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Fazit / Archiv | Beitrag vom 29.06.2016

Baselitz-Ausstellung "Helden" in FrankfurtDer Held als einsamer Outsider

Von Rudolf Schmitz

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Der Maler Georg Baselitz vor seinem Bild "Große Nacht im Eimer" (John MacDougall / AFP)
Der Maler Georg Baselitz vor seinem Bild "Große Nacht im Eimer" (John MacDougall / AFP)

Mit dieser Ausstellung verabschiedet sich Kurator Max Hollein von Frankfurt: Er zeigt im Städel-Museum eine Werkreihe von Georg Baselitz mit dem Titel "Helden". Sie gilt als Schlüsselwerk im Schaffen des 78-jährigen Malers.

Georg Baselitz: "Das sind eben keine Helden, die die Fäuste schwingen, sondern die sehen kaputt aus, zerstört, zerlumpt, abgerissen. Und das war der Zustand, den ich beabsichtigt hatte".

Für Georg Baselitz ist es ein Wiedersehen nach 50 Jahren. Damals hatte er im Verlauf eines einzigen Jahres seine Helden gemalt, auch "Neue Typen" genannt. Das sind Mischwesen aus Partisanen, Hirten, Rebellen, Soldaten. Manchmal haben diese mittig und frontal gemalten Figuren nicht nur Tornister oder rote Fahnen dabei, sondern auch eine Palette mit Pinseln. Es sind einsame und ratlose Outsider und - kein Zweifel - in gewisser Weise auch Selbstporträts des jungen Baselitz, der nach einigen Skandalausstellungen in Berlin Orientierung suchte.

"Ich musste einfach demonstrieren und finden, was ich in Zukunft machen will. Und dafür braucht's bei Malern eine Darstellung, es braucht ein Bild, es braucht ein Dokument. Und aus diesem einem Dokument sind mehrere geworden, die aber bis auf Variationen alle gleich sind". 

Und obwohl das alles schon ein halbes Jahrhundert her ist, spürt man bei Georg Baselitz immer noch eine gewisse Verbitterung, wenn er über seine damalige Situation als junger Künstler spricht, der sich zu behaupten versuchte.

"Und natürlich gab es in Berlin ganz wenig Kunst, es gab zwei oder drei Galerien, Publikum eigentlich gar nicht, eine Handvoll Kunstinteressierte. Also die ganze Situation war so, dass man unbeobachtet arbeiten konnte und es auch keinen interessierte, geschweige denn, dass jemand die Absicht hatte, etwas zu kaufen. Also, das war ganz frei insofern. Meine Isolation war komplett, die habe ich mir auch selber auferlegt. Ich habe mich ja in Berlin, obwohl ich da lebte, verabschiedet, weil alles, was ich zu hören bekam, immer negativ war".

Die Helden sind beklemmende Märtyrergestalten

Von "Helden", was nach Naziideologie klang, oder von "Neuen Typen", was sich wie DDR anhörte, wollte damals niemand etwas wissen. Baselitz' Werkserie stand quer zu allem, was damals in Deutschland gemalt oder verhandelt wurde. Diese Bilder von Figuren mit kleinen Köpfen und großen Körpern, Händen und Füßen, zeigen überall Spuren der Verwüstung und Zerstörung: brandige Farben, aufgewühlte Erde, blutende Bäume, brennende Häuser. Die Helden sind beklemmende Märtyrergestalten und zugleich naive, kindhafte Riesen, die in Fallen feststecken, sich kaum bewegen können, auf der Stelle verharren.

Kurator Max Hollein: "Georg Baselitz hat diese Helden im Jahr 1965 gemalt, also mitten im deutschen  Wirtschaftswunderland, mitten in einer Aufbruchsstimmung, in einer Zeit, wo man  eigentlich die Vergangenheit hinter sich lassen wollte und schon geglaubt hat, sie hinter sich zu haben. Und insofern wirken damals diese Helden wie Gestalten, die wieder auftauchen, wie Gestalten, die eigentlich zurückkommen aus einer Vergangenheit, die man eigentlich schon verschüttet gedacht hatte". 

Und in der damaligen Zeit wirkten diese Bilder nicht nur inhaltlich wie Relikte der Vergangenheit. Gegenständliche Malerei war, bis zum Aufkommen der Pop Art, weitgehend verpönt, sie galt als überholt, ideologisch belastet, künstlerisch irrelevant.

Georg Baselitz: "Die Kunst, die üblich war, die war abstrakt, die war sehr schön, tachistisch nannte man das, die war farbig, die war lebensbejahend, sagte man auch, die war das Gegenteil von dem, was ich wollte und was ich gemacht habe". Warum?

Flower Power und die Che-Guevara-Verehrung

Heute macht es Spaß, die Helden-Bilder zu sehen. In den schlackernden Konturlinien der Figuren entfaltet sich eine Malerei, die zunehmend abstrakt wirkt. Hier bereitet Baselitz das Thema seines ganzen Werks vor: Wie lassen sich Abstraktion und Gegenständlichkeit verbinden, ohne dem amerikanischen Weg der Abstraktion oder der Pop Art zu folgen? Und verrückterweise muss man angesichts dieser Bilder von 1965/66 an die Jahre denken, die dann folgen: an Flower Power, Studentenbewegung, die neue Idolatrie des Rebellen, die Che-Guevara-Verehrung. Insofern scheinen diese Bilder nicht nur von der deutschen Vergangenheit zu handeln, sondern auch von der  unmittelbaren Zukunft zu sprechen. Denn damals beginnt die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit, durch die Auschwitz-Prozesse in Frankfurt, durch die Studentenbewegung. Insofern sind diese Bilder nicht nur Dreh- und Angelpunkt im Werk von Georg Baselitz, sondern auch symptomatisch für die Geschichte der Bundesrepublik. Ob der Maler das nun wahrhaben will oder nicht.

"Wenn man gut zurückschaut, und das ist eigentlich das, was ich immer mit Vorliebe mache, dann sieht man eigentlich genau das, was die Zukunft bringt. Man sieht das fast physisch vor sich. Ich finde, das Zurückschauen ist viel besser als das durchs Schlüsselloch gucken und an einer Utopie basteln. Das finde ich mühsam".

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