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Länderreport | Beitrag vom 19.05.2020

Bauskandal in NRWLeverkusener Rheinbrücke verzögert sich um Jahre

Von Thorsten Poppe

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Ein chinesischer Arbeiter vor einer grossen Stahllieferung, 9.Mai 2020. (Getty/Barcroft Media/Costfoto)
Gebe es auch in NRW, wurde aber in Asien geordert: Für den Bau der Rheinbrücke in Leverkusen werden auch Stahlteile benötigt. (Getty/Barcroft Media/Costfoto)

Es ist das wichtigste Verkehrsprojekt in Nordrhein-Westfalen: der Neubau der Leverkusener Autobahnbrücke. Doch das Bundesland kündigte der Baufirma. Denn in Asien bestellte Stahlbauteile hatten Mängel.

Helmut Schmitz ist sauer. Der Spediteur sitzt in Puhlheim, einem Vorort von Köln, nicht weit von der A1 entfernt. Dort führt die Autobahn auf die Leverkusener Brücke über den Rhein, doch dieses Verkehrsnadelöhr ist seit Jahren wegen Einsturzgefahr für Lkw gesperrt.

"Diese Umwegfahrten unserer Kraftfahrer bedeutet für uns einen Mehraufwand pro Monat von circa 10.000 Euro."

Erst als es nicht mehr ging, reagierten der Bund und das Land NRW. Sie schoben den Neubau im Rekordtempo voran. Dafür musste aber gleichzeitig die mittlerweile einsturzgefährdete Brücke für die schweren Lkws gesperrt werden. Die müssen seitdem zwischen sieben oder maximal 40 Kilometer Umweg pro Strecke in Kauf nehmen, je nachdem wohin sie fahren.

Land NRW kündigte Baufirma

Die Hoffnungen von Spediteuren, Berufspendlern und Anwohnern ist der Neubau gewesen. Doch das Land NRW kündigte jetzt der Baufirma, weil diese fehlerhafte Stahlträger aus China verwenden wollte.

Für den Spediteur Helmut Schmitz das Worst-Case-Szenario. Denn hier ist auf billige Bauweise gesetzt worden, anstatt auf Qualität und Nachhaltigkeit:

"Da muss ich mich sehr wundern. Auch beim Wissen, dass die Globalisierung und damit die europäische Ausschreibung Voraussetzung ist, sollten wir doch wissen, dass wir auch Stahl in Deutschland produzieren. Ich verstehe nicht, dass ein österreichisches Unternehmen chinesischen Stahl liefert, der nicht verwendet wird. Obwohl der gleiche Stahl oder vielleicht besserer Stahl bei uns die Ecke rum in Nordrhein-Westfalen hergestellt wird."

Die Baustelle der Leverkusener Rheinbrücke in Köln Merkenich. (imago)Leverkusener Rheinbrücke in Köln (imago)

Nun gilt einen Baustopp. Eine neue Ausschreibung muss her und ein neues Bauunternehmen gefunden werden. Doch die sind gerade alle sehr gut im Geschäft, trotz Corona. Schließlich sind noch mehr Brücken und Straßen im Land marode. Vor 2025 wird die neue Brücke den Rhein nicht überspannen.

Früher fuhr die Fähre jede halbe Stunde

Auf der Kölner Seite erlebt man die Verschiebung gelassener als in Leverkusen. Die Stadt ist weit weg, der Stadtteil Merkenich hier am Ende Kölns liegt nicht direkt an der Autobahn und besitzt fast noch dörflichen Charakter.

Anwohner Jürgen Gäbel erinnert sich an die Zeit, als es noch gemütlicher zuging und es noch gar keine Brücke gab:

"Die Frauen sind dann bei uns mit der Fähre nach Leverkusen einkaufen gefahren. Da war die alte Brücke noch gar nicht fertig. Da sind die die Fährgasse hinuntergegangen, dann kam die Fähre, die fuhr immer alle halbe Stunde."

In Leverkusen ist die Empörung dagegen groß. Hier wird nun eine alte Idee wieder heftig diskutiert, die die Politik immer kleinhalten wollte: Ein Tunnel unter dem Rhein hindurch, anstatt einer Brücke.

Bürgerinitiativen fordern einen Tunnel

Immo Filzek begleitet schon seit Anfang der Planungen den Bau für "LEV muss leben", einer übergeordneten Dachorganisation von mehr als zehn Bürgerinitiativen. Er verweist auf die aus seiner Sicht vielen Vorteilen der Tunnellösung für die Bürger. Er ist der Ansicht, "dass mit dem Rheintunnel eine wesentlich schnellere Lösung geschaffen werden könnte und die Verkehrsbehinderungen um mehrere Jahre früher beseitigt werden könnten. Damit würden die Einsparungen für die Unternehmen mehrere Milliarden Euro, mehr als die Baukosten betragen. Wenn die Verkehrsminister in Berlin und Düsseldorf das wollten, könnten sie viel, sehr viel für die Bürger im Land und in der Stadt tun."

Gerade für die Leverkusener ist dieses Thema im Alltagsleben spürbar. Denn die Brücke und die danach folgende Autobahn durchschneiden die Stadt in zwei Hälften. Zudem dort das Werk des Chemieunternehmens Bayer liegt und dessen ehemalige Giftmülldeponie. Letztere könnte mit einer Tunnellösung komplett aus dem Baugeschehen ausgeklammert werden, anders als bei der Brückenlösung.

Die Bürgerinitiativen, die sich unter dem Dach von "LEV muss leben" zusammengetan haben, sammelten für diese Lösung noch im vergangenen Jahr allein 23.000 Unterschriften. Auch um die Lebensqualität in der Stadt zu erhöhen, die um die Autobahn stetig gewachsen ist, wie Filzek deutlich macht:

"Sie können sich vorstellen, welchen Lärm das verursacht und wie viele Abgase in der Stadt verteilt werden. Das Schlimmste aber ist die Belastung der Luft mit Feinstäuben. Sie führt zu Atembeschwerden. All das könnte vermieden werden, wenn die Autobahn unter die Erde verlegt würde. Es gibt dann keinen Lärm mehr, die Abgase und Feinstäube könnten herausgefiltert und entsorgt werden."

Diskussion ist zurück

Doch jetzt sei erst einmal noch mit der Großbaustelle und den dadurch verursachten Einschränkungen im Verkehr bis mindestens 2025 zurechtzukommen, ergänzt er im Gespräch. Die Politik wird jedenfalls von einer Diskussion eingeholt, die sie schon längst für erledigt betrachtet hatte.

Mit einem schnellen Planfeststellungsverfahren für den Neubau der Brücke sollten Tatsachen geschaffen werden, anstatt jahrelange Diskussionen darüber zu führen. Durch den Baustopp sieht sich die Politik aber dieser Diskussion erneut und wiederholt ausgesetzt.

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