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Buchkritik | Beitrag vom 13.03.2019

Bartholomäus Grill: "Wir Herrenmenschen"Schonungslose Geschichte des Kolonialismus

Von Günther Wessel

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Im Vordergrund das Cover von Bartholomäus Grills "Wir Herrenmenschen", das mit Palmblättern illustriert ist, im Hintergrund ein Palmblatt vor dunkler Fläche. (Siedler Verlag/ Unsplash/ Vesela Vaclavikova)
Bartholomäus Grill zeigt, wie sehr der deutsche Kolonialismus heute noch in unserem Alltag widerhallt. (Siedler Verlag/ Unsplash/ Vesela Vaclavikova)

Bartholomäus Grill berichtet seit mehr als 25 Jahren aus Afrika für deutschsprachige Medien. Ein Journalist, der die Geschichte der Länder genauso kennt wie ihren Alltag. In "Wir Herrenmenschen" zeigt er, wie unsere Kolonialgeschichte bis heute unser Denken prägt.

Bartholomäus Grill begibt sich auf eine lange Reise - räumlich und zeitlich. Er fährt durch Afrika, nach China und in die Südsee, beschreibt Städte und Landschaften, erzählt von Menschen und ihrem Alltag und sucht sichtbare Spuren deutscher Kolonialgeschichte. Und findet sie in Berg- und Städtenamen, in Festungsbauten, Kriegerdenkmälern und Kliniken.

Steinerne Zeugen, oft mit furchtbarer Geschichte. In den Kliniken etwa wurden Menschenversuche durchgeführt - so von Robert Koch in Daressalam (Tansania). Und die Denkmäler gelten denen, die die Herrschaft der Weißen durchsetzten - mit willkürlichen Strafen, mit Prügel und systematischer sexueller Ausbeutung der einheimischen Frauen.

Der Terror war der Kolonialherrschaft immanent; mit Gewalt wurden die Afrikaner in das System der Plantagenwirtschaft gepresst. Das sorgte früh schon für Hungersnöte, denn so entstanden Monokulturen auf den besten Ackerflächen, und die Subsistenzbauern wurden verdrängt - worunter Afrika heute noch leidet.

Als "Viecher" bezeichnete der deutsche Kolonialoffizier Carl Peters die Afrikaner und begründete seinen Rassismus mit einer Mischung aus Bibelauslegung und Sozialdarwinismus.

Hutus und Tutsis hatten gemeinsame Sprache und Kultur

Ein Rassismus mit Folgen, bildete er doch den Urgrund für den größten Völkermord in der Geschichte Afrikas: Der Konflikt zwischen Hutus und Tutsis resultierte aus den ethnischen Zuordnungen, die koloniale Völkerkundler vornahmen - eine Einteilung in Stämme, die komplett ignorierte, dass beide Gruppen bis dato Sprache, Kultur und Alltag teilten.

Der Genozid in Ruanda, räumt Grill selbstkritisch ein, sei von ihm selbst auch als Stammeskrieg verharmlost worden - dabei geht er selbst sehr vorsichtig mit dem oft inflationär verwandten Genozid-Begriff um.

So bezweifelt der Journalist, ohne irgendeines der Verbrechen der Kolonialherren zu beschönigen, dass die Kriegsführung der Deutschen unter Lothar von Trotha in Namibia gegen die Hereros ein Völkermord gewesen sei - was ihn bei einigen Historikern isoliert und den ungewollten Applaus von der falschen Seite bringt.

Grill schont weder sich noch die Leser

Viele Fakten deutscher Kolonialgeschichte, die Grill aufgreift, sind bekannt. Doch was sein glänzend geschriebenes Buch so wertvoll macht, ist, dass er weder sich noch die Leser schont. Immer wieder reflektiert der Afrikakenner sein eigenes Denken und zeigt, wie unsere heutige Welt noch von kolonialer Geschichte geprägt ist.

Warum denken wir so häufig in Klischees? Warum konstruieren wir unser "wir" immer noch in (rassistischer) Abgrenzung gegen andere? Bartholomäus Grills Buch ist am Ende weit mehr als eine konzise Darstellung der deutschen Kolonialpolitik mit all ihren Schrecken. Es ist ein Appell: Menschen aller Kulturen und Hautfarbe genau als das anzusehen, was sie sind - als Menschen.

Bartholomäus Grill: Wir Herrenmenschen. Unser rassistisches Erbe: Eine Reise in die deutsche Kolonialgeschichte
Siedler Verlag, München 2019
280 Seiten, 24,00 Euro

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