Banine: „Liebe ist Dir verboten"

Der lange Brief zum langen Abschied

Buchcover von  „Liebe ist Dir verboten. Ernst Jünger und ich“ von Banine: Zu sehen ist eine Foto von der Autorin in Schwarz-Weiß.
© Friedenauer Presse

Banine

Liebe ist Dir verboten. Ernst Jünger und ich. Aufzeichnungen 1942-1991Friedenauer Presse, Berlin 2026

304 Seiten

28,00 Euro

Von Jörg Magenau |
Als die französische Autorin Banine Ernst Jünger begegnete, verliebte sie sich sofort in ihn. Doch der Wehrmachtsoffizier und Autor von „In Stahlgewittern“ erweist sich als ungeeignet für große Leidenschaften. Das zeigen die Tagebucheinträge Banines.
Wenn „jemals eine Frau von ihrer Liebe besessen“ war, bekennt die französische Schriftstellerin Banine, „dann ich. Ich wurde von meiner wahnsinnigen Liebe so ergriffen, dass sich mein gesamtes Gefühlsleben auf sie konzentrierte. (…) Ich kann sagen, dass alle meine sentimentalen Kräfte für diese Liebe mobilisiert wurden, die fortan zum einzigen Sinn meines Lebens wurde.“

Zwischen Hingabe und Distanz

Banine, eigentlich Umm-El-Banine Assadoulaeff, wurde 1905 in Baku als Enkelin eines Ölmagnaten geboren. Seit 1923 lebte sie in Paris, wo sie während der deutschen Okkupation den Hauptmann der Wehrmacht, Ernst Jünger, kennenlernte. Ihm schickte sie ihren im Kaukasus angesiedelten Debütroman „Nami“, den Jünger auf seine Reise ins kaukasische Kriegsgebiet mitnahm.
Als er im April 1943 Banine einen ersten Besuch abstattete, war es um sie geschehen. Er notierte in seinem „Pariser Tagebuch“:

Nachmittags in der Rue Lauriston zu einem türkischen Kaffee bei Banine, einer Mohammedanerin aus dem südlichen Kaukasus, deren Roman „Nami“ ich kürzlich las. Ich fand darin Stellen, die mich an Lawrence erinnerten, auch eine ähnliche Rücksichtslosigkeit gegenüber dem Körper und seiner Vergewaltigung. Merkwürdig, wie weit ein Mensch sich von seinem Körper, von seinen Muskeln, Nerven, Sehnen wie von einem Instrument aus Tasten und Saiten entfernen kann – als Fremder lauschend der Melodie, die durch das Schicksal angeschlagen wird. Diese Begabung schließt immer die Gefahr besonderer Verletzung ein.

Jüngers Beobachtung ist prophetisch, ging es doch in dieser unmöglichen Liebe um nichts anderes, als um das Problem von Nähe und Distanz, von Leiblichkeit und all dem Schmerz, der daraus resultiert. Der soldatisch steife, auf Korrektheit achtende Jünger, den Banine einmal als „Gasflamme in einem Kühlschrank“ bezeichnete, war ein denkbar ungeeignetes Objekt für ihre Glut. Sie suchte die bedingungslose Hingabe, er bevorzugte die Halbdistanz, und wenn sie ihn geradezu abgöttisch verehrte, liebte er – was ihr nur allzu bewusst gewesen ist – weniger sie, als bloß ihre Liebe zu ihm, auf die er dann doch nicht verzichten wollte.
Jünger war verheiratet, hatte in Paris eine Affäre mit der Ärztin Sophie Ravoux, die fast zur Trennung von seiner Frau Gretha führte, und schon deshalb wenig Neigung, erneut Ehe und Nerven aufs Spiel zu setzen.

Tagebuchaufzeichnungen als „wahrhafte Berichte“ der Liebe

Doch gerade in dieser Konstellation wurde er zu Banines schicksalhaftem Verhängnis. Drei Bücher schrieb sie über ihn, die 1951, 1971 und 1989, zwei Jahre vor ihrem Tod, erschienen. Was sie darin jedoch verschwieg, war das Ausmaß ihrer Leidenschaft, die sie lediglich ihrem Tagebuch und diesem bisher unveröffentlichten Manuskript anvertraute, dem „wahrhaften Bericht meiner Liebe“, wie sie es nennt. Damit wollte sie sich freischreiben. An einer Stelle spricht sie gar von „Exorzismus“. Tatsächlich aber schrieb sie sich immer tiefer in ihre Verzweiflung hinein, sodass sie ihren Selbstbefreiungsversuch abbrach.
Diesen fragmentarischen „Bericht“ hat nun der Jünger-Experte Alexander Pschera unter dem Titel „Liebe ist Dir verboten“ übersetzt, herausgegeben, kommentiert und mit einem kenntnisreichen Vorwort versehen. Banine war klar, dass diese Suada des Leidens allenfalls postum publizierbar sein würde. Literarische Ansprüche erhob sie dabei nicht, und doch gelingen ihr atmosphärisch dichte Schilderungen.

Erinnerungen an gemeinsame Sommer in Antibes

Formal handelt es sich um einen langen Brief Banines an „J.“, den sie entweder direkt anspricht oder über den sie in der dritten Person schreibt. Im Zentrum der Erinnerungen stehen die gemeinsamen Sommeraufenthalte in Antibes an der Côte d’Azur 1950 und 51. Wir erleben einen Ernst Jünger in Badehose, der nach Knoblauch stinkt und sich die Füße massieren lässt.
Es sind Wochen der Nähe, in denen Banines Illusion einer gemeinsamen Zukunft auch deshalb wuchs, weil Jünger seine selbst auferlegte erotische Zurückhaltung nicht durchhielt. In der südlichen Atmosphäre von Meer, Haut und Sonne kam es zu Intimitäten, von denen auch Banine behauptet, sie nicht gewollt zu haben.
Jünger schrieb über diesen Aufenthalt zehn Jahre später den Reisebericht „Ein Vormittag in Antibes“, allerdings unter Weglassung der Liebesverwicklungen und mit gehöriger Selbststilisierung als zivilisationsmüder Europäer. Banine mag sich in ihm immer wieder getäuscht haben, besitzt aber doch einen genauen Blick auf ihn.

Wenn ich mich J. so nahe fühle, dann deshalb, weil für ihn die Erde, das Leben, der Mensch und sein Werk stets im Geheimnis der Welt eine Entsprechung finden. Für ihn ist ein Insekt kein einfacher Auswuchs der Natur, sondern ein Geschöpf, das in das unermessliche Geheimnis der Schöpfung und des menschlichen Abenteuers eingebunden ist.

Wer Jünger nicht mag, wird ihn in seiner egozentrischen Empathielosigkeit nach Banines Leidensbericht noch weniger mögen. Man kann hier aber auch eine überraschende Hilflosigkeit, aufblitzende Zärtlichkeiten und Brüche in der Charaktermaske des Unnahbaren entdecken und am Ende dieser Leidenschaftshöllenfahrt mit Banine zur wohltuenden Gelassenheit finden, so „unbedeutend wie ein Staubatom im Universum“ zu sein. Da zweifelt sie dann auch daran, dass ihre vernichtende Leidenschaft tatsächlich eine Form der Liebe gewesen sei und bekennt, in ihrem Leben „keinen Platz“ für die Liebe gehabt habe.
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