Baden-Baden

Wie der Ukraine-Krieg in die Provinz kam

08:01 Minuten
Ein Blick über die Kurstadt Baden-Baden mit grünen Hügeln und Kirchturm.
Grüne Hügel, Kirchturm: Idylle pur in Baden-Baden, gestört durch einen joggenden Barkeeper, der ein Video gepostet hat. © picture alliance/dpa/Uli Deck
Von Katharina Thoms · 29.03.2022
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Baden-Baden ist eigentlich ein ruhiger Ort, den besonders reiche Russen schätzen. Doch der Krieg in der Ukraine macht auch vor der Kur- und Bäderstadt nicht halt. Für einen Barkeeper und einen Restaurantbesitzer hat ein Vorfall alles verändert.
Die Frühlingsfarben explodieren gerade in der Weltkulturerbestadt Baden-Baden, seit langem Sehnsuchtsort für Russen in Deutschland. Jetzt, mit dem Ukrainekrieg, ist der Konflikt auch mitten in der Stadt angekommen.
In einem Video joggt ein Mann durch die Baden-Badener Innenstadt, Ukraine-Flagge auf der Brust: „Ruhm der Ukraine. Keiner ist über eure Anwesenheit hier froh, ihr Russen! Merkt euch das. Tod für alle, die auf das ukrainische Territorium einmarschiert sind“, sagt er.
Keine zwei Wochen ist das her. Der schimpfende Mann im Video: Igor Golod, Ukrainer, seit neun Jahren in Baden-Baden. Er droht in dem Video: „Unsere Stadt ist ruhig, aber in den Großstädten kann es dazu kommen, dass ihr blutig geprügelt werdet. Passt also auf, denkt nach und sagt: Ruhm der Ukraine!“

Irgendwann ist der Kopf geplatzt

Warum er das gepostet hat? Verzweiflung, sagt Golod. Zu dem Zeitpunkt sei seine Familie in Kiew und Odessa auf der Flucht gewesen. Seine Eltern, Schwester, die Eltern seiner Frau. „Und kein Kontakt, gar nix. Ich weiß nicht, wo ist unsere Familie. Ich war schockiert, es dauerte da schon drei, vier Tage. Ich habe nicht geschlafen, ich musste arbeiten. Und dann irgendwann ist der Kopf geplatzt“, sagt er.
Golod sitzt mit seiner Frau an ihrem Wohnzimmertisch. Seit er das Video gepostet hat, steht sein Leben kopf. Nicht nur seinen Job als Barkeeper in einem Baden-Badener Edelrestaurant hat er deswegen verloren. Er und seine Frau Inna Migas werden als Rassisten, Faschisten beschimpft – in Hunderten Kommentaren werden sie im Netz beleidigt.
Die beiden wehren sich, haben sich an die Medien gewandt. Viele berichten über den Fall – auch weil der ukrainische Außenminister auf seinen Social Media-Kanälen die Geschichte verbreitet hat. Dmytro Kuleba schreibt: Der Restaurant-Besitzer habe „die Wahrheit über Tausende getötete ukrainische Zivilisten nicht hören“ wollen. Er sei ein „Russenversteher“, wolle nur seinen Ruf bei der russischen Kundschaft retten.

Anfeindungen von allen Seiten

Im Restaurant Rizzi in Baden-Baden geht die Kundschaft ein und aus wie immer. Der Inhaber Peter Schreck äußert sich jetzt zum ersten Mal selbst in den Medien. Aber nur am Telefon: „Das hat für mich schon rassistisch geklungen, weil er so massive Worte verwendet hat."
Schreck sagt: Er hat überreagiert. Das Restaurant wurde inzwischen hundertfach angefeindet, vor allem im Internet – diesmal geschah dies aber wegen der Entlassung. Zunächst allerdings wegen des Videos. Hat Schreck also dem Druck der russischen Community nachgegeben?
„Das war wie so ein Hagel von allen Seiten, im Prinzip auch von Deutschen, die einfach gesagt haben, so etwas geht nicht. Und natürlich auch russische Gäste. Und der ausschlaggebende Grund war, dass wir gesagt haben, wir müssen ihn jetzt entlassen, weil sonst das Ganze eskaliert. Da waren schon russische Menschen da, die ihn gesucht haben“, sagt Schreck.

Nach dem Kriegsausbruch war alles anders

Igor Golod versteht das trotzdem nicht. Er hatte sich nach seinem Ausbruch öffentlich entschuldigt. Er sei außerdem beliebt gewesen bei Gästen und dem Team: „Das war komplett international. Ich habe keine Probleme mit russischen Leuten, keine Probleme mit anderen Nationalitäten.“
Zum Beweis zeigt er ein Video aus dem letzten Jahr, die Kollegen feiern ihn. Restaurantbesitzer Schreck bestätigt das gute Verhältnis. Aber nach dem Kriegsausbruch in der Ukraine sei alles anders gewesen. „Da war das erste Mal, dass sich jemand beschwert hat, dass er gesagt hat: 'Er möchte keine russischen Gäste sehen.' Zwei, drei Tage später haben sich dann immer mehr gemeldet, die das Gleiche erlebt haben“, erzählt Schreck.

"Unser Leben ist zerstört"

Der Fall polarisiert weit über die Stadt hinaus, ist insgesamt aber noch eine Ausnahme. In der Gastrobranche gibt es immer wieder Meldungen über Diskriminierung von russischsprechenden Menschen. Der Hotel- und Gaststättenverband Baden-Württemberg erklärt aber auf Anfrage „eine 'Verschärfung des Problems' können wir nicht faktenbasiert bestätigen.“
Igor Golod und Inna Migas sind wütend, auch verängstigt und haben sich einen Anwalt genommen: „Wir kämpfen für unsere Rechte. Unser Ruf ist zerstört. Unser Leben ist auch zerstört. Wir wissen nicht, wie es weitergeht. Wir machen uns Sorgen um unser Leben. Aber wir werden unsere Ukraine nicht verraten.“
Peter Schreck bereut seine Entscheidung längst. Er hofft, dass man sich einigen kann. Wieder einstellen wolle er Golod in der Situation nicht. Aber: „Wir hätten sagen müssen: 'Wir stellen ihn mal für ein paar Monate frei.' Es war ein Fehler.“

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