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Zeitfragen | Beitrag vom 06.05.2021

Bäume und KlimaDie Suche nach dem Wald der Zukunft

Von Marko Pauli

Douglasien in Pflanzhüllen als Schutz in einem Wald in Niedersachsen  (picture alliance / blickwinkel/J. P. Burkhardt)
Junge Douglasien in Niedersachsen: Sind exotische Arten die Rettung für unsere Wälder? (picture alliance / blickwinkel/J. P. Burkhardt)

Dem Wald in Deutschland geht es so schlecht wie nie zuvor. Verantwortlich dafür sind Dürre und Stürme, aber auch die anfälligen Monokulturen. Derzeit werden daher Baumarten aus anderen Klimaregionen getestet. Doch Experten warnen.

Jana Ballenthien, Waldreferentin bei Robin Wood, steht zwischen alten Buchen und Eichen im Sachsenwald, dem größten zusammenhängenden Waldgebiet Schleswig-Holsteins. Hinter ihr fällt ein einzelner riesiger Nadelbaum auf. Eine Douglasie, sagt sie, eigentlich in Nordamerika zuhause.

"Man sieht sie schon von weitem, die überragt ja alles. Wächst ziemlich schnell, auch im Verhältnis zu Fichten oder unseren heimischen Laubwäldern. Die Waldwirtschaft hat die Idee, diesen Baum als neuen Brotbaum einzusetzen."

Als möglichen Ersatz also für die vielseitig einsetzbare und häufig verkaufte Fichte, die so stark unter Stürmen und Dürre gelitten hat wie kein anderer Baum hierzulande.

Exotische Arten als Rettung?

Teile der Waldwirtschaft pflanzen derzeit Douglasien und andere exotische Arten, verbunden mit der Hoffnung, dass sie besser mit dem Klimawandel zurechtkommen. Neue, oft schnellwachsende Bäume, mit denen sich zudem bald Profit machen lässt. Die Lösung für den zukünftigen Wald? Jana Ballenthien ist skeptisch.

"Diese Arten sind hier nicht angepasst an dieses Ökosystem. Das kann fatale Folgen haben, wenn die zum Beispiel auch andere Milben und Insekten mitbringen. Wie die Douglasien-Wolllaus, die keine normalen Fressfeinde hat und sich hier schlagartig vermehrt."

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Pierre Ibisch, Biologe und Professor an der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde untersucht die Ökosystem-Funktionen und -leistungen von Wald. Er schlägt in die gleiche Kerbe: Der Klimawandel werde über die kommenden Jahre noch unbekannte Anforderungen an den Wald stellen. Wie einzelne Arten darauf reagieren, könne niemand voraussehen.

"Ich vertraue da etwas mehr dem Ökosystem. Dieses haushaltende, vernetzte System, das ja nun mal Wald ist. Das ist nicht eine Ansammlung von Bäumen, die nebeneinander stehen, sondern es ist dieses über lange Zeit im Zuge der biologischen und ökologischen Evolution entstandene Gefüge zwischen Bakterien, Pilzen, diesen ganzen Mikroorganismen im Boden, aber auch in den Pflanzen, auf den Pflanzen."

Nur noch ein Fünftel der Bäume gesund

Demnach könnte eine Lösung für die Zukunft in der Bewahrung und Stärkung der einheimischen Wälder liegen - denen es derzeit immer schlechter geht: Laut der letzten Waldzustandserhebung war nur noch etwa ein Fünftel der Bäume gesund. Bei der Fichte starben über vier Prozent der Bäume ab, üblich sind Werte von 0,1 Prozent. Mancherorts liegen hektarweise graubraune Fichten auf den Böden.

Pierre Ibisch, der zur Waldentwicklung in Kiefernforsten forscht, hat sich an solchen Orten umgesehen. Er beobachtet, dass dort gerade erneut großer ökologischer Schaden verursacht werde.

"Auf diesen Flächen wird jetzt normalerweise geräumt, als wäre da irgendwie ein Unfall passiert und der Blechschaden wird weggeräumt. Tatsächlich wird der Waldboden fast flächig befahren, die Bäume werden teilweise sogar mit den Wurzeln entfernt. Ich habe Flächen gesehen in Rheinland-Pfalz, wo Kahlschläge passiert sind und neue Monokulturen angelegt wurden mit Douglasien", sagt er.

"Und ich war im Oberbergischen und in verschiedenen anderen Gebieten in Niedersachsen: teilweise ganze Landschaften entwaldet. Ich mache mir große Sorgen tatsächlich, wie die Deutsche Forstwirtschaft umgeht, vor allem mit dem Fundament des Waldes der Zukunft, das ist nämlich der Boden."

Totholz ist wichtig für das Ökosystem

Was den Boden, aber auch das, was auf ihm liegt, für einen Wald so wertvoll macht, zeigt Jana Ballenthien im Sachsenwald. Sie steht vor einem augenscheinlich schon lange toten Baumstumpf:

"Hier können wir das ganze Spektrum des Lebens sehen, wir werden hier unterschiedliche Käfer finden, wir werden hier unterschiedliche Pilze finden und auch Mikroorganismen. Und gleichzeitig ist das Totholz auch ein wunderbarer Fundus an Nährstoffen für den kompletten Rest des Waldes, das vermodert jetzt hier so nach und nach über die Jahrzehnte und Jahrhunderte", sagt sie. "Alle anderen Bäume, die hier herumstehen, profitieren davon. Und gleichzeitig ist es auch so, dass diese dicken Stämme natürlich ein genialer Wasserspeicher sind."

Das Totholz abgestorbener Bäume nährt, sorgt für Artenvielfalt und bietet in trockenen Zeiten Feuchtigkeit. Darunter liegt dann das eigentliche Fundament.

"Ich habe mal das Laub zur Seite geschoben und wenn wir jetzt hier mal ein bisschen graben, dann sehen wir hier sehr sehr schwarze Erde, das ist Humus und wenn wir weiter graben, dann finden wir immer weiter Humus. Und dieser Humus, das ist auch ein Erbe, das uns diese Wälder schenken, das unglaublich wichtig für uns ist. Dieser Humus speichert nämlich nicht nur Feuchtigkeit und Nährstoffe, sondern das ist auch unsere CO2-Senke, das ist unser Speicher."

Waldboden einer der wichtigsten CO2-Speicher

Laut Thünen-Institut entzieht der Wald in Deutschland jährlich etwa 62 Millionen Tonnen CO2 aus der Atmosphäre – etwa sieben Prozent der gesamten deutschen Treibhausgas-Emissionen. Der Boden gilt dabei als einer der wichtigsten Speicher.

Speziell unter großen und alten Bäumen zeigt sich einer aktuellen australischen Studie zufolge eine große Menge an gespeichertem Kohlenstoff – die bisher übersehen wurde und für den Erhalt alter Bäume und des Bodens unter ihnen spricht.

Um die Fruchtbarkeit und Feuchtigkeit des Bodens zu bewahren, sollte er schattig bleiben, es darf also das Kronendach nicht aufgerissen werden durch das Abholzen zu vieler Bäume. Zudem gewährleistet nur eine Vielfalt an Baumarten, dass nicht der gesamte Wald stirbt, wenn einzelne Arten eingehen.

Profit vor ökologischen Kriterien

Für die Waldbesitzenden allerdings bedeuten solche Maßnahmen weniger Profit. Um ihnen zu helfen, schüttet die Bundesregierung gerade Subventionen aus. Die Auszahlung wird pro Hektar geleistet – wer viel besitzt, bekommt auch viel. Ökologische Kriterien spielen dabei kaum eine Rolle. Ein weiterer Fehler, sagt Pierre Ibisch.

"Es müssten die Waldbesitzenden gefördert werden, die in der Vergangenheit und auch aktuell schonend umgehen mit ihren Böden, die die Wälder nicht so stark auflichten und heißschlagen", meint er. "Menschen, die Wald auch stärker sich entwickeln lassen in Bezug auf höhere Biomassevorräte, mehr biologische Vielfalt in den Wäldern. Denn das wissen wir ja nun ganz genau: Das sind die ja Erfolgsfaktoren, die den Wald in die Zukunft tragen: Wasser, Boden, biologische Vielfalt, Strukturvielfalt - das ist zu fördern."

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