhaltliche Diskussion. Da geht es nicht darum, dass ich die sozusagen verteufele. Für mich ist die AfD eine demokratisch gewählte Partei und dementsprechend müssen wir uns inhaltlich mit ihr auseinandersetzen. Das würde auch auf dem Feld der Kulturpolitik passieren, und ich denke, da würden wir dann sehr interessante Diskussionen kriegen, aus der die Bevölkerung dann ablesen kann, wofür die AfD beim Thema Kulturpolitik steht.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das Programm des Kulturprogramms von "Wann wenn nicht jetzt" finden Sie hier:

Die Sendung "Fazit" sendet heute ab 23 Uhr live aus Bautzen.  

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