Seit 01:05 Uhr Tonart

Donnerstag, 24.10.2019
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 20.02.2011

Baustelle im Kopf

Eveline Crone: "Das pubertierende Gehirn", Droemer Verlag, München 2011, 207 Seiten

Podcast abonnieren

Kein Erziehungsratgeber ist dieses Buch. Doch es leistet Wichtiges: Es erklärt, warum Heranwachsende so seltsame Ideen haben und wirbt bei Eltern und Lehrern um Verständnis für Menschen in dem ganz besonderen Lebensabschnitt Pubertät.

Die Umbauarbeiten im pubertierenden Gehirn sind enorm: aus kleinen gemütlichen Trappelpfaden werden mehrspurige Autobahnen. Ein schönes und vor allem eingängiges Bild, mit dem die Entwicklungspsychologin Eveline Crone in ihrem Buch "Das pubertierende Gehirn" Eltern erklärt, warum Kinder zwischen dem elften und dreizehnten Lebensjahr plötzlich sich so anders verhalten.

Dazu beschreibt die Autorin, die in den Niederlanden ein Institut zur Erforschung der Hirnentwicklung von Kindern und Jugendlichen leitet, ausführlich die aktuellen Forschungsergebnisse zur Gehirnentwicklung. Sie erklärt anhand zahlreicher Studien wie, wann und in welchem Umfang sich die verschiedenen Hirnareale in Laufe des Lebens verändern, und warum das Verarbeiten von Informationen oder das Fällen von Entscheidungen bei Jugendlichen einfach anderen Gesetzmäßigkeiten unterworfen ist als bei Erwachsenen.

Eveline Crone schreibt aus der Perspektive der engagierten Wissenschaftlerin, die neben den zahlreichen und spannenden Forschungsdaten auch großes Verständnis für die Jugendlichen hat. Einen Erziehungsratgeber darf man aber trotzdem nicht erwarten. Dies ist ein wissenschaftliches Buch, das Interessierten Laien die Hintergründe und Ursachen für das Verhalten von Pubertierenden erläutert.

Anhand ausgewählter Fallbeispiele illustriert Eveline Crone die Probleme, die häufig auftauchen. Da ist Susanne, die sich gegen den Rat der Eltern piercen lässt. Sam hat plötzlich Probleme im Mathematikunterricht und weigert sich, am alljährlichen Gemeindefest teilzunehmen und Gabriel unternimmt mit Freunden eine Mutprobe, die lebensgefährlich ist.

Auf die Frage nach dem Warum, hören Eltern häufig: Keine Ahnung! Und das ist keine Ausrede, so Eveline Crone. Jugendliche können ihr Verhalten oft nicht erklären. Denn das Abwägen und Einschätzen von Risiken sowie die Krontolle von Impulsen findet im Präfrontalen Kortex statt. Einer Hirnregion, die im vorderen Stirnbereich liegt, und die zwischen dem zwölften und zwanzigsten Lebensjahr besonders stark im Umbau ist. Zur gleichen Zeit ist das Belohnungszentrum im Gehirn, der Nucleus accumbens, bei Heranwachsenden hyperaktiv. Das heißt: auf der eine Seite ist der Wunsch nach Belohnung und Anerkennung durch Freunde enorm groß; auf der anderen Seite ist die Risikoabwägung noch nicht voll funktionsfähig, um Gefahren anzuzeigen.

Eveline Crone Ton ist angenehm unaufgeregt. Sie erklärt eingängig, wirbt für Verständnis und zeigt mitunter zahlreiche Stärken auf, die diese aufregende Zeit mit sich bringt. So haben Teenager ein enormes Potential, Höchstleistungen zu erbringen, die im Erwachsenenalter kaum noch möglich sind. Insofern liegt in dieser Zeit auch eine Chance. Auch daran sollten Eltern denken.

Besprochen von Susanne Nessler

Eveline Crone: Das pubertierende Gehirn. Wie Kinder erwachsen werden
Aus dem Niederländischen von Bärbel Jänicke
Droemer Verlag, München 2011
207 Seiten, 14,99 Euro

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

Der BriefromanIrrwege der Literatur
Mit einem Federhalter wird auf einem Stück Papier geschrieben. (imago/imagebroker/theissen)

Das Briefeschreiben ist längst aus der Mode. Wer heute Nähe oder Flirt sucht, greift zur Maus, nicht zum Stift. Ist damit auch der Briefroman tot? Ein literarisches Genre mit wilder Blütezeit und zarter Renaissance.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur