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Thema / Archiv | Beitrag vom 20.01.2009

"Barack Obama repräsentiert das Amerika des 21. Jahrhunderts"

Sozialwissenschaftler Werz betont großen Vertrauensvorschuss in der Bevölkerung

Barack Obama und seine Frau Michelle Obama während der  Veranstaltung "We Are One: Opening Inaugural Celebration at the Lincoln Memorial" in Washington (AP)
Barack Obama und seine Frau Michelle Obama während der Veranstaltung "We Are One: Opening Inaugural Celebration at the Lincoln Memorial" in Washington (AP)

Der Sozialwissenschaftler Michael Werz hat Barack Obama als Präsidenten gewürdigt, der das Amerika des 21. Jahrhunderts repräsentiere. Rund um die Amtsübernahme des neuen US-Präsidenten sei zu spüren, dass die amerikanische Gesellschaft in Bewegung geraten sei, sagte Werz. Die Person Barack Obama symbolisiere dank seiner Biografie und Familiengeschichte sehr viel mehr als der Politiker Barack Obama.

Katrin Heise: To be part of history. Jeder will dabei sein, wenn in wenigen Stunden der erste farbige Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika die Amtsgeschäfte übernimmt. Millionen wollen mitfeiern. Es wird von Menschen berichtet, die 5000 Kilometer von Kalifornien nach Washington fahren, um diesen Moment nicht zu verpassen. Die Campingplätze sind angeblich voll, die Hotelbetten sowieso.

Michael Werz ist Sozialwissenschaftler an der Georgetown University in Washington, mit ihm habe ich vor dieser Sendung gesprochen. Ich grüße Sie, Herr Werz!

Michael Werz: Schönen guten Tag!

Heise: Sie benötigen keine Unterkunft für diese Zeit, Sie leben in Washington und erleben deswegen auch die ganze Zeit schon die Tage oder vielleicht muss man sagen Wochen der Vorbereitung. Gibt es eigentlich noch irgendein anderes Thema in Washington als die Amtseinführung?

Werz: Nein, es gibt überhaupt kein anderes Thema mehr. Die Spannung und auch die Hysterie steigert sich inzwischen stündlich. Sie können sich ja vorstellen, dass wenn man hier in dieser Stadt lebt und auch die Vorbereitungen hautnah miterlebt und gesehen hat, wie 12.000 Tourbusse in die Stadt und in die umliegenden Gegenden gekommen sind, und die vielen Menschen, die, wie Sie erwähnten, ungeheuer lange Anreisewege in Kauf genommen haben - das hat eine Stimmung produziert, die ist ganz außergewöhnlich.

Und das war auch schon in den vorhergehenden Tagen zu spüren, als in der Stadt über 200 Bälle stattgefunden haben, Partys, Feste, und der Stadtrat sogar sich entschieden hat zu unserer großen Freude, die Sperrstunde aufzuheben, sodass also garantiert war, dass man sich durchaus vergnügen konnte.

Heise: Also dass man quasi seit Sonntag durchfeiern kann bis Mittwoch. Wie bestellt, passte in den Jubel ja auch noch, dass der schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King gestern 80 Jahre alt geworden wäre. Versuchen Sie uns doch noch mal ein bisschen mehr von der Stimmung zu vermitteln, die im Moment herrscht rund um Sie herum.

Werz: Also es ist schwer zu beschreiben, wenn man das nicht mit eigenen Augen erlebt. Als am vergangenen Sonntag das große Konzert am Lincoln Memorial stattgefunden hat, bei dem Barack Obama sprach und eine ganze Garde von US-amerikanischen Musikstars aufgefahren wurde, da war das mit Händen zu greifen und zu spüren, denn es ist ein außergewöhnlicher Moment. Der Schauspieler Denzel Washington hat unter anderem dort gesprochen und hat gesagt: "We are one", wir sind eine Gesellschaft.

Und wenn man dann sieht, wie sich hier junge schwarze und ältere weiße Männer in den Armen liegen, dann wird einem ganz schnell bewusst, dass hier etwas Besonderes passiert, dass die amerikanische Gesellschaft in Bewegung geraten ist und dass die Person Barack Obama sehr viel mehr symbolisiert als der Politiker Barack Obama, weil er in der Tat jemand ist, der das Amerika des 21. Jahrhundert auch in seiner Biografie und in seiner Familiengeschichte repräsentiert.

Heise: Das heißt, alle gehen auf die Straße. Da gehen arm, reich, Mittelklasse, Intellektuelle, Leute, die arbeitslos sind, alle feiern mit?

Werz: Ja, es ist vielleicht nur noch zu vergleichen mit Fußball oder Sportfeiern, die wir sonst erlebt haben. Das ist wirklich ein Tag heute, an dem sich alle treffen. Die Veranstaltung ist ja öffentlich. Und Sie können sich vorstellen, wenn zwei Millionen Leute oder vielleicht sogar mehr sich heute Mittag auf den Washington Malls versammeln, dann ist das einfach ein Querschnitt durch die Bevölkerung.

Es gibt ungeheuer viele internationale Besucher. Ich bin erstaunt gewesen zu sehen, wie viele Leute man trifft, die aus Europa, aus Lateinamerika und sogar aus Südostasien angereist sind, weil sie wissen, das Foto von der Inauguration heute Mittag wird für die nächsten 50 oder 100 Jahre in den Schulbüchern der Welt abgedruckt sein. Und man spürt, dass die Leute Teil dieses historischen Ereignisses sein möchten.

Heise: Kann man da eigentlich noch unterscheiden, was genau gefeiert wird: die Demokratie, die amerikanische Nation oder der Superstar Obama?

Werz: Es ist etwas von allen diesen Momenten enthalten, aber die Washington Mall ist natürlich ein ganz besonderer Ort. Das war auch am Sonntag bei dem Konzert am Lincoln Memorial schon zu spüren, wo die Schauspielerin Queen Latifah gesagt hat: Amerika ist auf einer andauernden Reise. Und damit meinte sie Integration von Minderheiten und das Verhältnis der ethnischen Gruppen und der Hautfarbengruppen zueinander.

Und man merkt nicht nur, dass die Gesellschaft in Bewegung geraten ist, sondern auch der Ort ist ja ein politischer, der mit großen Steingebäuden bestückt ist, die ja eine Ikonografie der amerikanischen Demokratie bilden. Und insofern ist das überhaupt nicht wegzudenken.

Ein ganz wichtiger und sehr interessanter Punkt ist auch der, dass der amerikanische Präsident nicht wie ein Bundeskanzler in Deutschland vor dem Parlament vereidigt wird, wo sozusagen die Repräsentierten sich selbst mit dem Amt versehen, sondern er wird eingeschworen von dem obersten Verfassungsrichter. Das heißt, auch hier ist deutlich, dass es eine Trennung gibt zwischen der Autorität des Rechts und der politischen Macht, die ja für Amerika ein ganz wesentlicher Bestandteil der Gewaltenteilung ist.

Also die Metaphorik des Ortes und dessen, was dort geschieht, macht immer wieder deutlich: Es geht hier um substanzielle demokratische Formen in einem der wichtigsten Länder der Welt.

Heise: Heute ist Amtseinführung von Barack Obama. Washington gleicht einer Partyzone. Uns schildert Michael Werz, Sozialwissenschaftler an der Georgetown University, seine Eindrücke der letzten Tage und des heutigen Tages. Herr Werz, wo sind eigentlich die Anhänger der Republikaner, bleiben die zu Hause?

Werz: Nein, man kann nicht sagen, dass es hier eine parteipolitische Differenz gibt. Barack Obama hat ja durch kluge Nominierungen im Kabinett die Einbeziehung von republikanischen Politikern und auch durch eine politische Rhetorik, die sich immer an alle Amerikanerinnen und Amerikaner wendet, es geschafft, sich als Präsident des Landes zu etablieren und einen großen Vertrauensvorschuss, nach neueren Umfragen über 80 Prozent der Gesamtbevölkerung, zu erarbeiten.

Das bedeutet, dass heute auf der Washington Mall Nicht-Demokraten und Republikaner bzw. Demokraten und Nicht-Republikaner feiern werden, sondern es ist so, dass hier Amerikanerinnen und Amerikaner ihren neuen Präsidenten bei der Amtseinführung begleiten.

Heise: Irgendwie hat man immer das Gefühl, alle sind doch froh, wenn Bush gegangen ist. Was glauben Sie, was für eine Stimmung wird da sein während der Zeremonie, wenn George Bush verabschiedet wird?

Werz: Die Stimmung wird dem Umstand und dem Anlass angemessen sein. Barack Obama hat auch das schon sichergestellt und den Ton gesetzt, nachdem er vorgestern ein Interview gegeben hat und sagte, dass er eigentlich immer den Eindruck hatte, dass George Bush ein ganz guter Kerl sei. Das ist von oberster Stelle das Signal gewesen, keine Frechheiten, keine Gemeinheiten an diesem Tag der Amtseinführung, sondern es ist im Interesse der demokratischen Partei und auch des neuen Präsidenten, dass das locker, ernsthaft und auch in einer gewissen Würde über die Bühne gebracht wird.

Heise: Die Amtseinführung wird schon lange geprobt. Das Sicherheitskonzept ist sicherlich wahnsinnig ausgeklügelt. Was erwarten Sie beziehungsweise was erleben Sie auch schon an Sicherheitsvorkehrungen für diesen Moment?

Werz: Nun ja, das, was man sehen kann an Sicherheitsvorkehrungen, ist das, was bei solchen Großveranstaltungen zu erwarten ist. Es ist ein mehrere Quadratkilometer großer Teil der Stadt bereits seit Tagen abgesperrt, es gibt Straßenkontrollen. Seit heute Morgen um 3 Uhr sind die großen Autobahnen und Zufahrtstraßen gesperrt, die wichtigen drei Brücken über den Potomac River sind allesamt gesperrt für den Autoverkehr, dort dürfen nur Sicherheitsfahrzeuge und Fußgänger und Radfahrer sich bewegen.

Das heißt, die gesamte Stadt ist im Prinzip lahmgelegt heute. Außer der U-Bahn gibt es keine öffentlichen Verkehrsmittel, die sich in den gewohnten Gegenden und Straßen bewegen können.

Und auf der Mall selber gibt es designierte Zugangspunkte. Es wird im vorderen Teil, also bei den Zuschauerinnen und Zuschauern, die nahe an der Zeremonie sich aufhalten werden, Sicherheitskontrollen geben. Der Secret Service hat entschieden, dass es unmöglich ist, zwei Millionen Leute durch Sicherheitsschleusen zu bugsieren. Das heißt also, es wird sehr viel Kameraüberwachung, Zivilpolizei - es sind über 50 Polizeibehörden im Einsatz - geben, die versuchen werden, nicht nur gegen mögliche Anschläge, sondern auch die ganz normalen Schwierigkeiten, die bei solchen Massenveranstaltungen natürlich zu erwarten sind, versuchen zu bewältigen.

Heise: Die Stimmung der Menschen in Washington ist also großartig. Jetzt bin ich mal eine Spaßbremse: Ahnen die Leute eigentlich, dass ihre Hoffnungen in den Menschen Barack Obama viel zu hoch gegriffen sein werden?

Werz: Ja klar, das weiß natürlich jeder, dass die Fallhöhe enorm ist, weil die Idealisierungen sind einfach unglaublich. Aber es gibt eine andere, eine zweite Ebene, die, glaube ich, man versuchen muss zu sehen und zu verstehen. Was Barack Obama als Person, als erster schwarzer Präsident und 44. Präsident der Vereinigten Staaten, der aber von einer weißen Mutter und Großmutter aufgezogen wurde, dessen Vater ein Einwanderer ist, was er als Person symbolisiert für diese Gesellschaft, das ist unwiederbringlich etabliert.

Und das ist auch unabhängig, dass hier etwas erreicht worden ist, unabhängig von den politischen Enttäuschungen, die vielleicht folgen würden. Das heißt, es gibt eine Dimension seiner Präsidentschaft, die man als historisch bezeichnen kann mit Fug und Recht, und daran wird sich nichts ändern.

Dass die politische Situation sehr schwierig ist, wissen alle. Es gibt sehr interessante Umfragen, dass eine überwältigende Mehrzahl der Amerikanerinnen und Amerikaner bereit sind, ihm a) einen großen Vertrauensvorschuss zu gewähren und b) auch geduldig sind und wissen, dass beispielsweise die wirtschaftliche Situation sich nicht innerhalb eines oder zwei Jahren wird verbessern lassen.

Insofern ist es sozusagen ein gedämpfter Optimismus. Und Barack Obama hat am 4. November schon auf der Siegesrede in der Wahlnacht versucht, den Ton entsprechend zu setzen und die Erwartung zu dämpfen. Er hat das in einigen Interviews in den vergangenen Wochen getan, und er wird das sicherlich auch heute bei seiner Inaugurationsrede in genau diesem Kontext tun.

Heise: Herr Werz, Sie waren schon bei einigen Feierlichkeiten, auf Konzerten, auf Bällen - wo werden Sie in einigen Stunden sein?

Werz: Ich werde mit ungeheuer kalten Füßen auf der Mall stehen mit den zwei Millionen anderen Leuten und auf einer großen Videoübertragungsleinwand das sehen, was sich mehrere hundert Meter von mir entfernt abspielt.

Heise: Aus Washington der Sozialwissenschaftler Michael Werz. Vielen Dank, Herr Werz, für dieses Gespräch und einen schönen Tag des Feierns wünschen wir!

Werz: Ich danke Ihnen recht herzlich!

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