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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 01.03.2019

Bauer sucht Bachelor und anderer TrashThe show must go down!

Ein Kommentar von Kerstin Hensel

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"Ex-Bachelor" Sebastian Pannek mit TV-Kandidatin Clea-Lacy Juhn im November 2017
"Ex-Bachelor" Sebastian Pannek mit TV-Kandidatin Clea-Lacy Juhn in Köln-Hürth im November 2017. Das Paar trennte sich nach der Sendung wieder.

Die TV-Show "Der Bachelor" ist gerade vorbei. Am Sonntag startet "Bauer sucht Frau". Man kann ein Leben ohne solche TV-Ereignisse führen. Wenn man damit aber in Kontakt kommt, hat es Auswirkungen auf die Psyche, meint Autorin Kerstin Hensel.

Der Alptraum: im Krankenhaus, offenbar der Genesung meiner Bettnachbarinnen dienend, sämtliche Kuppel-, Casting- und Reality-Shows sehen zu müssen, die das Privatfernsehen bietet: vom "Bachelor", "Bachelorette", über "Frauentausch"; Bauer, Schwiegermutter, Superstar oder Topmodel gesucht, bis hin zum Dschungelcamp; "plötzlich arm, plötzlich reich", die Wollnys, die Geissens, Love Islands, Big Loser und dergleichen mehr.

Frag ich mich doch: Was hält so viele Zuschauer Staffel für Staffel vorm Bildschirm, wenn sie sich diesen im wahrsten Sinne des Wortes Vorführungen hingeben? Die Antwort meiner Bettnachbarinnen: Das sei spannend! So viele geile Typen und Tussen. Aber auch die kranken Assis! So lustig und direkt aus dem Leben gegriffen!

Aus welchem Leben?

Da wird in durchschaubarer, gleichsam durchtriebener Medienmanier, an diffuse Sehnsüchte gerührt, deren Erfüllung keiner Realität standhalten. Weder derer, die für diese Shows gecoacht und gekauft wurden, noch derer, die sie konsumieren. Ich habe nichts gegen Bizarres oder Trash, doch was da dem Fernsehpublikum geboten wird, ist pure Menschenverachtung. Egal in welchem sozialen Milieu die Shows angesiedelt sind. 

Armseliges Frauenbild, ein gigantischer Medienbluff

Da werden, wie beispielsweise beim "Bachelor", für ein zwischen Nutte und Büromäuschen changierendes Frauenbild zurechtgemodelte Kandidatinnen zu einem Junggesellen-Schönling in den Ring gestellt, der sie alle im Laufe der Zeit mit seinem gefakten Charme und verkitschten Rosenkavaliergehabe knockout säuselt. Einschließlich der am Ende ausgelosten Herzdame. Da wird geknutscht, gezickt, gehetzt, geheult, gehofft. Der einfältige Zuschauer hält alles für echt und fiebert mit im Kampf um die große Liebe, das heißt um den großen Bluff.

In den Prekariershows ist das Niveau noch niedriger. Armselige Glotzer delektieren sich an meist noch armseligeren Menschen, die ihre geistigen, sozialen und mitunter körperlichen Einschränkungen im TV öffentlich machen. Die armen Teufel lassen sich als Trottel inszenieren. Für ein paar Kröten, die man ihnen für diese Bloßstellung zahlt, für das falsche Versprechen, ihnen aus ihrer Verlorenheit zu helfen. Ahnen sie nicht, welch demütigendes Spiel mit ihnen gespielt wird? Merken sie nicht, dass das dumme, infantile Geschwätz der Kommentatoren dem Lächerlichen die Krone aufsetzt?

Formate erzeugen Hass und Selbsthass

Oder die Shows, in denen Arm und Reich ihre Rollen tauschen: aufeinander gehetzte Klischees, die die Verachtung der Milieus gegenseitig noch verstärken. Nicht Toleranz und Verständnis sind Folge dieses Menschenexperiments, sondern Hass und Selbsthass. Ein Zynismus ohnegleichen!

Die Opfer unter den Beteiligten, und das sind die meisten, werden von denen verlacht und verachtet, die sich höher gestellt dünken. Das ist der Spaß, von dem sie nicht genug haben können: anderen beim Verlieren oder Vernichtetwerden zuzugucken. Der Spielplatz der Perversen, das Internet, sammelt dazu Kommentare.

Ob Liebessucher, Glamour- oder Fäkalfetischisten, ob Möchtegernmodels oder verpeilte Superstars, ob Armutsexhibitionisten oder Millionärsspanner – mit Instinkten, Ängsten und Erfolgsträumen werden gnadenlos Geschäfte gemacht. Die Produzenten scheuen keine Demütigung, um Narzissmus, Voyeurismus, Sexismus, Hemmungslosigkeit, Verblödung sowie die zunehmende Darstellungssucht unserer Gesellschaft in den Fokus zu rücken. Mit Erfolg.

Die Resonanz in vielen Medien, ob euphorisch oder kritisch, ist gigantisch. Und jeder verdient daran. Auch ich, beim Deutschlandfunk Kultur, in eben diesen Minuten.

Die Schriftstellerin Kerstin Hensel (dpa / picture alliance / Jens Kalaene)Die Schriftstellerin Kerstin Hensel (dpa / picture alliance / Jens Kalaene)Kerstin Hensel: Jahrgang 1961, geboren in Karl-Marx-Stadt, Autorin von Romanen, Gedichten, Theaterstücken, Essays. Sie arbeitet als Poetik-Professorin an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" in Berlin. Mehr Infos unter: www.kerstin-hensel.de.



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