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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 15.12.2019

Basketballer und Comedian Tan Çağlar"Ich bin Rollstuhlfahrer und würde gern Stand-up machen"

Von Elmar Krämer

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Tan Caglar sitzt im Schneidersitz auf dem Boden in einem hell ausgeleuchteten Fotostudio und schaut nach links auf einen Rollstuhl. Rechterhand liegt ein Baskettball. (Angela Wulf)
"Rollt bei mir": der Comedian, Autor und Rollstuhlbasketballer Tan Caglar (Angela Wulf)

Von Kind an drehte sich Tan Çağlars Leben um Basketball. Seit Anfang 20 kann er nicht mehr laufen. Heute widmet sich der leidenschaftliche Sportler der Comedy - mit dem Ball in der Hand.

Stellen Sie sich vor, Sie wären von Kindesbeinen an ein begeisterter Basketballspieler, es wäre aber klar, dass Sie eines Tages nicht mehr würden laufen können. Genau so war es bei Tan Çağlar, der heute als Comedian auf der Bühne steht und auch da immer einen Basketball dabei hat. Er sagt: "Wie ihr seht, und jetzt wird es emotional, hat mich das Schicksal nicht besonders gut behandelt. Ich bin von Geburt an gehandicapt, richtig, ich bin Türke und ich komme aus Hildesheim und ich bin Rollstuhlfahrer. Kann ich mal bitte ein bisschen Mitleid kriegen – anscheinend wart ihr noch nie in Hildesheim."

Schon als Kind war er basketballverrückt

Tan Çağlar sitzt auf der Bühne in einem schnittigen Sportrollstuhl, matt schwarz mit goldenen Speichen. In der Hand hält er einen Basketball. Der spielte in seinem Leben schon als Kind eine entscheidende Rolle. "Ich habe morgens am Frühstückstisch mit der einen Hand gedribbelt und mit der anderen das Frühstücksei aufgeschlagen, ich habe den mit ins Bett genommen wie eine Partnerin, ich war wirklich basketballverrückt."                                              

Bei Eintracht Hildesheim spielt er jahrelang in der Oberliga – bis "Spina Bifida" zuschlägt, eine seltene Fehlbildung des Rückenmarks und der Wirbelsäule, mit der Çağlar geboren wurde. Umgangssprachlich als "offener Rücken" bezeichnet, kann sich diese Krankheit in leichten Sensibilitätsstörungen bemerkbar machen oder aber auch in einer Querschnittlähmung. Mit Anfang 20 kann der leidenschaftliche Baketballspieler nicht mehr laufen und sagt sich: "Jetzt musst du dich damit beschäftigen, was machst du eigentlich, wenn die Basketballgeschichte hier vorbei ist, für die du ja so brennst." Er musste sich nach Alternativen umsehen. 

Im Rollstuhlbasketball ist Deutschland top

Reha, Depressionen und irgendwann ein Rollstuhlbasketballspiel im Fernsehen: Der Sport ist schnell, hart und vielleicht doch eine Alternative zum Basketball auf zwei Beinen. "Die deutsche Bundesliga ist die beste, die stärkste Liga der Welt, das darf man auch nicht vergessen, Rollstuhlbasketball ist in Deutschland eine Top-Sportart. Der Champions-League-Sieger kommt aus Thüringen." Nach anfänglichen Bedenken fährt Çağlar zum ersten Training. "Und dann hab ich auch gesehen, dass viele rumgelaufen sind nach dem Training, da hab ich gedacht, was ist das, die stehen nach dem Training auf und gehen nach Hause, sind das eure Pfleger?" Dann wurde ihm klar, dass Rollstuhlbasketball auch von Menschen ohne Behinderung gespielt wird. "20 Prozent aller Profis in der ersten Bundesliga haben keine Behinderung, das war eine Brücke zur Normalität", sagt Çağlar.
                     
Schnell zeigt sich: Technik, Taktik, Kampfgeist und spielerisches Talent sind immer noch da, und der Basketballer ist in seinem Element. "Dann kam ein Angebot aus Rahden, das ist so das gallische Dorf, das keiner kennt, aber einen guten Sponsor hat, und die haben sie so ein bisschen die Leute zusammengekauft." Çağlar dachte sich: "Wow, damit kann man Geld verdienen, das gibt's ja gar nicht. Und dann haben die dich dafür bezahlt und ich meine, ich hätte es auch umsonst gemacht. Aber dass das irgendwo honoriert wird und dass man sagen kann, ich habe einen Profivertrag, ist natürlich auch ein sehr sehr schönes Selbstwertgefühl letztendlich, wenn man das auch nach außen. 

"Da haben wir ja schon den ersten Gag"                                         

Von da an geht es Schlag auf Schlag. Çağlar leitet Seminare, in denen er mit gehenden Menschen Rollstuhlbasketball spielt und auf witzige Art und Weise von seinem Leben berichtet. Feedback eines Teilnehmers: "Das ist ja wie Comedy." Warum eigentlich nicht, denkt sich Çağlar: "Hab dann geguckt, gibt es eine Agentur, und gleich die erste angerufen." Als er den Chef am Telefon hatte, sagte er: "Hallo, hier ist der Tan aus Hildesheim, ich bin Rollstuhlfahrer und ich würde gern Stand-up machen." Zehn Sekunden war zunächst Stille am Telefon. "Dann haben wir gleichzeitig angefangen zu lachen und dann hat er gesagt: Weißt du was, da haben wir ja schon den ersten Gag. Da hat er gesagt, weißt du was, lass uns mal treffen."

Tan  Caglar sitzt in seinem Rollstuhl auf der Bühne und blickt hoch auf ein Mikrofon.  (Marek Kruszewski)Heute widmet sich der leidenschaftliche Sportler der Comedy. (Marek Kruszewski)
   
Seitdem ist der sportliche Comedian mit Basketball und Rollstuhl unterwegs – zwei Dinge, die Çağlars Leben prägen und die er nicht missen möchte. "Wenn ich mir überlege, der Rollstuhl hat dich dazu gebracht, dass du deinen geliebten Sport als Profi machen konntest, was ich als Fußgänger niemals geschafft hätte, aber dann auch auf die Comedy-Bühne gekommen bist, dann würde ich tatsächlich ins Grübeln kommen, wenn einer zu mir kommt und sagt, ich kann dich operieren und dann kannst du wieder laufen." Ihm fehle nichts. "Im Gegenteil. Es ist mehr da als vorher."

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