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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 06.09.2012

Bamiyan - Lichtblick mitten in Afghanistan

Wo die Taliban einst Buddha-Statuen zerstörten

Von Sabina Matthay

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Die Bande Amir Seenplatte in der zentralafghanischen Provinz bei Bamiyan. (Deutschlandradio Kultur / Sabina Matthay)
Die Bande Amir Seenplatte in der zentralafghanischen Provinz bei Bamiyan. (Deutschlandradio Kultur / Sabina Matthay)

Die internationale Intervention zur Vertreibung der Taliban aus Afghanistan brachte jedoch eine Wende: Bamiyan, die ruhigste Provinz des Krisenlandes, hat die Chancen genutzt, die sich mit international finanzierten Aufbau- und Entwicklungsmaßnahmen boten.

Touristen an den Ruinen der Buddhas von Bamiyan. Einst kamen jedes Jahr zehntausende aus aller Welt hierher, um die riesigen Statuen zu sehen. Das war vor dem Bürgerkrieg und vor dem Taliban-Regime. Heute besichtigt kaum jemand die gähnend leeren Nischen im roten Fels, die von der fundamental-islamischen Bilderstürmerei zeugen.

Doch ein Symbol für das Schicksal der zentralafghanischen Provinz sind die Nischen nicht. Denn das bitterarme, abgelegene Bamiyan hat die Chancen ergriffen, die die internationale Intervention mit sich brachte, und einen Wandel zum Besseren eingeleitet.

Der Provinzhauptstadt ist die Entwicklung der letzten Jahre deutlich anzusehen: Auf der Hauptstraße drängeln sich Laster mit Mopeds und Geländewagen. Überall wird gebaut und im Basar herrscht rege Betriebsamkeit. Auch im Schönheitssalon.

"Ich frisiere, schminke Bräute und verkaufe nebenbei noch Handarbeiten einer Frauenkooperative."

Sohaila Rezai hat den Salon vor ein paar Jahren mit Zustimmung ihrer Familie eröffnet. Die männlichen Ladenbesitzer im Basar machten ihr keinen Ärger, sagt die Mutter dreier Kinder.

Zur Zeit der Taliban wäre das undenkbar gewesen. Seit deren Sturz genießen die Frauen in Bamiyan wieder eine Freiheit, die für Afghaninnen ungewöhnlich, unter Hazara aber Gang und Gäbe ist. So wird Bamiyan als einzige Provinz von einer Gouverneurin regiert.

Doch nicht nur den Frauen dort haben die Jahre seit dem Sturz der Taliban viel gebracht.

"Bamiyan hat seit 2001 insgesamt große Fortschritte erlebt. Selbst in abgelegenen Teilen der Region sind viele Aufbauprojekte verwirklicht worden."

Engineer Basir leitet die Behörde für ländliche Entwicklung, das vielleicht wichtigste Amt in der Provinzregierung, denn Ackerbau und Viehzucht sind Lebensgrundlage der 360.000 Einwohner.

Basir ist ein Technokrat, der den sachten Aufschwung auf die gesamte Provinz ausdehnen möchte.

"Bisher haben 25 Prozent der ländlichen Gebiete in Bamyan von Entwicklungsmaßnahmen profitiert, haben Straßen, Brücken, Brunnen, kleine Wasser- und Solarenergieanlagen erhalten. Das heißt aber auch: 75 Prozent der Gebiete haben all das noch nicht."

Die Veränderungen schreibt Engineer Basir vor allem dem National Solidarity Programme zu, dem Aufbauprogramm der afghanischen Regierung, das die Bevölkerung einbindet. Auf Provinz-, Bezirks- und Dorfebene gibt es heute gewählte Räte, die über Entwicklungsprojekte mitentscheiden und sie umsetzen. Azim Farid ist Gouverneur des Bezirks Shebar, Heimat von rund 40.000 Menschen. Auch er lobt die Bürgerbeteiligung:

"Der Bezirksrat, mit dem ich hier zusammenarbeite, kennt die Bedürfnisse der Ortsansässigen und meist ist er auch effektiv."

Die oft erheblichen Bildungsmängel der Ratsmitglieder erschwerten die Arbeit manchmal aber, sagt Farid:

"Letztes Jahr musste Shebar einen Entwicklungsplan erstellen. Aber der des Bezirksrats war schlecht durchdacht und auch nicht formgerecht. Da musste ich auf Nachbesserungen dringen. In vielen anderen Bezirken war es allerdings genauso; es hat dann lange gedauert, bis ein Gesamtplan bei der Provinzverwaltung eingereicht werden konnte."

Der Bezirksgouverneur übt sich in Geduld. Der Lernprozess sei nötig. Übergehen könne er den Rat ohnehin nicht, schließlich sei der von der Bevölkerung gewählt. - Die Demokratie schlägt Wurzeln.

"Einmal im Monat kommen die Vertreter des Bezirksrats zusammen, zu Gesprächen im Rat und mit dem Gouverneur und inzwischen auch zu Schulungen, mit denen die Aga Khan Stiftung sie für ihre Aufgaben fit macht."

"Die zeigen uns, wie wir Projekte verwalten, überwachen und bewerten, wie wir Treffen mit den Bürgern abhalten und wie wir Streit schlichten."

Zwar wurden die lokalen Räte zur Umsetzung von Aufbauprojekten erfunden, doch längst sind sie zu Instanzen geworden, die auch Konflikte um Bewässerungsanlagen und Landbesitz beilegen. Gegengewichte zu Mullahs und Stammesältesten, den traditionellen Entscheidern hier, vor allem auf dem Dorf.

Sadbargh mit seinen 2500 Einwohnern liegt nicht mal 40 Kilometer von der Provinzhauptstadt entfernt. Doch selbst mit dem Geländewagen braucht es zwei Stunden über Schotterstraßen und durch manchen Bach, um in das abgeschiedene Tal zu gelangen. Besucher werden hier freundlich aufgenommen, die Teetassen klappern, während man es sich zum Gespräch gemütlich macht.
Die letzten Jahre haben viel verändert, heißt es in der Runde. Die Menschen haben entdeckt, dass sie gemeinsam stark sind.

"Seit es den Dorfrat gibt, ziehen die Leute an einem Strang. Sie kommen zusammen, um Probleme zu lösen. Früher ging einer mit seinen Anliegen allein aufs Amt, der wurde gar nicht ernst genommen. Der Dorfrat aber verschafft sich Gehör."

Der Rat von Sadbargh verlangt zum Beispiel Gespräche mit den Betreibern einer großen Eisenerzmine in der Gegend. Die Regierung in Kabul hat einem indischen Konsortium letztes Jahr die Lizenz zur Erschließung erteilt. Die Menschen in Sadbargh versprechen sich Jobs und Aufschwung davon

Bis dahin lebt Sadbargh von der Landwirtschaft. Die Felder entlang des Flusses sind klein und werfen im kurzen Sommer des Hochplateaus nur eine Ernte ab. Kartoffeln, Weizen und Obst reichen grade für den Eigenbedarf.

Die Landwirte loben die Bewässerungssysteme und sind zufrieden mit den kleinen Solaranlagen. Aber noch immer gibt es keine Trinkwasserbrunnen und keine medizinische Versorgung im Tal. Straßen müssen befestigt und vor allem müssen mehr Schulen eingerichtet werden. Denn in Sadbargh ist der Bildungshunger groß, wie überall in Bamiyan. Eine Schülerin liest an der Tafel. Sie geht in die achte Klasse. Ihre Lehrerin Homeira, die auch die Frauen von Sadbargh im Dorfrat vertritt, hat die Schule nicht länger besucht. Doch beim Sturz der Taliban gehörte Homeira zu den wenigen, die noch Lesen und Schreiben konnten.


"Es gab einfach keine Lehrer mehr. Deshalb wurde ich 2001 als Lehrerin ausgewählt. Ich unterrichte bis heute."

Denn der Bedarf an Lehrkräften ist groß.

"Unsere Kinder sollen es einmal besser haben, sie dürfen nicht so ungebildet bleiben wie wir. Wir sind blind. Aber sie können sehen."

Der fünffache Familienvater Abdullah steht für die Mehrheit der Hazara. Wegen der Kriegswirren und weil der Staat einfach keine Schulen baute, keine Lehrer schickte, blieb ihnen Bildung versagt.

Die Hazara haben erkannt, dass ihre Kinder die verpassten wirtschaftlichen Chancen durch eine gute Ausbildung wettmachen können, sagt Bezirksgouverneur Azim Farid:

"Alle schiitischen Hazara lassen ihre Söhne und Töchter einschulen. Viele ermöglichen dem Nachwuchs sogar den Gymnasialbesuch und dann ein Studium."

Der Bildungseifer der Hazara schlägt sich in den zentralen Hochschulzulassungsergebnissen nieder. Seit Jahren erzielen die Hazara-Provinzen Bamiyan und Daikundi die besten Resultate, obwohl sie immer noch am wenigsten entwickelt sind. Der Anteil der Hazara an den Studierenden liegt deutlich über ihrem Anteil an der afghanischen Bevölkerung. Nach dem Studium winken lukrative Jobs bei ausländischen Botschaften und internationalen Organisationen in Kabul, mit denen sie die Familien zuhause unterstützen.

Im Bezirk Shebar gab es vor der Intervention des Westens grade mal vier Grundschulen, heute werden 27 gezählt sowie fünf Gymnasien. Eine enorme Veränderung, aber noch nicht genug.

Das gilt auch für andere Bereiche. Azim Farid, der Gouverneur des Bezirks Shebar schätzt deshalb, dass Unterstützung von außen noch Jahre, eher Jahrzehnte nötig ist, um die Entwicklung voranzutreiben und einen gewissen Wohlstand in Bamiyan zu verankern.

"Das Budget des Bezirks wird zu 90 Prozent durch internationale Hilfsgelder finanziert. Von den 7000 Dollar, die wir jedes Jahr aus Steuern und Abgaben einnehmen, können wir ja nicht mal alle öffentlichen Bediensteten bezahlen."

Farid argwöhnt, dass mit dem Herannahen des Abzugs der Internationalen Schutztruppe ISAF auch die zivile Entwicklungshilfe versiegen und der Aufbau gefährdet werden könnte. Eine Befürchtung, die in Bamiyan weithin geteilt wird.

Engineer Basir, der Leiter der Abteilung für ländliche Entwicklung in Bamiyan, weist darauf hin, dass der Aufbau des Zentralen Hochlands ohnehin nicht üppig finanziert wird:

"Vorhaben in Bamiyan veranschlagen vielleicht 30 000 Dollar, meist sind es sogenannte Mikroprojekte."

Hilfsorganisationen bestätigen, dass die Provinz vom afghanischen Staat und von ausländischen Gebern finanziell deutlich geringer ausgestattet wird als andere Landesteile, und dass sie, gemessen an Infrastruktur und sozialen Indikatoren, noch immer rückständiger ist als der Rest Afghanistans.

Die Hazara würden nach alter Manier vernachlässigt, meint Engineer Basir:

"Die Menschen hier sind überwiegend Shi'iten, aber die Regierung ist von Paschtunen dominiert, das wirkt sich auf die Entscheidungen aus."

Denn Kabul wolle nicht, dass die Minderheit vom Wiederaufbau profitiere, davon ist er überzeugt.

Basir beklagt, die ausländischen Geber finanzierten vor allem den unruhigen Süden und Osten Afghanistans, um die Lage dort zu stabilisieren. In Kandahar und Helmand seien Großprojekte von zehn Millionen Dollar nicht unüblich, deren Effekt aber fragwürdig ist. In Bamiyan drängt man schon seit Jahren auf den Bau großer Wasserkraftwerke, die auch andere Landesteile beliefern könnten.

Möglicherweise hat das kleinere Budget Bamiyan aber auch Missmanagement und Korruption erspart, die im Süden und Osten von den vielen Hilfsgeldern befeuert worden sind.

Schüsse hört man in Bamiyan selten. Hier üben die 120 neuseeländischen ISAF-Soldaten, die in der Provinzhauptstadt stationiert sind. Ein kleines Kontingent, ein kleiner Stützpunkt.

Bamiyan ist die wohl ruhigste Provinz Afghanistans, der paschtunische Aufstand hat in der Schiiten-Region nicht Fuß fassen können.

Offiziell sorgen afghanische Sicherheitskräfte hier seit letztem Jahr für Ruhe und Ordnung. Allerdings gibt es in Bamiyan so wenig Polizisten wie nirgends sonst in Afghanistan: Ein Polizist auf 1.200 Einwohner, einheimische Soldaten gibt es gar nicht.

Auch deshalb denken die Menschen hier nur ungern an den geplanten ISAF-Abzug 2014. Schon jetzt leiden sie indirekt unter der Instabilität des Umfelds, sagt der Vorsitzende des Bezirksrates von Shebar:

"Das Hauptproblem hier ist die Unsicherheit, die von den Nachbarprovinzen ausstrahlt. Shebar grenzt an Baghlan, Maidan Wardak, Parwan."

Dort ist Bandenkriminalität virulent, hat der Aufstand zugelegt. Taliban, Hisbi Islami, Al Qaeda machen die Verbindungsstraße nach Kabul mittlerweile so unsicher, dass Versorgungsengpässe nach Worten von Azim Farid, dem Bezirksgouverneur von Shebar, zu starken Preiserhöhungen geführt hätten:

"In Kabul kostet ein Liter Benzin 45 Afghani - knapp 70 Euro-Cent - in Bamiyan werden inzwischen 85 Afghani dafür veranschlagt, fast eine Verdoppelung des Preises."

Ähnlich sei es mit Baumaterial und Lebensmitteln. Denn LKWs und Tanklaster würden immer wieder überfallen. Deshalb ist der Verkauf landwirtschaftlicher Erzeugnisse nach Kabul ebenfalls schwierig geworden.

Die Instabilität der angrenzenden Provinzen gefährdet die Entwicklung in Bamiyan auch aus anderen Gründen, erzählt ein Mitglied des Bezirksrats von Shebar. Hilfsorganisationen würden sich nicht mehr in die Randgebiete wagen, Geber keine Projekte finanzieren:

"Wir haben weder genügend Gesundheitsstationen noch Schulen. Und selbst wenn wir die hätten, dann kämen keine Lehrer, Ärzte und Pfleger aus Furcht vor Angriffen."

Noch ist diese Furcht unbegründet. Weil die meisten Menschen sich noch gut an das Taliban-Regime erinnern, ist die Angst vor deren Rückkehr nach dem Abzug des Westens aber groß.

Einstige Milizführer der Hazara scharen angeblich schon wieder Kämpfer um sich, dabei ist die große Mehrheit in Bamiyan die Konflikte leid. Denn auch die Erinnerung daran, wie die Kommandeure einander bekriegten, ist noch lebendig:

"Wir haben in den letzten Jahren so viel erreicht, uns geht es so viel besser, wir lassen nicht zu, dass irgendjemand hier für Unruhe und Chaos sorgt."

Die Kinder, die vor den leeren Nischen der zerstörten Buddha-Statuen spielen, sind zu jung, um sich an die Gewalt der Taliban, die Bandenkämpfe der Warlords oder an die einzigartigen Standbilder zu erinnern.

Viele Erwachsene wünschen sich jedoch den Wiederaufbau der Monumente, die das Bamiyan-Tal einst prägten.

"Sie müssen unbedingt wieder errichtet werden! Dies ist ein geschichtsträchtiger Ort, die Buddhas standen für eine wichtige Periode der Geschichte Afghanistans."

Der junge Mann, der sich das wünscht, ist jedoch kein Hazara aus Bamiyan, sondern ein Paschtune aus Kandahar. Aus der Stadt also, in der die Taliban-Bewegung einst ihren Ausgang nahm. Kein Eiferer jedoch. Vielleicht sind moderate Afghanen wie er die größte Hoffnung für Bamiyan.

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