Barbaros Altuğ: „Die dunkelste Nacht eines langen Winters“

Ein junger Mann verschwindet in Istanbul

06:51 Minuten
Ein grafisch gehaltenes Buchcover mit Autorenname Barbaros Altuğ, dem Titel "Die dunkelste Nacht eines langen Winters" und den Umrissen der Stadtansicht von Istanbul
© Orlanda Verlag, Leipzig

Barbaros Altuğ

Die dunkelste Nacht eines langen WintersOrlanda Verlag, Leipzig 2026

104 Seiten

19,00 Euro

Von Dirk Fuhrig |
Audio herunterladen
In der Türkei ist homosexuelles Leben bedroht. Der in Berlin im Exil lebende Schriftsteller Barbaros Altuğ spürt in „Die dunkelste Nacht eines langen Winters“ dem Mord an einem jungen Mann in Istanbul nach, dessen Aufklärung die Behörden verschleppen.
Ein junger Mann verschwindet. Spurlos. Mitten in Istanbul. Ein Fall, wie er immer wieder und immer häufiger vorkommt. In diesem Fall heißt der Mann Güneş, ist 31 Jahre alt, Türke, Ingenieur, Familienmensch. Er hatte sich vom Fitnessstudio, das er viermal wöchentlich besuchte, auf den Weg zu seiner Singlewohnung mit Bosporusblick gemacht.

Die Mutter betrachtete im Polizeipräsidium still weinend sein letztes von der Kamera des Studios festgehaltenes Bild, das ihn mit seiner Schirmmütze und einer über der Schulter hängenden Sporttasche aus schwarzem Leder zeigte, und ein animalischer Instinkt, über den nur Mütter verfügen, sagte ihr, dass sie ihren Sohn nie wiedersehen würde.

Schwul in der Armee

Erst nach einiger Zeit taucht die Leiche des Mannes auf. Der Ich-Erzähler im Roman wohnt - wie der Autor Barbaros Altuğ seit mehr als zehn Jahren - im Exil in Deutschland.

Davon, dass Güneş verschwunden war, erfuhr ich, als ich am Abend in die falsche Straßenbahn eingestiegen war und mit meinem Smartphone im Internet surfte. Auf den ersten Blick hatten wir außer dem Namen nichts gemein. Ich bin Autor, in den 50ern, und lebe in Berlin, er war 20 Jahre jünger und als Ingenieur bei den türkischen Streitkräften, die mich, der ich schwul bin, niemals in ihre Reihen aufgenommen hätten.

Der Erzähler bricht nach Istanbul auf, um herauszufinden, was mit seinem Namensvetter passiert ist. Dabei ist er konfrontiert mit den Ressentiments und offen geäußerten brutalen Ansichten gegenüber Homosexuellen, die ihn einst dazu gebracht hatten, die Heimat zu verlassen, um im liberalen Westeuropa Zuflucht zu suchen. Auf einer Polizeiwache wird er ganz offen beleidigt:

,Weißt du, Schreiberling, wir lieben unser Land, wir haben es nicht im Stich gelassen. Ich lasse nicht zu, dass darüber auch nur eine abfällige Zeile geschrieben wird. Weder von dir noch von sonst jemandem.’ Er besann sich einen Moment. ,Wenn du dich für dein Land interessierst, schreib über seine Schönheit, seine Strände, seine Küche und die heldenhaften anatolischen Männer, die im Freiheitskampf ihr Leben gelassen haben.’

Verfolgung sexueller Minderheiten in der Türkei

Die Sätze des chauvinistischen Polizisten lesen sich wie Schlagwörter aus den Werbekampagnen, mit denen die türkische Tourismusindustrie gerade in Deutschland verstärkt um Sonnenurlauber buhlt. Dass das Land ein in die Autokratie gekippter Staat ist, dessen Regierung nicht nur sexuelle Minderheiten zunehmend stärker verfolgt, sondern jede Art von politischer Opposition massiv unterdrückt, soll ausgeblendet werden.

Ahmet. In Istanbul von seinem Vater getötet. Weil er Männer liebte (...) Cevat. Als man ihn bei sich zu Hause fand, hatte er 14 Messerstiche im Körper. Deniz. Seine Mörder machten, nachdem sie ihm die Kehle durchgeschnitten hatten, eine Spritztour in seinem Auto. Dazu kommen Hunderte anderer Menschen, deren Namen wir nicht kennen und deren Geschichten wir nie erfahren werden. Die nach einem Grindr-Date verschwanden. Die unter einer Brücke zusammengeschlagen wurden.

Das, was nach einer schonungslosen Recherche klingt, ist nur der eine Teil dieses eindringlichen Buchs. Barbaros Altuğ möchte nicht nur solche erschütternden Einblicke aus dem Alltag liefern. Der Roman ist vor allem eine hochkomplexe und anspruchsvolle literarische Spurensuche.
Da sind zunächst die kurzen Zwischenkapitel, in denen Ausschnitte aus Thomas Manns „Der Tod in Venedig“ zitiert werden. Schon als Motto hat Altuğ seinem Roman einen Satz aus Thomas Manns berühmter Novelle um den alternden Liebesidioten Gustav von Aschenbach vorangestellt: "Die Sehnsucht ist ein Erzeugnis mangelhafter Erkenntnis."
Barbaros Altuğ verknüpft die harte realistische Erzählebene mit eigenen Reflexionen, die ins Philosophische und stellenweise ins Lyrische führen.

Gustav von Aschenbach in Istanbul

Der Erzähler als in die Jahre gekommener Mann sieht sich bei der Begegnung mit einem Jüngling in einem Istanbuler Café selbst in der Rolle des Tadzio-Anschmachters.

Sein Anblick ließ mich zwar nicht mein Alter vergessen, aber er beschwor etwas Vergangenes in mir herauf: nicht Hoffnung, sondern was vor der Hoffnung ist … das Gefühl einer Möglichkeit. Wie Aschenbach war auch ich in einem mir fremden Land und lud die Wärme eines fremden Körpers mit Bedeutung auf.

Man kann sich fragen, ob die Einbettung der Zitate aus „Tod in Venedig“ wirklich nötig gewesen wäre. Die poetische Kraft, die aus Altuğs fein komponierten - und von Johannes Neuner klangvoll ins Deutsche übertragenen - Sätzen spricht, ist auch ohne die Referenz auf den Lübecker Großliteraten enorm.
Dem Schriftsteller gelingt es in herausragender Weise, die Ungeheuerlichkeiten der Unterdrückung von Schwulen und Lesben in der Türkei mit Erinnerungen an die Jugend und die erste Liebe zu verknüpfen. Angst vor dem Altern und der Einsamkeit; existentielle Fragen, die mit dem Exil verknüpft sind; Reflexionen über Liebe, Zuneigung, Freundschaft.
Barbaros Altuğ verknüpft auch in diesem neuen Buch äußerst geschickt und überzeugend die Außenwelt mit der intimen Innensicht auf seine Hauptfigur. „Die dunkelste Nacht eines langen Winters“ ist ein wirklich beeindruckender und - angesichts der jüngsten Entwicklungen in der Türkei - leider hochaktueller Roman über unsere Gegenwart.
Mehr zu queerem Leben